{"id":1597,"date":"2021-01-28T13:00:27","date_gmt":"2021-01-28T13:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/?p=1597"},"modified":"2021-03-04T14:29:10","modified_gmt":"2021-03-04T14:29:10","slug":"interview-mit-rafael-koller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/2021\/01\/28\/interview-mit-rafael-koller\/","title":{"rendered":"Interview mit Rafael Koller"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">An einem sonnigen Winternachmittag mache ich mich auf den Weg in die Stadt Luzern. Dort an einer stark befahrenen Strasse steht umrundet von Neubauten ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges h\u00fcbsches H\u00e4uschen. Im Treppenhaus knarzt die alte Treppe, das Haus muss wohl 100 bis 200 Jahre alt sein. Im obersten Stock wohnt und arbeitet Rafael Koller <\/span><span class=\"s1\">\u2013 Er ist als Illustrator bei der Agentur Erlebnisplan angestellt und selbst\u00e4ndiger (Freelance)-Illustrator und K\u00fcnstler. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auf die Frage, wie er zum Beruf Illustrator gekommen sei, erkl\u00e4rt Rafael, dass er urspr\u00fcnglich nach dem Vorkurs ja ein Fotografiestudium in Z\u00fcrich beginnen wollte. Den Sprung von der Warteliste in den Studiengang schaffte er jedoch um Haaresbreite nicht. Er entschied nach einem Zwischenjahr kurzerhand, dass er wohl noch einen Plan B haben sollte, sofern es ein zweites Mal nicht klappen sollte. Und da kam ihm in den Sinn, dass er schon immer sehr gern gezeichnet hatte. R\u00fcckblickend stellte er auch fest, dass er bereits in der Kindheit sehr viele Zeichnungen gemacht hat, die wissenschaftlicher Natur waren. Er zeichnete Dinos und konnte verschiedenste Walarten aus dem Kopf.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span class=\"s1\"><em>\u00abIch konnte mir aber selbst bis zum Ende des Studiums nicht recht vorstellen, von diesem Beruf leben zu k\u00f6nnen\u00bb.<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Er schaffte erfolgreich die Aufnahme in den Studiengang Illustration Nonfiction in Luzern. <em>\u00abIch konnte mir aber selbst bis zum Ende des Studiums nicht recht vorstellen, von diesem Beruf leben zu k\u00f6nnen\u00bb.<\/em> Trotzdem schloss er das Studium ab und realisierte, dass er wissenschaftliche Illustration zwar extrem spannend fand, aber dass er noch mehr Potenzial in andere gestalterische Richtungen sah und diese ausbauen wollte. Aus diesem Grund beschloss er den Master in Illustration Fiction in Luzern zu machen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span class=\"s1\"><em>\u00abMit den vielen Auftr\u00e4gen die ich damals gemacht habe, konnte ich mir eine Grundlage f\u00fcr die sp\u00e4tere Arbeit als Illustrator schaffen.\u00bb<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich frage ihn, wie der Masterstudiengang f\u00fcr ihn war. Er erz\u00e4hlt, der Master h\u00e4tte ihm den Raum und die Zeit um sich weiter zu entwickeln geboten. Er begann in dieser Zeit zudem bereits Auftr\u00e4ge anzunehmen<em>. \u00abMit den vielen Auftr\u00e4gen die ich damals gemacht habe, konnte ich mir eine Grundlage f\u00fcr die sp\u00e4tere Arbeit als Illustrator schaffen.\u00bb<\/em>. Durch diese Vorlaufzeit musste er sich bis heute nirgends bewerben. Auf die Frage, ob er denn den Master zu machen empfehle, meinte er, dass dieser f\u00fcr viele Kommilitonen gar nicht geeignet war, das habe einigen eher die Freude wieder genommen. Man m\u00fcsse schon wissen, was man mit der Zeit machen will, aber man sollte nicht einfach Zeit \u00fcberbr\u00fccken wollen ohne Plan. Der Master in Illustration Fiction bot ausserdem mehr Freiheiten als andere Studieng\u00e4nge, zumindest damals, heute w\u00fcrde man wohl st\u00e4rker gef\u00fchrt. Es habe f\u00fcr ihn da sehr gut gepasst, aber einfach so generell empfehlen w\u00fcrde er Masterstudieng\u00e4nge nicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">2014 hat Rafael Koller den Master abgeschlossen und arbeitet seitdem Teilzeit in einer Agentur als Freelance Illustrator, daneben aber auch noch selbstst\u00e4ndig als Visual Artist und machte Sammelaustellungen mit dem K\u00fcnstlerkollektiv \u00abThe Ni\u00f1xs\u00bb (\u200a<i>Ni\u00f1os<\/i> zu deutsch <i>Kinder\u200a<\/i>). Die Ausstellungen helfen zum einen, bekannter zu werden und Arbeiten zu verkaufen, machen vor allem aber als Gruppenausstellung nat\u00fcrlich Spass. Es mache ihm Freude, Teil eines grossen Ganzen zu sein und die Fertigstellung eines Projektes mit anderen zu zelebrieren. Und man m\u00fcsse sich in der Gruppe nicht so in den Vordergrund dr\u00e4ngen und kann den Organisationsaufwand aufteilen. Es k\u00e4men so auch viel mehr Besucher zu einer Gruppenausstellung, man erreiche automatisch viel mehr Menschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Rafael Koller bezeichnet sich als privilegiert, dass man vom Zeichnen leben k\u00f6nne, ist schon etwas besonderes. Er hat heute auch keine besonderen Schwierigkeiten, neue Auftr\u00e4ge zu bekommen. Manchmal kann er deshalb auch Jobs weitervermitteln. Nat\u00fcrlich gab es f\u00fcr ihn auch Projekte wo er f\u00fcr eine Arbeit nicht so viel verlangt hat, aber diese haben sich meist ausgezahlt. Entweder durch Bekanntheit z.B. mit Plakaten f\u00fcr das Jugendkulturhaus Treibhaus in Luzern, wo er danach noch einige Plakate verkaufen konnte oder wenn ein Projekt sehr erfolgreich war und er nachtr\u00e4glich noch etwas mehr verlangen konnte. Wenn es ums Finanzielle ginge, bevorzuge er es, ganz transparent zu sein mit dem Kunden. Damit ist Rafael Koller bis heute gut gefahren, er kann gut von seinem Beruf leben und auch einmal einen Auftrag ablehnen. Gerade wenn es ein Auftrag ist, in welchem er weniger Expertise hat, vermittelt es das heute lieber an jemanden der spezialisiert ist.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span class=\"s1\">\u00abMan kann einfach nicht alles machen\u00bb<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich frage Rafael, wie breit gef\u00e4chert man seine F\u00e4higkeiten halten soll, und wie wichtig die Spezialisierung sei. Rafael erinnert sich da an diesen einen Auftrag, da habe er auch die Animation selber gemacht. Das sei schon cool gewesen aber auch seine erste und soweit letzte Animation. Etwas Neues Lernen macht die Arbeit abwechslungsreicher, aber man f\u00e4ngt immer bei Null an und das braucht viel Energie. Eine gewisse Bandbreite an F\u00e4higkeiten ist sehr n\u00fctzlich, aber es ist auch wichtig sich zu spezialisieren in einem Bereich, der einem gef\u00e4llt. <em>\u00abMan kann einfach nicht alles machen\u00bb<\/em>, sagt Rafael Koller. Das hat er am eigenen Leib erfahren m\u00fcssen. Es gab die eine Phase, in welcher er im Freelance-Verh\u00e4ltnis \u00fcberprozentual gearbeitet habe, dann f\u00fcr die Ausstellungen viel gereist sei und auch noch selbstst\u00e4ndig gearbeitet habe. So kam es zu seinem Burn-Out.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich frage, wie viel Stress er im Arbeitsalltag hat. Rafael meint dazu, es g\u00e4be schon immer wieder sehr strenge Phasen. Wenn ein Projekt sehr schnell gemacht werden muss, sei man da schon auch mal 12 Stunden t\u00e4glich dran. Danach macht man am Abend nichts mehr, man braucht bei so etwas auch einen Ausgleich. F\u00fcr Rafael Koller bedeutet das zum Beispiel wandern in den Bergen ein bis zwei mal pro Woche, da will er auch nicht erreichbar sein. Auch Ausstellungen macht er heute weniger, aber er scheint das schon auch zu vermissen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich darf viele Arbeiten von Rafael anschauen, z.B. eine Reihe von etwa zehn Moleskine-Skizzenb\u00fcchern. Er begann damit bereits vor der Studium. Man sieht von Buch zu Buch sehr sch\u00f6n, wie sich sein Stil entwickelt. Schon das erste Skizzenbuch ist sehr sch\u00f6n, man erkennt im Vergleich, dass sich der Duktus ver\u00e4ndert, die Linien werden dynamischer und entschiedener. Man m\u00fcsse ganz viel Zeichnen, mit der Zeit kann man immer mehr aus dem Ged\u00e4chtnis zeichnen, braucht weniger Studien und wird auch immer schneller. Es fliesst quasi.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Rafael hat mir neben den Skizzenb\u00fcchern auch Originale gezeigt und sogar, wie er im Photoshop einzelne Illustrationen aufgebaut hat. Er startet meist im analogen und wechselt dann auf digital oder auch mal hin und her. Er arbeitet manchmal auch mit Fotovorlagen, das ginge oft z\u00fcgiger wenns mal schnell gehen muss. Ich sehe auch bei seinen Entw\u00fcrfen viele verschiedene Versionen. Gerade ein Projekt ist sehr spannend aber war auch sehr herausfordernd. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Am Ende unserer Interviews f\u00fchrt Rafael mich noch in sein Gemeinschaftsatelier zehn Minuten von seinem Haus entfernt. Er habe dort halt nicht viele Arbeiten, die meisten lagere er Zuhause aber er habe auch dort nicht so viel Platz. Allein von seinem Freelance Job habe er ca. 7000 Zeichnungen. Das Atelier befindet sich im obersten Stock eines Schulhauses und hat ungef\u00e4hr 40 Atelierpl\u00e4tze. Einige wenige Personen arbeiten gerade dort als wir vorbeikommen, die Pandemie hat die Welt immer noch im Griff. Es herrscht eine gem\u00fctliche aber auch arbeitsame Stimmung. Jeder Platz ist interessant eingerichtet, es h\u00e4ngen \u00fcberall Illustrationen und es stehen bunter Krimskrams, Arbeitsmaterial und ein paar ausgestopfte Tiere herum. Es ist wie ein kleines Museum. Ich lerne einen der Herausgeber vom Ampelmagazin kennen, Andreas Kiener. Er macht ein Foto von mir und Rafael mit seiner analogen Kamera. Damit mache er schon seit einigen Jahren jeden Tag ein Bild. Der Stapel der entwickelten Bilder sei etwa 50 cm hoch. Danach gehen Rafael und ich wieder auf die bereits dunklen Strassen und verabschieden uns.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Rafael hat mir sehr viel Zeit gewidmet, vieles erkl\u00e4rt und Einblick in seinen Werdegang und Schaffensprozess gegeben an diesem Tag. Daf\u00fcr m\u00f6chte ich ihm an dieser Stelle ganz herzlich danken.<br \/>\n<\/span><span class=\"s1\">Ich freue mich auch in Zukunft weitere tolle Arbeiten von ihm sehen zu k\u00f6nnen und verweise hier daher noch auf seine Webseite mit vielen wunderbaren Arbeiten: <a href=\"https:\/\/rafaelkoller.ch\/\"><strong>https:\/\/rafaelkoller.ch\/<\/strong><\/a><\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1459\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_163029-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1457\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2021\/01\/20210107_162447-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem sonnigen Winternachmittag mache ich mich auf den Weg in die Stadt Luzern. 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