{"id":3543,"date":"2026-01-16T21:07:38","date_gmt":"2026-01-16T21:07:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/?p=3543"},"modified":"2026-01-16T21:07:38","modified_gmt":"2026-01-16T21:07:38","slug":"ein-interview-mit-simon-otto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/2026\/01\/16\/ein-interview-mit-simon-otto\/","title":{"rendered":"Ein Interview mit Simon Otto"},"content":{"rendered":"<p><em>Einblicke in Animation, Storytelling und einen ungew\u00f6hnlichen Karriereweg<\/em><\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>Als ich Simon Otto im Dezember 2025 via Instagram kontaktierte, wagte ich kaum auf eine Antwort aus \u00dcbersee zu hoffen. Umso gr\u00f6sser war die Freude \u00fcber seine schnelle, offene und sehr herzliche Antwort, und noch gr\u00f6sser, dass er sich kurz darauf tats\u00e4chlich eine gute Stunde Zeit f\u00fcr ein ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit mir nahm. Das Interview fand auf Schweizerdeutsch statt, was dem Austausch eine besondere N\u00e4he verlieh: pers\u00f6nlich, direkt und frei von formeller Distanz.<\/p>\n<p>Simon Otto ist ein Schweizer Animator, Regisseur und Storyboard Artist und hat an zahlreichen international bekannten Produktionen wie How to Train Your Dragon, Trollhunters, Shrek, Kung Fu Panda oder zuletzt That Christmas (sein Spielfilm Regiedeb\u00fct) mitgewirkt. Das Gespr\u00e4ch entstand im Rahmen des Studiengangs Knowledge Visualization an der ZHdK und bot nicht nur Einblicke in seine illustre Karriere, sondern auch in grundlegende Fragestellungen zu Storytelling, Animation und kreativen Arbeitsprozessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_3549\" aria-describedby=\"caption-attachment-3549\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3549 size-medium\" style=\"font-family: 'Open Sans', 'Helvetica Neue', Helvetica, Arial, sans-serif;font-size: 17px;font-weight: 400\" src=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2026\/01\/Bild-HTTYD-10-300x196.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"196\" srcset=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2026\/01\/Bild-HTTYD-10-300x196.jpg 300w, https:\/\/blog.zhdk.ch\/praxisjournal\/files\/2026\/01\/Bild-HTTYD-10.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3549\" class=\"wp-caption-text\">Abb 1. How To Train Your Dragon, Dreamsworks Animation<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Ein ungew\u00f6hnlicher Einstieg: Schneeskulpturen und Zeitungscomics<\/h3>\n<p>Bereits bevor Simon Otto den Weg in die internationale Animationsbranche fand, verlief seine Laufbahn ungew\u00f6hnlich. Nach einer Banklehre und dem Milit\u00e4rdienst arbeitete er ein Jahr lang als Schneeskulpteur in der Ostschweiz. In Orten wie Arosa oder St. Moritz entstanden monumentale Schneeskulpturen, teils mehrere Meter hoch und bis zu zehn Meter lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<em>\u201eDas waren Riesendinger: Dinosaurierparks, Werbeschriften aus Schnee, ganze Szenerien f\u00fcr Hotels und Veranstaltungen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Parallel dazu begann er, f\u00fcr die Zeitung Die S\u00fcdostschweiz Karikaturen und Comics zu zeichnen. \u00dcber Sportberichte fand er den Einstieg in die Redaktion, wo seine zeichnerischen F\u00e4higkeiten entdeckt und gef\u00f6rdert wurden. Diese fr\u00fchen Erfahrungen zeigen, wie wichtig Offenheit und das Nutzen unerwarteter M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine kreative Laufbahn sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Ausbildung und Durchbruch in Paris<\/h3>\n<p>Der Wunsch, Animator zu werden, begleitete Simon Otto schon seit seiner Kindheit als grosser Fan der Walt Disney-Filme und Comics wie Tim und Struppi oder Asterix und Obelix. In den 1990er-Jahren war der Weg in diese Branche jedoch deutlich weniger transparent als heute: Es gab kein Internet, kaum Informationen und wenig Orientierung.<\/p>\n<p>Nach dem Vorkurs an der F+F Schule f\u00fcr Kunst und Design in Z\u00fcrich bewarb er sich an vielen Schulen weltweit \u2013 mit Erfolg. Besonders pr\u00e4gend war die Aufnahme an der renommierten Gobelins-Schule in Paris. Von rund 1000 Bewerbungen wurden jedes Jahr nur etwa 20 Studierende aufgenommen. Der Auswahlprozess war mehrstufig und verlangte zeichnerisches K\u00f6nnen, Ausdauer und Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<em>\u201eIch war Ausl\u00e4nder, hatte Schneeskulpturen im Portfolio: das war etwas v\u00f6llig <\/em><em>anderes als bei den meisten anderen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend des Studiums wurden die besten Talente von grossen Studios gescoutet. Simon Otto erhielt schliesslich unter anderem ein Angebot von DreamWorks in Los Angeles und begann dort direkt als Animator, ein Schritt, den er selbst als \u201eden amerikanischen Traum\u201c beschreibt.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Arbeitsalltag zwischen Animation und Regie<\/h3>\n<p>Im Laufe seiner Karriere in Los Angeles arbeitete Simon Otto als Animator, Storyboard Artist, Character Designer und schliesslich als Regisseur. Diese Stationen pr\u00e4gen bis heute sein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Produktionspipeline von Filmen und Filmserien.<\/p>\n<p>Als Animator oder Storyboarder ist der Alltag stark strukturiert: Zeichnen, Feedbackrunden, sogenannte \u201eDailies\u201c und kontinuierliche Verfeinerung einzelner Szenen. Als Regisseur hingegen ist kein Tag wie der Andere: Meetings, Casting-Entscheidungen, Storyboard-Besprechungen, Tonaufnahmen und Schnitt wechseln sich st\u00e4ndig ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<em>\u201eDer Job ver\u00e4ndert sich \u00fcber die drei Jahre einer Filmproduktion hinweg komplett: von Entwicklung \u00fcber Produktion bis zur Postproduktion.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich ist der kollaborative Charakter von Animationsfilmen: Hunderte von Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten an einzelnen Aspekten wie Licht, Effekte, Kleidungssimulation oder Sounddesign. Davon sind vieles Berufe, welche Aussenstehenden kaum bekannt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Storytelling: Want vs. Need<\/h3>\n<p>Ein zentrales Thema des Interviews war das \u201cStorytelling\u201d. F\u00fcr Simon Otto sind Story und Figur untrennbar miteinander verbunden. Gute Geschichten sind f\u00fcr ihn nicht nur unterhaltsam, sondern greifen jeweils menschliche Grundbed\u00fcrfnisse auf, in denen sich das Publikum wiederfinden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<em>\u201eEine gute Geschichte erforscht den Unterschied zwischen dem, was eine Figur will, und dem, was sie wirklich braucht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dieses Prinzip, oft als Want vs. Need beschrieben, bildet den Kern vieler erfolgreicher Filme. Figuren lernen etwas \u00fcber sich selbst oder ver\u00e4ndern die Welt um sich herum. Gerade Animation bietet dabei zus\u00e4tzlich Raum f\u00fcr Wunschvorstellungen und Fantasie:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>\u201eAuf einem Drachen zu sitzen und durch die Welt zu fliegen \u2013 das ist Wish Fulfillment, das wir als Kinder getr\u00e4umt haben.\u201c<\/em><\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>F\u00e4higkeiten eines guten Animators<\/h3>\n<p>Auf die Frage, welche F\u00e4higkeiten es braucht, um Animator zu werden, betont Simon Otto vor allem Beobachtungsgabe. Wer genau hinschaut, erkennt, wie Menschen sich bewegen, sprechen und reagieren und wie sich solche Nuancen in Figuren \u00fcbersetzen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<em>\u201eMan kann unglaublich gut zeichnen k\u00f6nnen, aber wenn man nicht schauspielern kann, ist man kein guter Animator.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hinzu kommen Rhythmusgef\u00fchl, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Bewegung, Design und Komposition. Inte-ressant ist dabei auch der Bezug zum Sport, den Simon Otto als wertvolle Schule f\u00fcr Bewegungsanalyse beschreibt, ein Aspekt, der auch f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sehr nachvollziehbar ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Pers\u00f6nliches Fazit<\/h3>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit Simon Otto hat mir eindr\u00fccklich gezeigt, wie vielf\u00e4ltig, kollaborativ und wandelbar die Animationsbranche ist. Besonders spannend war f\u00fcr mich die Verbindung zwischen Beobachtung, Storytelling und visueller Gestaltung, welches auch zentrale Themen im Knowledge Visualization sind.<\/p>\n<p>Dass dieses Interview auf Schweizerdeutsch stattfinden konnte, verlieh den Aussagen eine besondere Authentizit\u00e4t. Es war weniger ein klassisches Interview als vielmehr ein offener Austausch zwischen zwei Generationen von Gestaltern \u00fcber Neugier, Ausdauer und die Bereitschaft, Chancen zu erkennen, auch wenn sie unerwartet kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einblicke in Animation, Storytelling und einen ungew\u00f6hnlichen Karriereweg Einleitung Als ich Simon Otto im Dezember 2025 via Instagram kontaktierte, wagte ich kaum auf eine Antwort aus \u00dcbersee zu hoffen. 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