{"id":1427,"date":"2018-03-23T17:45:23","date_gmt":"2018-03-23T17:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/?page_id=1427"},"modified":"2018-03-30T09:23:23","modified_gmt":"2018-03-30T09:23:23","slug":"emailgespraech","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/emailgespraech\/","title":{"rendered":"Vier Fragen an das Kuratorium"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein E-Mailbefragung zu der Entstehung und den Hintergr\u00fcnden des Projekts <em>Revisiting Black Mountain<\/em> an der ZHdK<br \/>\n<\/strong>mit Bitten Stetter, DDE (BS), Brandon Farnsworth, DMU (BF), Dorothee Richter, Weiterbildung (DR), Jochen Kiefer, DDK (JK), Martin Jaeggi, DKM (MF), Paolo Bianchi, DKV (PB)<\/p>\n<p><strong>1. <\/strong><strong>K\u00f6nnt ihr kurz beschreiben, wie sich die Gruppe gefunden hat und mit welcher Ursprungsidee das Projekt ins Leben gerufen wurde? Gab es ein spezifisches Interesse oder eine bestimmte Motivation aus eurer jeweiligen Disziplin heraus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>JK:<\/strong> In der AG Kuration an der ZHdK hat sich regelm\u00e4ssig ein Kollegium\u00a0zusammengefunden, das die Stellenwerte und Auffassungen von Kuration in den beteiligten Disziplinen und im Speziellen auch f\u00fcr die jeweiligen Lehrformate zusammengetragen hat. Schnell wurde dabei klar, dass der gr\u00fcne Tisch der Diskurse wichtig, es aber ebenso zentral ist, eine gemeinsame praktische, die Diszplinen \u00fcber- und durchschreitende Perspektive zu entwickeln. Also gemeinsam etwas zu kuratieren. In diese Phase kam die Anregung der Departementsleiter des DDK (Hartmut Wickert) und DKV (Christoph Weckerle), eine Ausstellung zum Black Mountain College am Hamburger Bahnhof von Berlin nach Z\u00fcrich zu holen. Interdisziplin\u00e4re Anordnungen im Curriculum waren am Black Mountain College evident, \u2013 und zugleich\u00a0mit einem experimentellen und kooperativen Arbeiten zwischen Dozierenden und Studierenden verbunden, das stark von Bildender Kunst und Design gepr\u00e4gt wurde. Die naheliegende Frage, ob das Black Mountain College deshalb gleich eine Art Role-Model f\u00fcr die ZHdK sein k\u00f6nnte oder sein sollte,\u00a0hat bei uns widerspr\u00fcchliche, utopistische, und wiederum reflektierende, jedenfalls aber motivierende Reaktionen ausgel\u00f6st. Ein Revisiting k\u00f6nnte\u00a0Spiegel und\/oder\u00a0Wunschmaschine sein, das Kunst-und Designstudium heute zu reflektieren und dies\u00a0zugleich auch mit k\u00fcnstlerischen Mitteln zu tun. Schnell wurde klar, dass die Ausstellung am Hamburger Bahnhof\u00a0eins zu eins in Z\u00fcrich zu zeigen,\u00a0nicht sinnvoll w\u00e4re. Das Black Mountain College im Herzen\u00a0einer Kunsthochschule zu thematisieren (und nicht als Kooperation eines Museums f\u00fcr Gegenwartskunst mit einer Universit\u00e4t wie in Berlin), bietet die Chance,\u00a0Lehr- und Lernformen auch in Lehre, Experiment und Forschung und schliesslich als k\u00fcnstlerische Reflexionen zu kuratieren und sichtbar zu machen.<\/p>\n<p><strong>DR:<\/strong> Kuratieren bedeutet ja, dass unterschiedlichste Artefakte, Installationen, Objekte, Events, Performances, Screenings, Textproduktionen zu neuen Konstellationen zusammengestellt und initiiert werden. Insofern ist dies in der gegenw\u00e4rtigen, neoliberalen Situation auch ein Begriff, der bestimmte Wunschproduktionen in sich vereint. So wird mit der Vorstellung vom Berufsbild Kurator*in eine Autorschaft entworfen, die unabh\u00e4ngig, projektbasiert, weltweit agierend, vernetzt sei. Eine Wunschproduktion, wie gesagt, die Begehrlichkeiten weckt und den Begriff des Kuratierens \u2013 eine Art Meta-Produktion \u2013 auf viele Felder ausdehnt. Tats\u00e4chlich ist dies nat\u00fcrlich von allen m\u00f6glichen Faktoren abh\u00e4ngig. Wie andere immaterielle Arbeit ist die Selbst\u00e4ndigkeit und gef\u00fchlte Unabh\u00e4ngigkeit oft mit prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen erkauft.<\/p>\n<p>Interessanterweise\u00a0kam die Anfrage f\u00fcr das Black Mountain Projekt aus der Hochschulleitung, es soll daher einen Erneuerungsimplus f\u00fcr Lehre und Lernen in der Hochschule geben. Dies provoziert (meiner Meinung nach) einen interdisziplin\u00e4ren und einen radikal demokratischen Ansatz. Also kurz gesagt, das Ganze entstand aus einem Widerspruch in sich. Dies f\u00fchrte jedenfalls in unserer kleinen Gruppe immer wieder zu Erheiterung. Ich kam auf Vorschlag zu der Gruppe, die sich mit der Kuration dieses Events befassen sollte, da ja meine Expertise genau hier im Kuratorischen liegt, ich leite zwei Studieng\u00e4nge die sich mit Kuratieren besch\u00e4ftigen, den CAS\/ MAS in Curating, sowie den PhD in Practice in Curating, ausserdem beabsichtige ich mit Ronald Kolb eine digitale Plattform als Recherche zur kuratorischen Praxis aufzusetzen (Antrag ist noch in der Begutachtungsrunde) und ich gebe das Webjournal OnCurating heraus (<a href=\"http:\/\/www.on-curating.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">w<\/a><a href=\"http:\/\/www.on-curating.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ww.on-curating.org<\/a>).<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> Ausgangslage war die Suche nach einer Auseinandersetzung mit Kuration und Vermittlungspraktiken an der ZHdK und die Gr\u00fcndung eines Denkraumes zu kuratorischen Praktiken im Toni-Areal. Innerhalb dieser Auseinandersetzung haben die Teilnehmenden der Interessensgemeinschaft \u00fcber Inter,- und Transdisziplin\u00e4rit\u00e4t diskutiert und Formen von Kuration und Lehre in den eigenen Disziplinen reflektiert. W\u00e4hrend verschiedener Treffen sind wir auf die Ausstellung\u00a0\u201cBlack Mountain. Ein interdisziplin\u00e4res Experiment 1933 \u20131957\u201c\u00a0im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin gestossen. Hier interessierten uns die Vermittlung und das Thema aber vor allem auch,\u00a0welche Fragestellungen zur aktuellen Hochschullehre durch eine Ausstellung wie diese entstehen. Schliesslich hat das Black\u00a0Mountain die Hochschulbildung revolutioniert und ein sehr spezifisches Bild von Lehre und Lernen hinterlassen<span style=\"text-decoration: line-through\">.<\/span> Und nicht zuletzt trieb uns die Frage, was haben die Modelle Black Mountain Collage und die ZHdK \u00fcberhaupt gemeinsam, denn unterschiedlicher k\u00f6nnten die Modelle nicht sein. Das radikal andere Modell des Black Mountain College, so die Idee, sollte daher explizit als Spiegel f\u00fcr die Lehre an der ZHdK genutzt werden, um (Un-)M\u00f6glichkeiten experimentell, spielerisch und kritisch zu diskutieren. Bestenfalls, so unsere Hoffnung, f\u00fchrt die Besch\u00e4ftigung mit vergangenen und gegenw\u00e4rtigen Modellen zu neuen Zukunftsvorstellungen, die vielleicht kontr\u00e4r zu bestehenden Vorstellungen von Lehren und Lernen an einer Kunsthochschule stehen.<\/p>\n<p><strong>PB: <\/strong>Die AG Kuration an der ZHdK versteht sich als Sondierungsgruppe. Der Begriff\u00a0Sondierung, abgeleitet von dem Werkzeug Sonde, steht allgemein f\u00fcr Untersuchungen zur Beurteilung und Absch\u00e4tzung bestimmter Verh\u00e4ltnisse. Im Kontext des Kuratierens und Ausstellungsmachens gilt es in Bezug auf Kunstdinge sein \u201ekuratorisches Ich\u201c zu aktivieren. Es handelt sich um die F\u00e4higkeit, die Exponate \u201esein zu lassen\u201c, sie als Ph\u00e4nomene zu denken. Das \u00f6ffnet den Zugang dazu, die Bedeutung der Dinge introspektiv mit zu verhandeln. Eine Ausstellung wie <em>Revisiting Black Mountain<\/em> hat das Potenzial, darauf zu verweisen, dass ihr Aussagewert immer an eine Materialit\u00e4t gebunden ist und das Gegenst\u00e4ndliches immer den eigenen Augenschein ben\u00f6tigt, um es deuten und interpretieren zu k\u00f6nnen. Die Bedeutung der Dinge ist nicht per se in den Objekten angelegt, sondern erschlie\u00dft sich erst im \u201eDialog\u201c zwischen Zeigendem, Betrachter*in und Gezeigtem. Die Kunstdinge r\u00fccken zugleich in eine befremdliche N\u00e4he und eine aufdeckende Ferne. Sie werden widerborstig, anklagend und evozieren ein anderes Narrativ und entfernen sich von den Denkschablonen. An diesem Punkt werden Motiv und Motivation des Kuratierens eins. Am Beispiel dieses Projekts kann sich das Publikum durch die Anregung des Motivs des Black Mountain College zu einem Prozess \u2013 mit offenem Ausgang \u2013 motivieren lassen. Und dabei sein eigenes \u201ekuratorische Ich\u201c ausprobieren.<\/p>\n<p><strong>BF<\/strong>: Ich erlebe eine zunehmende Zahl von Musiker*innen und Komponist*innen, die sich f\u00fcr inter- oder transdisziplin\u00e4re Projekte interessieren. Viele f\u00fchlen sich dabei vom Musiktheater angezogen. Hierbei sind die szenischen Elemente und die Performativit\u00e4t schon Teil des k\u00fcnstlerischen Ausdrucks. Viele Musiker*innen sehen dies als M\u00f6glichkeit, nicht mehr nur einen Platz im Orchester zu besetzen, sondern auch ihre eigenen k\u00fcnstlerischen Ideen zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Frage ich aber diese Musiker,*innen was sie beispielsweise vom <em>Theater Piece No.1<\/em>\u00a0von John Cage oder von den interdisziplin\u00e4ren Experimenten des Black Mountain College halten, begegnen mir nur verwunderte Blicke. W\u00e4hrend sich also viele Musiker*innen mehr als nur eine Orchesterkarriere w\u00fcnschen, haben sie aber oft wenig Einblick in k\u00fcnstlerische Praktiken ausserhalb des klassischen Repertoires und seiner Auff\u00fchrungstraditionen. Dies kann ich aus eigener Erfahrung an einigen Hochschulen best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Meine Motivation f\u00fcr dieses Projekt setzt hier an: einerseits Musiker*innen eine Gelegenheit w\u00e4hrend des Studiums anbieten, sich mit der Geschichte der experimentellen Kunst auseinandersetzen zu k\u00f6nnen und andererseits Projekte im Departement Musik zu erm\u00f6glichen, die das Potential haben, wild und experimentell zu sein und \u00fcber das Departement hinaus anschlussf\u00e4hig sind. Das Besondere w\u00e4re aus der spezifischen Geschichte und Fragestellungen der Musik heraus zu agieren.und nicht die Performativit\u00e4tsdiskurse anderer Disziplinen nachzuahmen.<\/p>\n<p><strong>2. <\/strong><strong>Was ist interessant am Modell Black Mountain College f\u00fcr eure aktuelle Lehre bzw. f\u00fcr heutige Lernmethoden im Allgemeinen?\u00a0Kann man eine Notwendigkeit beschreiben, sich mit Black Mountain College (und anderen historischen Modellen von experimenteller Lehre) zu besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>DR:<\/strong> Kunsthochschulen basieren historisch gesehen auf einer Reihe unterschiedlicher Modelle, der Akademie, dem Bauhaus Modell, sowie zeitgen\u00f6ssischen Ans\u00e4tzen, um die wir in der ZHdK ringen. Diese Modelle basieren auf grunds\u00e4tzlich verschiedenen Kreativit\u00e4tskonstruktionen. Jede Kunsthochschule m\u00f6chte ihren Absolvent*innen die allergr\u00f6ssten Chancen und M\u00f6glichkeiten nach dem Abschluss verschaffen, als K\u00fcnstler*innen, Kurator*innen, Schauspieler*innen, Dirigent*innen, Musiker*innen, Designer*innen, Filmer*innen, T\u00e4nzer*innen. Wie man bei diesem Vorhaben von A nach Z kommt, basiert wiederum auf dem jeweiligen Kreativit\u00e4tskonzept. Will man die Studierenden m\u00f6glichst mit Managementwissen ausstatten, um ihnen den Weg in die Creative Industries zu ebnen? Will man ihnen vor allem Expertise in ihrem Gebiet vermitteln, oder ist vor allem kritisches Denken gefragt, sowie die F\u00e4higkeit zu kooperieren, das die Studierende bef\u00e4higt in einer \u00fcberaus komplexen Welt zu bestehen? Die Faszination von Black Mountain College besteht darin, dass eine Art wildes Wissen entstand, denkbar weit weg von ECTS, festen Stundenpl\u00e4nen und Curricula, dass die dort anwesenden K\u00fcnstler*innen und Studierenden begeistert zusammengearbeitet haben, in unwahrscheinlichen und freien Konstellationen. Sie haben lehren und lernen als einen gemeinschaftlichen Prozess verstanden, sie haben gemeinsam angebaut, gekocht und gegessen, sie haben gemeinsam diskutiert und gelebt. Sicherlich war die Situation jedoch hierarchisch, zudem konnten es sich nur beg\u00fcterte Studierende leisten, dort zu sein und Afro-amerikanische Studierenden waren auch am Black Mountain College eine grosse Ausnahme. Ich sehe es also als symptomatisch, wenn nach dem europaweiten Prozess der Verschulung und Vereinheitlichung, ein Wunsch nach freiem, wildem Denken und wildem Tun laut wird.<\/p>\n<p>Der wichtigste Bezugspunkt zu Black Mountain College ist f\u00fcr mich nat\u00fcrlich Fluxus. John Cage machte die ersten Versuche mit minimalistischen Handlungsanweisungen am Black Mountain College, reiste nach Japan und zu den Internationalen Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik in Darmstadt, und trat als Lehrer vieler Fluxus K\u00fcnstler*innen an der New School of Social Research in New York in Erscheinung. Hier m\u00fcndete experimentelles Handeln in neue Formate, eine Umwertung von Alltagskultur und Hochkunst, einer radikalen Ver\u00e4nderung der Autorschaft. All dies begann dann Ende der 1950er \/ Anfang der 1960er Jahre jeden Begriff von Kunst, der bis dahin galt, zu revolutionieren. Film, Videokunst, Happenings, Events, demokratisches Design, Neue Musik, neue extreme Tanz- und Theaterformen nahmen hier ihren Ausgang. Das Verst\u00e4ndnis von allen Kunstformen wandelte sich, Kunst wollte politisch werden, und nicht mehr nur f\u00fcr die Oberschicht da sein. Auch in der Produktion wandelte sich die Vorstellung eines genialen Einzelk\u00fcnstlers zu einer Gruppenautorschaft. Da Kunst gleich Leben zumindest als Slogan gesetzt wurde, hatte dies weitreichende Folgen, mit kooperativen Lebensformen und Genderrollen wurde experimentiert.<\/p>\n<p>Experimente in der Kunst, im Lehren und Lernen sehe ich als fundamental wichtig an, nur wenn Lehrende sich riskieren, nur wenn Erfahrungen jenseits vom Kennenlernen praktischer oder theoretischer T\u00e4tigkeit verstanden wird, und es um mehr geht, nur dann kann auch aus der Lehre etwas mitgenommen werden, ein gemeinsames Handeln, eine gemeinsame Verantwortung, ein Ringen um Inhalte. Performative Arbeit an den K\u00fcnsten verbindet sich aus dieser Perspektive mit Arbeit an Lebensformen, die Kenntnis gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge, die einschneidende Ver\u00e4nderung von Infrastrukturen durch digitale Medien, all dies informiert interdisziplin\u00e4re Kunst und gibt dieser Tiefe und Relevanz.<\/p>\n<p><strong>MJ: <\/strong>Die \u00abNotwendigkeit\u00bb einer Besch\u00e4ftigung mit BMC und anderen experimentellen Lehrmethoden liegt f\u00fcr mich darin, dass sie einerseits Anlass bieten zu einer Selbsthinterfragung des eigenen Tuns, durchaus auch in einem sehr kritischen Sinne, wenn sie in die Einsicht m\u00fcnden, dass gewisse Dinge unter den gegebenen Umst\u00e4nden nicht mehr m\u00f6glich sind, Grenzen des Machbaren sichtbar werden. Gleicherma\u00dfen bedenkenswert ist nat\u00fcrlich auch das Prek\u00e4re des Black Mountain College, sein Ende, das Scheitern am Ideal. Und nat\u00fcrlich lassen sich \u00fcber die Projektionen, die das Black Mountain College einl\u00e4dt, eigene Visionen definieren, die vielleicht mit historischen Wirklichkeit nicht zwingend etwas zu haben.<\/p>\n<p>Immer noch zukunftstr\u00e4chtig am Black Mountain College scheinen mir die st\u00e4ndige Neuerfindung der Lehre und der Institution, die Wandelbarkeit und Wandelf\u00e4higkeit. Diese ergab sich nicht zuletzt aus den immer wieder neu konfigurierten Interaktionen der K\u00fcnste untereinander, aber auch mit den Lehrinhalten der <em>humanities<\/em>. Eine Umgebung zu schaffen, in der dies m\u00f6glich ist, scheint mir unvermindert aktuell. Zukunftsweisend bleibt das Black Mountain College auch in seinem Verst\u00e4ndnis der Schule als einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, in der diese Rolle nicht in jeder Situation so klar verteilt sind, wo die Schule zum Experimentierfeld f\u00fcr alle Beteiligten wird.<\/p>\n<p><strong>JK:<\/strong> Die Darstellenden K\u00fcnste sind Kunst- und Medienkannibalen und verstehen seit den historischen Avantgarden die Auff\u00fchrung selbst und ihre Inszenierungen als eigenst\u00e4ndige Kunstform. In ihren Dramaturgien nutzen sie Verfahren der anderen K\u00fcnste zur Herstellung einer Erfahrung, die umgekehrt auch als performative Arbeit an den anderen K\u00fcnsten verstanden werden kann. In diesem Sinne ist Interdisziplinarit\u00e4t f\u00fcr die Darstellenden K\u00fcnste ein integraler Bezugspunkt. Ich glaube aber, dass die Selbstverst\u00e4ndlichkeit mit der am Black Mountain College zusammengearbeitet wurde (und zwar ohne Interdisziplinarit\u00e4t st\u00e4ndig zu thematisieren und damit die Disziplinen wieder ins Recht zu setzen),<\/p>\n<p>anregend sein kann, kooperativ k\u00fcnstlerische Verfahrensweisen zu erproben und zu sehen, wie weit diese f\u00fchren und wie produktiv diese jeweils sind. In diesem Pragmatismus k\u00f6nnte wie am Black Mountain gerade das utopische Potential liegen.<\/p>\n<p>Was eine weitere Anregung f\u00fcr die perfomative Praxis gegenw\u00e4rtig angeht, so ist aus meiner Sicht nicht so sehr das Diffundieren der Avantgarden in das Black Mountain, wichtig, sondern die Idee, dass Kunst und Design in der Lage sind, als \u00e4sthetische Erfahrungsr\u00e4ume auch eigene Wissensformen herzustellen. Das Experiment wird am Black Mountain College h\u00e4ufig mit einer Handlungsbezogenheit und Performativit\u00e4t gekoppelt, die auf zu ver\u00e4ndernde Alltagspraxen zielt, die auf Entstehensprozesse von Kunst selbst zur\u00fcckwirken. Das kann uns darauf hinweisen, dass die Rede von der sozialen Kunstform der Darstellenden K\u00fcnste nicht (nur) produktions\u00e4sthetisch gedacht werden darf, sondern dazu verpflichtet, soziale Relevanz auch in Bezug auf die Bedingungen des eigenen Tuns zu hinterfragen. Hier liegt f\u00fcr mich auch ein zentrales Potential der Innovativit\u00e4t einer Kunsthochschule: nicht alleine in der Ausbildung von Kreativit\u00e4tstechniken, sondern in der Freiheit diese so zu erproben und zu reflektieren, wie dies im Kunstbetrieb und seinen (Teil-)M\u00e4rkten kaum mehr m\u00f6glich erscheint.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re mythisierend, diesen Diskurs bereits im Black Mountain zu sehen. Im weitgehend ideologielosen und pragmatischen Experimentieren der Kollektive liegt f\u00fcr mich aber ein Potential, etwas Anderes, das Andere \u00fcberhaupt erst zu er\u00f6ffnen. Das Black Mountain selbst scheint mir dabei eher eine Zufallsinnovation zu sein, vielleicht sogar ein Modell nicht intendierter Emergenz. Das kann aus meiner Sicht gerade einen Teil des Nachhalls erkl\u00e4ren, der von einem 1933 in der amerikanischen Provinz selbst gebauten College ausgeht. Mir w\u00e4re unklar, welche wirkliche Innovation wirklich planbar w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>BS: <\/strong>Das Black Mountain College erlebt seit Jahren eine romantisierte Wiederauferstehung, gerade weil Selbstverantwortung, Selbstorganisation, Selbstversorgung und Self-Empowerment wieder hoch im Kurs stehen. Das College l\u00f6st in Zeiten der Standardisierung und \u00d6konomisierung und im Zeitgeist von R\u00fcckbesinnung, Naturverbundenheit und Konsumdepression Sehns\u00fcchte nach Freiheit und alternativen Lebens- und Arbeitsformen aus und stellt so vermeintlich unverr\u00fcckbare Strukturen im Kontext Leben und Arbeit in Frage. Aus dieser Perspektive scheint ein Blick interessant auf Strukturen, Lern-und Lehrmodelle und das Verh\u00e4ltnis zwischen Lehr- und Lernk\u00f6rper, wie auch auf die \u00d6rtlichkeit und die Verkn\u00fcpfung von Ausbildung und Leben.<\/p>\n<p>Aber auch ein genauer Blick auf das Scheitern des Black Mountain College scheint notwendig, da Begriffe wie Community, Kollektivit\u00e4t und Gemeinschaft wie auch Kommune aktuell unkritisch positiviert werden.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich gilt, dass eine Auseinandersetzung mit verschiedenen vergangenen aber auch aktuellen, neuen und innovativen Modellen zwingend notwendig ist, da sich Zug\u00e4nge zu Wissen und Formen der Vermittlung im Zeitalter der digitalen Transformation massiv ver\u00e4ndern und somit auch Wertvorstellungen und Bed\u00fcrfnisse der \u00abBewirtschafter*innen\u00bb und \u00abNutzniesser*innen\u00bb einer Hochschule im Umbruch sind.<\/p>\n<p><strong>PB:<\/strong> Das BMC bietet ein spannendes Anregungspotenzial gerade in Bezug auf die Lehr- und Lernform mittels der Betonung auf das Experiment. Da gibt es die wahrnehmungspsychologischen Experimente eines Josef Albers, basierend auf einem systematischen Testen. Dann gibt es inverse Experimente, in denen theoretische Konzepte durch praktische Erfahrung erlangt werden. Erw\u00e4hnenswert sind heuristische und Trial-&amp;-Error-Experimente zu Wirkung von Farben und Formen. Das setzt sich fort in der M\u00f6glichkeit von Fehlern, im Arbeiten mit Varianten und Variationen sowie in handlungsbezogenen Experimenten nach der Devise \u201eHow and not What\u201c (Wie statt Was). All dies f\u00fchrt zu Erfahrungen mit offenem Ausgang.<\/p>\n<p>Die am Black Mountain College angewandten p\u00e4dagogischen Praktiken und Kreativit\u00e4tsmodelle sind mehr am Prozess interessiert und weniger an den Resultaten und Produkten. Aus dieser Perspektive kann es keine richtigen oder falschen Resultate geben, sondern es gibt nur richtige oder falsche Heransgehensweisen. Davon abgeleitet heisst das Motto dazu folgerichtig: \u201eto teach method, not content\u201c und \u201eto emphasize process, not results\u201c. Studenten sollten lernen, intelligente Entscheidungen zu treffen und unabh\u00e4ngig zu denken. Sie wurden aufgefordert, Dinge selbst zu suchen und selbst\u00e4ndig zu finden; sie sollten lernen statt nachahmen. Es ging darum, mit Intuition <em>und<\/em> Ratio zur \u201eTotalisation\u201c zu gelangen (Paul Klee, Josef Albers). Alles in allem stand die Vermittlung einer prozessorientierten Herangehensweise im Zentrum.<\/p>\n<p>Im Fokus der Ausbildung stand die \u201eKunst\u201c. Das meinte eine disziplinen-\u00fcbergreifende Kombination von Bildende Kunst, Theater, Musik, Literatur, Architektur, Mathematik, Physik, Chemie, Geografie und Geschichte. Das stand unter dem Einfluss der pragmatischen \u00c4sthetik (John Dewey). Gesucht wurde die synergetische Kontinuit\u00e4t zwischen Kunst- und Alltagerfahrung. Das f\u00fchrte dazu, Kunst als p\u00e4dagogische Praxis zu verstehen. Das wiederum geschah in Verkn\u00fcpfung mit performativen \u00c4sthetiken, partizipatorischne Visualisierungs-Strategien und entgrenzenden Kunstpraktiken.<\/p>\n<p>Vier besondere Dinge stechen am Black Mountain College hervor: 1. das Gemeinschaftsleben, 2. das Experimentelle, 3. die \u00e4sthetisch-edukativen Modelle (z.B. Spectodrama als fr\u00fche Form des Happenings, Zusammenspiel von Kunst und Wissen, Hybride Verkn\u00fcpfung von Musik, Tanz, Schauspiel, Malerei, B\u00fchnenbild, Licht) und 4. die gesellschaftsbezogene Wirksamkeit von Kunst.<\/p>\n<p>Aufbauend auf der Bauhaus-Tradition (kreative K\u00fcnstlergemeinschaft, Kunst und Kunsthandwerk verbinden) entsteht ein Campusleben mit Seminaren, Tisch-\/Essensgespr\u00e4chen, Feldarbeit (statt Sport) und K\u00fcchendienst. Insgesamt fasziniert die dort und damals gelebte transgressive Kunstauffassung, bei der es um die Entgrenzung des Werkes hin zu \u00e4sthetischen Ereignissen ging. Das hatte hybride, disparate, nichtkausale Abfolge performativer Handlungen zur Folge. Eine \u00c4sthetik der Repr\u00e4sentation und des Werks wandelte sich in eine \u00c4sthetik der Pr\u00e4sentation und des Prozesses. \u201eHandlung\u201c wurde zu einem Medium der Kunst und die Kunst zu einem Medium des (auch gesellschaftlichen) Handelns. So gesehen ist das Black Mountain College hochaktuell.<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong> <strong>Was k\u00f6nnen diese\u00a0Zug\u00e4nge, Methoden, Haltungen in der Gegenwart und in der Allgegenwart des Digitalen bedeuten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BS: <\/strong>Spekulieren wir \u00fcber eine Hochschule in naher oder ferner Zukunft und lehnen uns an ausgew\u00e4hlte Qualit\u00e4ten des Black Mountain College an, so k\u00f6nnte eine Kunsthochschule der Zukunft ortsunabh\u00e4ngig\u00a0ihren Lehrauftrag leisten und sich den Arbeitsformen und -weisen der digitalen Nomaden anpassen. Es k\u00f6nnte aber auch eine Hochschule sein, die sich partiell bewusst der Vernetzung und der Urbanisierung entgegensetzt. Ein R\u00fcckzugsort mit bewusst eingesetztem digitalen Entzug, wo Erleben und Erfahrung, Selbstversorgung und DIY-Strategien wieder im Zentrum stehen. Nicht ein Ort, der sich der digitalen Transformation und Technologisierung verweigert, sondern ein Ort der einen bewussten und neuen Umgang mit den Medien und Technologien und Multioptionalit\u00e4t pflegt. Im Kontext von\u00a0Trends, Transparenz und Knowledge-Sharing k\u00f6nnten sich zudem die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden aufl\u00f6sen. Aktuelle Lehrmodelle wie die \u201eOpen School\u201c aus \u00d6sterreich propagierern das schon heute und intrinsisches Lernen k\u00f6nnte wieder mehr Bedeutung gewinnen.<\/p>\n<p><strong>MJ: <\/strong>Das ist eine knifflige Frage, denn einerseits lassen sich k\u00fcnstlerische und p\u00e4dagogische Konzepte, die am Black Mountain College entwickelt wurden, durchaus fortschreiben im Zeitalter des Digitalen, insbesondere die Ans\u00e4tze im Bereich des Trans- und Intermedialen. Andererseits stellt sich beim Black Mountain College nat\u00fcrlich auch die Frage nach der Wichtigkeit von realen Orten, dem <em>genius loci<\/em>, der integraler Bestandteil des Black Mountain College-Mythos ist. Dabei sollte das Digitale aber nicht einfach als Antithese zum Ort gelesen werden. Die Vernetzung mit der Au\u00dfenwelt, den amerikanischen Kulturmetropolen, die das College auszeichnete, w\u00e4re unter den Vorzeichen des Digitalen wesentlichen einfacher. Die Vorstellung eines digital vernetzten Lake-Eden-Campus hat durchaus ihren Reiz und zeigt m\u00f6gliche Zukunftsperspektiven auf, in denen sich <em>genius loci<\/em> und Digitales gegenseitig erg\u00e4nzen und r\u00fcckkoppeln w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>DR: <\/strong>Bernard Stiegler spricht einmal von einer globalen Halluzination durch digitale Medien. Unser Bewusstsein wird, ohne dass wir dessen so ganz gewahr werden, durch eine grosse Maschine hergestellt, und wenn man davon ausgeht, dass Subjektivit\u00e4t in andauerenden Prozessen formuliert und reformuliert wird, so \u00e4ndert sich die Subjektkonstitution auch zwangsl\u00e4ufig. Ein selbstgewisses Subjekt der Zentralperspektive wird zugunsten eines infantilisierten, salopp formuliert, Halb-Subjekts zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Entscheidungen, die auf einem algorhythmisch hergestellten Bildangebot gef\u00e4llt werden, sind fest in unserem Alltag, sprich in jedem Surfen im Netz, verankert. Jede Kunstform, jede Information, jeder Geldfluss wird vermittelt durch 1 und 0 Operationen, dies bedeutet einen unglaublich grossen Abstraktionsgrad, und, wie wir jetzt erfahren, ist es immer schwieriger herauszufinden, wer welche digitalen Operationen steuert. Die K\u00fcnste sehe ich nicht als Gegenwelt zum Digitalen, (schon lange werden Sounds, Images, Movements digital erzeugt), sondern als eine dringend ben\u00f6tigte Form sich mit der Allgegenwart des Digitalen auseinander zu setzen. Auch die quasi \u201eschwerf\u00e4llige\u201c Materialit\u00e4t vieler K\u00fcnste kann eine Distanzierung von \u00fcberbordenden, halluzinatorischen Bilderwelten bewirken.<\/p>\n<p><strong>PB:<\/strong> Die Menschheit steht heute am Beginn eines einschneidenden Zeitalters: die vierte industrielle Revolution wird die Differenz von Mensch und Maschine epochal verringern. Trotz alledem: Das Potenzial der kreativen menschlichen Intelligenz bleibt f\u00fcr die k\u00fcnstliche Intelligenz jedoch unverzichtbar. Das <em>Revisiting Black Mountain<\/em> Projekt sucht seine Wirkung jenseits von technikaffinem Leistungszwang und gehypter Kreativit\u00e4tshysterie. Es taucht ein in die Wirklichkeit von zwei unterschiedlichen Konzepten und Kontexten von Kunstvermittlung \u2013 Black Mountain College am Lake Eden und die ZHdK im Toni-Areal. Beide Beispiele machen deutlich, dass es grunds\u00e4tzlich wertvoll ist, die Kreativit\u00e4t als Ressource zu aktivieren. Diese Aktivierung sollte versuchen, die Ph\u00e4nomene analog-digital einem Zickzackkurs zu unterziehen, womit das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Analogen und Digitalen sich als etwas Prozessuales herausstellt. P\u00e4dagogische Praktiken und Kreativit\u00e4tsmodelle folgen nicht passiv dem Lauf eines Wasserfalls, sondern ereignen sich aktiv durch Zirkularit\u00e4t und entlang den Schlaufen in der Dynamik einer Spiralbewegung: \u201evorw\u00e4rts\u201c und \u201eaufw\u00e4rts\u201c.<\/p>\n<p><strong>BF:<\/strong> Wenn wir das Black Mountain College als Musterbeispiel f\u00fcr aktuelle transdisziplin\u00e4re Arbeitsweisen verstehen, dann hat es uns noch einiges zu sagen. Nat\u00fcrlich ist es von unseren institutionellen Rahmenbedingungen grunds\u00e4tzlich verschieden.<\/p>\n<p>Die besondere Situation am Black Mountain College liegt f\u00fcr mich in der Konzentration und Anwesenheit an einem Ort \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum, dies k\u00f6nnen wir uns heute kaum vorstellen.. Man hatte keine andere Wahl, ausser sich mit den Student*innen und Lehrkr\u00e4ften konkret auseinanderzusetzen. D.h. das die verschiedenen Kompetenzen und pers\u00f6nlichen Hintergr\u00fcnde auch in diesem Sinne als soziales Experiment wirksam wurden.<\/p>\n<p>Wenn ich das von heute aus betrachte, stelle ich mir diese Situation ziemlich einzigartig vor. Ich arbeite zwar oft transdisziplin\u00e4r zusammen mit K\u00fcnstler*innen und Akademiker*innen aus verschiedenen Disziplinen und mit verschiedenen Hintergr\u00fcnden. Eine vergleichbare Situation bleibt f\u00fcr uns aber nur ein Traum. Man kann jetzt zwar viel einfacher als jemals zuvor \u00fcberall auf der Welt pr\u00e4sent sein, Kontakte pflegen, usw., aber diese bleiben vergleichsweise bruchst\u00fcckhaft. Es braucht aber genau solche Momente der intensiven und konzentrierten Zusammenarbeit, um die Bedingungen f\u00fcr eine erfolgreiche Kollaboration gemeinsam aufzubauen. Bei jedem Projekt werde ich immer wieder daran erinnert, wie viel <em>Zeit<\/em> es braucht, um \u00fcberhaupt auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, an dem eine ernsthafte Arbeit erst beginnen kann.<\/p>\n<p>Das von mir betreuten Projekt <em>Schwarzenberg<\/em> von Benjamin Ryser ist in dieser Hinsicht interessant: eine Gruppe von Musiker*innen und Musikinteressierten wird eingeladen, ein Wochenende im Emmental zu verbringen, um dort das H\u00f6ren als eine politische Praxis zu begreifen. Der Schwerpunkt liegt auf gemeinschaftsbildenden Prozessen gegenseitiger Anerkennung.<\/p>\n<p><strong>JK: <\/strong>Vor dem Hintergrund digitaler Technologien interessiert mich am meisten der Stellenwert des Analogen, was es bedeutet, wenn die r\u00e4umliche Alltagserfahrung durch das sensitive Glas der Displays transzendiert und in Zukunft immer skalierbarer ins Virtuelle abwandert. Die \u00e4sthetische Erfahrung in leiblich konstituierten Auff\u00fchrungen kann dann als doppelt versinnlichtes Labor, als Labor des Virtuellen und des Analogen verstanden werden. Weil Imaginationen und Vorstellungen seit der Idee des \u00c4sthetischen ihre Reflektion mit Blick auf die B\u00fchnen finden, kehren in der Gegenwart die Geister und Gespenster des Analogen auf die B\u00fchnen zur\u00fcck, werden die Wiederg\u00e4nger eines ko-pr\u00e4sentischen, auf Anwesenheit gr\u00fcndenden Menschenbildes zum immer merkw\u00fcrdigeren Schein wundersamer &#8222;Menschen&#8220;.<\/p>\n<p>Xanti Schawinksy, Schweizer Mitstreiter Oskar Schlemmers an der Bauhausb\u00fchne in Dessau, gr\u00fcndete am Black Mountain College ein Theaterlabor. Dieses von ihm so genannte <em>Spektodrama<\/em> ist ganz auf die Versinnlichung von Erkenntnissen, auf \u00e4sthetisch sich zeigendes Wissen, auf die anschauliche Abstraktionen gerichtet. Dies <em>Spektodrama<\/em> w\u00e4re zweifelsfrei nur als Parodie der Moderne reenactbar. Ein \u201e<em>Spektodrama<\/em>\u201c der Gegenwart w\u00e4re vielleicht nicht von der Liebe zur Geometrie getrieben, sondern von Atmosph\u00e4ren und Affektionen des Virtuellen angeregt, m\u00fcsste von den nicht-ontologischen Erscheinungen, von den Geistern des Analogen, von der Fassbarkeit der Unfassbaren, von der Sensibilisierung f\u00fcr das Unber\u00fchrbare handeln.<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong> <strong>&#8222;Black Mountain&#8220; als Wunschmaschine: Welche Zukunftsvorstellungen sind an das Gesamtprojekt gekn\u00fcpft? Was k\u00f6nnte es anstossen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>JK: <\/strong> Mit Wunschmaschinen sind an der Quelle der Begriffsbildung bei Deleuze\/Guattari unbewusste Vorg\u00e4nge gemeint, die sich selbst durch einen noch so komplexen Algorithmus nicht modellieren lassen. Zumindest mit dem Wunsch nach dieser Art Wunschmaschine hat jede Kunsthochschule zu tun, \u2013 bei allen notwendig zweckgerichteten und marktbezogenen Legitimationen. Die Kunsthochschule verl\u00f6re sonst gerade ihre gesellschaftliche Funktion und Innovativit\u00e4t. Dieser Gedanke ist aus meiner Sicht eine zentrale Idee f\u00fcr das Projekt <em>Revisiting Black Mountain<\/em> in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p><strong>MJ: <\/strong>Wenn das Projekt eine Diskussion \u00fcber Lehre und Schulinstitutionen anstossen kann und dabei Menschen ins Gespr\u00e4ch bringt, die vorher nicht im Austausch standen, w\u00e4re es f\u00fcr mich schon erfolgreich. Im utopischen Idealfall w\u00fcrde sich eine Kultur des gemeinsamen Nachdenkens an der ZHdK \u00fcber Schule und Lehre aus diesem Projekt entwickeln. Im realistischen Idealfall w\u00e4ren es Ans\u00e4tze dazu, die weiterwuchern w\u00fcrden. Das Projekt stellt die Frage in den Raum, ob und wie eine Schule \u00fcber sich nachdenken kann. Das <em>Revisiting Black Moutain<\/em> Projekt ist der Versuch einer Antwort auf diese Frage und somit nat\u00fcrlich auch eine Einladung, diese Frage weiterzuverfolgen, m\u00f6glicherweise mit ganz anderen Ans\u00e4tzen und Perspektiven.<\/p>\n<p><strong>BS:<\/strong> Wir w\u00fcrden uns w\u00fcnschen, dass Studierende sowie Lehrende und Gestaltende des Hochschulbetriebes, die Ausstellung als Reflexionsgef\u00e4ss und Denkraum verstehen und \u00fcber aktuelle und zuk\u00fcnftige Entwicklungen und gesellschaftliche, sozial-\u00f6konomische und politische Ver\u00e4nderungen nachdenken, denn sie haben starke Einfl\u00fcsse auf unser Wert-, aber auch Lehrverst\u00e4ndnis. Migration, Ressourcenknappheit und Selbstorganisation sind nicht nur Themen, die das Black Mountain College gepr\u00e4gt haben, sondern nach wie vor aktuelle Themen die unsere Gesellschaft stark besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>BF: <\/strong>Nach mehr als drei Jahren im Toni-Areal sind viele tradierten Grenzen und alte Territorien an der Schule noch sp\u00fcrbar. Im Laufe des Arbeitsprozesses am <em>Revisiting Black Mountain<\/em> Projekts wurden aber viele kleine Momente des Austausches und der Kooperation geschaffen. Diese tragen aus meiner Sicht zu einer ernsthaften Ver\u00e4nderung der Schule bei.<\/p>\n<p><strong>PB: <\/strong> Einen Anstoss geben, bedeutet unweigerlich, eine Idee und Vision zu entwickeln, von dem, was angestossen werden soll. Bei unserem Revisiting-Projekt verbindet sich die Vision mit einem Blick zur\u00fcck zu einer Retrovision. Mit dem Blick zur\u00fcck st\u00fcrzen wir in die \u00c4ra des Black Mountain College. Das meint keine nostalgische R\u00fcckw\u00e4rtsgewandheit, sondern, im Gegenteil, eine vorausblickende R\u00fccksichtnahme auf Bestehendes, Vergangenes und K\u00fcnftiges.<\/p>\n<p>Geht es also darum, in der Vergangenheit Ma\u00dfst\u00e4be zur Beurteilung der Gegenwart zu finden? Im Mythos oder in der Erinnerung an ein \u201egoldenes Zeitalter\u201c aus einer weit zur\u00fcckliegenden Vergangenheit zu sch\u00f6pfen? Die Vergangenheit als kulturelle, politische und psychologische Schatzkammer zu betrachten? Retrovision\u00e4res Denken orientiert sich weder nach innen noch nach r\u00fcckw\u00e4rts, vielmehr l\u00f6st es veraltete Strukturen und geistige Stagnation auf, \u00fcberdenkt die eigene Geschichte kritisch und erneuert sich immer wieder selbst.<\/p>\n<p>Retrovision steht f\u00fcr die \u201eVergangenheit als Zukunft\u201c (J\u00fcrgen Habermas, 1990). Sie steht aber nicht f\u00fcr die scheinbar unwiderstehliche Neigung, Modelle der Vergangenheit als Muster der Interpretation des K\u00fcnftigen zu w\u00e4hlen. Eigentlich steht weniger der Glaube an die Vergangenheit als vielmehr die Erinnerung daran im Mittelpunkt. Revisiting meint somit in der Jetztzeit der ZHdK einen Erinnerungsmoment ans Black Mountain College zu erm\u00f6glichen, der uns zu neuen Ufern f\u00fchren k\u00f6nnte, zu neuen R\u00e4umen und Tiefen.<\/p>\n<p><strong>DR: <\/strong>Ich kann mir gut vorstellen, dass \u00fcber inhaltliche \u201eMeeting Points\u201c andere Zusammenarbeiten von Studierenden und Lehrenden sparten\u00fcbergreifend (und wom\u00f6glich departements\u00fcbergreifende .-) m\u00f6glich sind, ein interessegeleitetes Lehren und Lernen, das, wie Derrida dies nannte, in Richtung einer <em>unbedingten Universit\u00e4t<\/em> gehen k\u00f6nnte, in Projektarbeit, in Studios und als Diskurse, mit eingeladenen G\u00e4sten\u2026 Ich w\u00fcnsche mir, dass sich die Hochschule riskiert. Bei dem Projekt <em>Revisiting Black Mountain<\/em> gef\u00e4llt es mir sehr, dass Studierende und Lehrende Projekte einreichen k\u00f6nnen, dass theoretische und praktische Anteile ineinandergreifen, sowie dass es mit dem Symposium M\u00f6glichkeiten gibt, internationale Kulturschaffende einzuladen sowie Projekte, die an der ZHdK entstehen, zu zeigen und zu diskutieren. Wie bell hooks dies formuliert liegt eine grosse Chance im akademischen und k\u00fcnstlerischen Lernen (und Lehren) : \u201cThe academy is not paradise. But learning is a place where paradise can be created. The classroom, with all its limitations, remains a location of possibility. In that field of possibility we have the opportunity to labor for an openness of mind and heart that allows us to face reality even as we collectively imagine ways to move beyond boundaries, to transgress. This is education as the practice of freedom.\u201d<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Ronald Kolb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Ein E-Mailbefragung zu der Entstehung und den Hintergr\u00fcnden des Projekts Revisiting Black Mountain an der ZHdK mit Bitten Stetter, DDE&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3702,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1427","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3702"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1427"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1663,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1427\/revisions\/1663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}