{"id":1475,"date":"2018-03-23T21:20:10","date_gmt":"2018-03-23T21:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/?page_id=1475"},"modified":"2018-03-30T09:25:07","modified_gmt":"2018-03-30T09:25:07","slug":"keine-klasse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/keine-klasse\/","title":{"rendered":"Keine Klasse"},"content":{"rendered":"<p><strong>Begrabt das Kollektiv<\/strong><br \/>\nvon Philipp Spillmann, anstelle von Keine Klasse<\/p>\n<p>Keine Klasse ist der Name einer Initiative, die sich dafu\u0308r engagiert, Projekte junger Autor*innen zu unterstu\u0308tzen und sie unter dem Arbeitsbegriff \u00bbselbstorganisiertes Lehren\/Lernen\/Verlernen\u00ab zusammenzufu\u0308hren. Die Grundidee ist simpel: Wir heben die Trennung zwischen der Position des Lehrenden und derjenigen des Lernenden auf, was im Prinzip der Aufhebung der Bildungsinstitution als einem hierarchischen Gebilde gleichkommt. So radikal das klingen mag \u2013 damit ist eigentlich noch nicht viel gesagt: Was fu\u0308r ein Wissen und was fu\u0308r eine Bildung denn damit entstehen soll, ist v\u00f6llig offen. Auch klingt die Formulierung irgendwie unlogisch: Was ist denn dieses \u00bbWir\u00ab in seinem Anspruch, Hierarchien aufheben zu wollen, anderes, als ein Diktat? Natu\u0308rlich w\u00e4re es t\u00f6richt, mit diesem Einwand Autorit\u00e4t und Hierarchie gleichzusetzen. Der springende Punkt ist vielmehr folgender: Wie ist ein nicht-hierarchisches Verh\u00e4ltnis zwischen diktierender Instanz und jenen Personen, die dem Diktat folgen, m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit, anstelle einer Gruppe zu sprechen, entsteht erst, wenn fu\u0308r diese Gruppe gesprochen werden soll. Das Problem ist doppelb\u00f6dig: Einerseits geht es darum, dass ein Individuum fu\u0308r eine Menge anderer Menschen sprechen soll und diese im Zuge dessen keine M\u00f6glichkeit haben, fu\u0308r sich selbst zu sprechen. Andererseits geht es darum, dass das Benennen einer Gruppe ein Akt ist, mit dem diese Gruppe u\u0308berhaupt erst symbolisch entsteht.<\/p>\n<p>Damit heisst, im Namen dieser Gruppe zu sprechen, sich ihre symbolische Handlungsmacht anzueignen. Um eine Sache klarzustellen: Es handelt sich dabei fast immer um notwendige \u00dcbel. Jeder Stimme eine Handlungsmacht einzur\u00e4umen, bedeutet eine unglaubliche Verlangsamung der Entscheidungsf\u00e4higkeit, was bei gr\u00f6sseren Gruppen schnell in eine komplette L\u00e4hmung ausartet. Das Repr\u00e4sentationsprinzip hat also die Funktion, die Gruppe u\u0308berhaupt erst zum Handeln zu bef\u00e4higen. Das ist ziemlich krass, weil das bedeutet, dass meinen Interessen auch dann gedient ist, wenn die Gruppe in einem einzelnen Fall gegen mein Interesse entscheidet. Aber hier soll es nicht darum gehen, ob und wann es wu\u0308nschenswert ist, eine repr\u00e4sentative Sprecher*in zu installieren oder nicht, sondern darum, wie es m\u00f6glich ist, eine Fluidit\u00e4t zwischen Fu\u0308rsprecher*in und anderen Gruppenmitgliedern zu institutionalisieren. Der Vorschlag, den ich unterbreiten m\u00f6chte, besteht darin, dass dazu nichts weiter n\u00f6tig ist, als die Partizipation zu virtualisieren. Wie soll das gehen? Das oben geschilderte Problem der Repr\u00e4sentation legt zwei Weisen offen, wie eine Gruppe gebildet wird und woraus sie besteht. Demnach besteht eine Gruppe erstens aus einer Menge von Individuen, die sich zusammenschliessen. Der Unterschied zwischen einer Gruppe und einer Menge besteht dann darin, dass es sich bei der Gruppe nicht um ein blosses Aggregat von Einzelpersonen handelt, sondern um einen Kollektivk\u00f6rper, der ein Innen gegen ein Aussen abschirmt. Die Teilhabe an der Menge ist die einer m\u00f6glicherweise schicksalhaften, aber blossen Kookkurenz: Man befindet sich in derselben Lage wie die anderen Mitglieder der Menge, egal worum es sich bei dieser Lage handelt. Die Teilhabe an einer Gruppe ist demgegenu\u0308ber die eines zielgerichteten Handelns. Ein Handeln, bei welchem die Handlung des Einzelnen dem Prinzip folgt, in einer Weise kooperativ zu sein, dass es dazu beitr\u00e4gt, eine Handlung zu vollziehen, die nur aus dem Zusammenschluss m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Zweitens besteht eine Gruppe aus einem symbolischen Imperativ: \u00bbWir, das sind diejenigen, die Dies wollen oder Das vorhaben\u00ab. Aus diesem folgt nicht nur die Gruppenidentit\u00e4t, sondern er erm\u00f6glicht es einzelnen Gruppenmitgliedern, eine Handlung mit der Handlungskraft der Gruppe auszufu\u0308hren. Es werden also zwei Formen von Partizipation sichtbar: An einer Gruppe teilzuhaben bedeutet erstens, mit dem eigenen K\u00f6rper Teil eines Kollektivk\u00f6rpers zu werden. Und zweitens, Anteil an der Erschaffung eines Textes oder eines Bildes zu nehmen, mit dem die Gruppe symbolisch formiert wird. Somit bringt jede Partizipationsform ein Diktat an die Gruppenmitglieder mit sich: Das Diktat, im Inneren der Gruppe so zu handeln, dass daraus das Kollektivhandeln hervorgeht, und das Diktat, nach Aussen so zu handeln, dass sich damit die Gruppe manifestiert.<\/p>\n<p>Gruppenmitglied ist man demnach dann, wenn man durch sein Handeln dazu beitr\u00e4gt, das Kollektiv zu bilden. Fu\u0308rsprecher*in ist man dann, wenn man durch sein Handeln den Gruppengeist erzeugt.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte es nun heissen, die Partizipation zu virtualisieren? Im ersten Fall heisst das, die Partizipation zu entk\u00f6rperlichen, im zweiten Fall, sie zu depersonalisieren. Entk\u00f6rperlichen bedeutet, das Diktat zu streichen, dass das Handeln der Einzelnen der Herstellung des Kollektivs dienen soll, was darauf hinausl\u00e4uft, den Kollektivk\u00f6rper zu beerdigen. Dem folgend heisst depersonalisieren, das Diktat zu streichen, dass das Handeln der Einzelnen den Gruppengeist manifestieren soll, was bedeutet, den Geist der Gruppe zu exorzieren. Damit ist gesagt, was es heisst, virtuelle Partizipation negativ zu denken. Wie aber l\u00e4sst sie sich positiv denken? Folgender Vorschlag: An die Stelle des K\u00f6rpers tritt der Raum und an die Stelle des Geistes die Stimme. Partizipation heisst demnach, sich in einem Raum aufzuhalten, der dazu gemacht ist, dass darin gesprochen und Gesprochenes verst\u00e4rkt werden kann. Also einen gemeinsamen Raum der \u00c4usserung herzustellen. Dabei gewinnt Sprechen an Wirkkraft, wenn sich Sprecher*innen kooperativ verhalten, und dennoch hat jede Sprecher*in stets die M\u00f6glichkeit, in das kollektive Sprechen zu intervenieren. Eine Fu\u0308rsprecher*in kann es in jedem Fall geben und zwar dahingehend, dass die anwesenden Sprecher*innen ihre Lautst\u00e4rke reduzieren.<br \/>\nDiese Position der Fu\u0308rsprecher*in ist fluid, weil sie graduel lschwanken, sich jederzeit aufl\u00f6sen oder zu einer anderen Person u\u0308bergehen kann. Genau genommen handelt es sich nicht mehr um eine Fu\u0308rprecher*in, sondern um jemanden, der zeitweise anstelle des Kollektivs spricht, und zwar nicht dahingehend, dass sie dieses Kollektiv ersetzt, sondern dass sie eine tempor\u00e4re Leerstelle besetzt.<\/p>\n<p>Genau in dieser Lage befinde ich mich, wenn ich diesen Text sc hreibe, n\u00e4mlich nicht im Namen, sondern anstelle von Keine Klasse; ein k\u00f6rperloses Organ, das jedem die M\u00f6glichkeit gibt, esnach seinen Vorstellungen zu formen, und dem folgend hier etwas komplett Verschiedenes geschrieben stehen wu\u0308rde, h\u00e4tte jemand anderes an meiner Stelle einen Beitrag fu\u0308r diese Publikation verfasst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Begrabt das Kollektiv von Philipp Spillmann, anstelle von Keine Klasse Keine Klasse ist der Name einer Initiative, die sich dafu\u0308r&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3797,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1475","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1475","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3797"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1475"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1475\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1667,"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1475\/revisions\/1667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/revisit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1475"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}