{"id":1849,"date":"2014-09-30T14:56:36","date_gmt":"2014-09-30T12:56:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=1849"},"modified":"2014-09-30T18:31:11","modified_gmt":"2014-09-30T16:31:11","slug":"der-unausgebeulte-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/09\/30\/der-unausgebeulte-raum\/","title":{"rendered":"Der unausgebeulte Raum"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich frage einen Dozenten, wie es ihm im neuen Geb\u00e4ude gef\u00e4llt:<\/em><\/p>\n<p>Ich find es eigentlich recht interessant. Ich finde, das Geb\u00e4ude ist so steingewordene Ideologie der Gegenwart. Als das ist es sehr klar. In einem alten Geb\u00e4ude \u00fcberlagert sich die Widerst\u00e4ndigkeit der Mauern, die macht gewisse Implementierungen von zeitgen\u00f6ssischen Managementideen schwierig. Ich war vorher in einem kleinen alten Abseits-Geb\u00e4ude, und da hatten sie keinen Zugriff darauf. Da sahen sie nicht, was da passiert ist, und du konntest machen, was du willst. Und jetzt ist es sozusagen so, dass das Geb\u00e4ude mit der Idee, wie es betrieben wird, vollst\u00e4ndig harmoniert. Das ist eine recht erstaunliche Erfahrung. Jetzt ist sozusagen die Frage, wie kann man die Dinge, die ich durchaus positiv finde, dass man Leute trifft, die man sonst nur einmal im Jahr getroffen hat &#8211; die sieht man jetzt viel \u00f6fter, da funktioniert es, das geht. Das halte ich f\u00fcr positiv. Wie kann man den Teil mit den anderen Teilen, die eigentlich schrecklich sind &#8211; wie kann man den einen Teil behalten und die anderen Teile irgendwie unterlaufen?<\/p>\n<p><em>Was sind die schrecklichen Teile?<\/em><\/p>\n<p>Dieser Transparenzimperativ. Den halte ich f\u00fcr sehr sch\u00e4dlich. Das finde ich eine interessante Erfahrung, weil vor diesem Informationsaktivistenhintergrund ist Transparenz ja ein positiv besetzter Wert. Und ich finde, man merkt jetzt, dass das ein sehr zweischneidiger Wert ist, und dass unter diesem Begriff ganz verschiedene Regimes drin sind. Ist es Transparenz von unten nach oben? Oder eben Transparenz von oben nach unten? Jetzt in dem Geb\u00e4ude ist es eher Transparenz von oben nach unten &#8230;<\/p>\n<p><em>Warum?<\/em><\/p>\n<p>Ja, du wirst ja f\u00fcr diese Managementstrategien greifbar. Man sieht die Leute immer. Du kannst nicht sagen: Ja, okay, das ist die Hausordnung, aber hier hinten machen wir&#8217;s jetzt anders. Das finde ich interessant.<\/p>\n<p><em>Was mir bisher noch nicht ganz klar geworden ist bei der Kritik an der Transparenz &#8230; der normale Wissensarbeiter ist ja intransparent als Arbeitender. Du siehst ja von aussen nicht, ob die Leute arbeiten. Die blosse Tatsache, dass sie an ihrem Schreibtisch vor ihrem Computer sitzen, bedeutet gar nichts, vielleicht schauen sie Katzenvideos an, und die Tatsache, dass sie an der Kaffeemaschine rumstehen, bedeutet auch nichts, vielleicht f\u00fchren sie da gerade die wichtigen Gespr\u00e4che. Also wie jetzt diese technische Transparenz zu einer tats\u00e4chlichen \u00dcberwachung deiner Arbeit f\u00fchren soll, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Aber du hast ja gerade offenbar was anderes gemeint, mit den Ecken vom Geb\u00e4ude, in denen man dann die Dinge anders machen kann?<\/em><\/p>\n<p>Im Moment hat es damit zu tun, dass es ein neues Geb\u00e4ude ist. Es ist quasi eine uniforme Dominanz der Hausordnung. Weil die war zuerst und jetzt kommen die Leute. Und jetzt ist die Frage sozusagen: An welchen Ecken kann man die Hausordnung wie leicht biegen? Um eben Zonen einzurichten, die in gewissen Dingen einen eigenen Charakter entwickeln. Und da wieder finde ich die Transparenz nicht gut.<\/p>\n<p><em>Aber ist das nicht eben die Idee, die in dem Architekturkonzept \u00fcberall drinsteht? Dass eben einzelne Zonen sich ganz anders entwickeln sollen?<\/em><\/p>\n<p>Ja &#8230; Ich glaube, die Architektur arbeitet dem entgegen.<\/p>\n<p><em>Inwiefern?<\/em><\/p>\n<p>Eben dass alles immer von aussen einsichtig ist. <!--more-->Das ist eines. Eines der Dinge, die eigentlich immer recht wichtig waren, ist, dass die Studenten in ihren Ateliers gekocht haben. Das ist zwar oft nervig und f\u00fchrt zu endlosen, m\u00fchsamen Diskussionen, aber es gibt dem eben auch den Charakter eines Raumes, in dem man sein, in dem man sich einfach aufhalten kann. Und das war immer verboten. Weil du das nicht erlauben kannst, du m\u00fcsstest einen Rauchabzug machen &#8230; Aber du konntest sagen, ich seh&#8217;s nicht. Es war immer klar, die Studenten k\u00f6nnen machen, was sie wollen, sie sollen&#8217;s uns einfach nicht auf die Nase binden, und wir schauen nicht nach. Damit wir sagen k\u00f6nnen, wir wussten&#8217;s nicht, und die k\u00f6nnen sagen, wir wussten nicht, dass wir&#8217;s nicht d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Oder zum Beispiel diese G\u00e4nge. Es sind ja sehr lange G\u00e4nge \u00fcber die ganze L\u00e4nge des Geb\u00e4udes. Da darfst du hausordnungsm\u00e4ssig keine Zettel aufh\u00e4ngen, nicht irgendwie einen Veranstaltungsflyer, nix. Feuerpolizei. Da wird sich zeigen, wie viel man da machen kann. Das Problem ist, und das ist eben diese gegenw\u00e4rtige Ideologie: Das Haus ist zwar gebaut f\u00fcr diese Hochschule, geh\u00f6rt aber nicht der Hochschule, auch nicht dem Kanton. Sondern das geh\u00f6rt einer Immobilienfirma und ist geleast. Und diese Immobilienfirma hat entweder als Modell, was sie alles kann, oder vielleicht hat es mit Steuern zu tun oder Versicherungspr\u00e4mien oder irgendwas, hat diesem Geb\u00e4ude den h\u00f6chsten Sicherheitsstandard verordnet: mit Fluchtr\u00e4umen, mit Dingen, die du nicht machen darfst, mit einer state-of-the-art-Wahnsinns-Sprinkleranlage. Jeder Raum, den du mit einem Badge aufmachen kannst, hat innendrin eine Panikbox. Hast du das gesehen?<\/p>\n<p><em>Ja, hab ich, ich hab ein Foto gemacht:<\/em><\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n<p>Damit, wenn irgendeiner draussen Amok l\u00e4uft, du dich dort einschliessen kannst und der nicht von aussen mit seinem Badge aufmachen kann. Und was es, glaub ich, relativ wenig hat, erstaunlicherweise, aber wo ich auch noch nicht genau geschaut hab: Es hat, glaub ich, relativ wenig \u00dcberwachungskameras.<\/p>\n<p><em>Dazu hab ich schon eine Anfrage bekommen. Das wollte ich mir noch anschauen:<\/em><\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/allueren?ref_src=twsrc%5Etfw\">@allueren<\/a> Aber mit dem gr\u00f6ssten Vergn\u00fcgen. Ich werde mir einen falschen Schnurrbart und eine Zeitung mit einem Loch darin beschaffen.<\/p>\n<p>&mdash; z_observer (@z_observer) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/z_observer\/status\/512539285061632001?ref_src=twsrc%5Etfw\">September 18, 2014<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Da stossen einfach die Interessen des Hauseigent\u00fcmers auf einer ganz tiefen Ebene sozusagen gegen die, die das Haus n\u00fctzen. Und weil die beiden Gruppen so weit voneinander weg sind, also \u00fcber Leasingvertr\u00e4ge, an die du nicht rankommst und die du nicht beeinflussen kannst, wo du auch nicht irgendwie einen politischen Prozess darum starten kannst, da siehst du, wie sich das gegeneinander reibt.<\/p>\n<p><em>Glaubst du, das ist auch seitens der Hochschule so gewollt? Sie waren ja nicht gezwungen, die Sache so zu l\u00f6sen. Glaubst du, das ist auch in irgendeiner undurchschaubaren Weise f\u00fcr die Hochschule selbst von Vorteil?<\/em><\/p>\n<p>Das glaub ich nicht. Es ist irgendwie so ein Fake, dass du politisch die Kosten runterrechnest. Dass du sagst, nein nein, das kostet gar nicht vierzig Millionen, das kostet nur &#8230; irgendwie zwei Millionen Miete pro Jahr oder so. Damit bist du in einer anderen budget\u00e4ren Kategorie,\u00a0du bist\u00a0nicht so teuer\u00a0&#8230; du segelst halt anders durch die politischen Prozesse. Das, w\u00fcrde ich vermuten, ist die Grundmotivation. \u00c4hnlich wie St\u00e4dte, die ihre Wasserleitungen verkauft haben und dann zur\u00fcckmieten. Das ist ein budget\u00e4rer Trick, der dir kurzfristig politischen Handlungsspielraum gibt. Aber du installierst da nat\u00fcrlich \u00e4hnlich wie mit der kommunalen Infrastruktur ganz spezifische Macht- und sonstige Relationen.<\/p>\n<p>Dann gibt&#8217;s andere Sachen, die ein bisschen schr\u00e4g sind. Die R\u00e4ume sind teilweise sehr hoch. Aber aus versicherungstechnischen Gr\u00fcnden darf man \u00fcber zwei Meter f\u00fcnfzig nichts selber machen, weil du sonst runterf\u00e4llst. Das heisst, du musst den Hausdienst rufen, wenn du auf vier Meter einen Scheinwerfer aufh\u00e4ngen oder einen Nagel einschlagen willst, was man halt so braucht. Aber weil jede dieser Institutionen in diesen neoliberalen Organisationen die ganze Zeit nachweisen muss, dass sie gebraucht wird \u2013 und das heisst: Auftr\u00e4ge generieren \u2013 wird der Techniker dir intern verrechnet. Das heisst, du musst jemanden anrufen: Kannst du mir eine Lampe aufh\u00e4ngen? Sagt der, ja, kann ich, kostet aber 75 Franken. Und dann hast du irgendwo ein internes Budget, was eben komische \u00dcberlegungen schafft dann, wie du jetzt mit dem Zeug umgehen musst.<\/p>\n<p>Und das ist eben alles so in Reinkultur hier. Weil es auf allen Ebenen \u00fcbereinanderpasst. Wir sind eingezogen, und das Erste, was alle gekriegt haben, die einen Rechner von der Hochschule haben: Sie haben ein Update gekriegt, das ihnen die Administratorenrechte auf ihrem Computer entzogen hat. Das hat zu tun mit einem im Hintergrund ablaufenden Security-Review, weil sie draufgekommen sind, holy shit, da k\u00f6nnte ja ein Virus \u00fcber so eine Maschine in den privilegierten Teil des Netzwerks gelangen. Und die L\u00f6sung war, allen Seiten die Rechte zu entziehen. Das geht jetzt halt alles so \u00fcbereinander. Da gibt&#8217;s dann schon jetzt wieder M\u00f6glichkeiten, die Rechte wieder zur\u00fcckzukriegen im Einzelfall und so, das muss man jetzt wieder auseinanderdefinieren. Aber in einem Moment \u2013 der ist eben jetzt \u2013 ist es eine in total vielen Ebenen sich verst\u00e4rkende Logik.\u00a0In gewachsenen Organisationen hast du sich widersprechende Logiken. Das gibt auch viel M\u00fchsal, aber auch eben so komische Freiheitszonen, weil Dinge nicht klappen.<\/p>\n<p>Der st\u00e4rkste Eindruck bis jetzt ist, dass an einem normalen Tag wie heute das Geb\u00e4ude wahnsinnig leer ist. Da weiss ich nicht so richtig, an was das liegt, ob sich das noch \u00e4ndern wird, wie sich das so einrenken wird, aber im Moment ist die H\u00fclle &#8230; Das Geb\u00e4ude ist im Moment noch viel zu starr. Die Nutzung des Geb\u00e4udes. Es hat sich noch kein Raum richtig in dieser H\u00fclle ausgebeult.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Ich frage einen Dozenten, wie es ihm im neuen Geb\u00e4ude gef\u00e4llt: Ich find es eigentlich recht interessant. 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