{"id":2431,"date":"2014-10-08T02:58:31","date_gmt":"2014-10-08T00:58:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=2431"},"modified":"2014-10-08T21:01:40","modified_gmt":"2014-10-08T19:01:40","slug":"toni-bei-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/10\/08\/toni-bei-nacht\/","title":{"rendered":"Toni bei Nacht"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz scheint ein Land zu sein, in dem man seinen Mitmenschen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig weit \u00fcber den Weg traut. Mein neues Handy lag tagelang im unverschlossenen\u00a0Milchfach unter dem Briefkasten. Beim Baden am Oberen Letten ist mir bisher noch nichts abhandengekommen, obwohl ich relativ viel Hardware mit mir herumtrage und das Geschehen am Ufer gegen Abend ein wenig nach\u00a0Drogenhandel aussieht. (Vielleicht missdeute ich das ja auch, und es finden sich einfach abends\u00a0gesellige\u00a0Menschen dort ein, die nur\u00a0aus allgemeinem Forscherdrang ihre Umgebung sehr aufmerksam betrachten.) Begegnet man einander nachts auf unbeleuchteten Wegen, dann gr\u00fcsst man sich h\u00f6flich. Und das Toni-Areal ist 24 Stunden ge\u00f6ffnet. &#8222;Klar, <em>ge\u00f6ffnet<\/em>&#8222;, dachte ich anfangs, &#8222;man wird halt in die Eingangshalle hineind\u00fcrfen und sonst nirgendwohin.&#8220;\u00a0Aber wie man h\u00f6rt, ist es\u00a0anders, und um herauszufinden, wie anders, treffe ich mich um Mitternacht am Empfang mit Katharina und Simon, der sich auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/z_observer\/status\/519490128730157056\">meine Twitter-Ank\u00fcndigung<\/a> hin eingefunden\u00a0hat:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Frau am Empfang blickt nicht einmal auf. Besonders\u00a0ungew\u00f6hnlich scheint unsere\u00a0Ankunftszeit nicht zu sein.<\/li>\n<li>Ich schlage vor, zuerst in den Mehrspur-Klub zu gehen, der n\u00e4mlich offen hat \u2013 am Nachmittag haben unsere Googleversuche noch ergeben, dass er erst am Mittwoch wieder \u00f6ffnen wird. Leider\u00a0schliesst er\u00a0um Mitternacht dann aber doch.<\/li>\n<li>In der Eingangshalle piepst\u00a0ein Alarm. Die Frau vom Empfang verl\u00e4sst ihren Bau und fragt streng, ob wir das waren. Oder ob gerade jemand von oben heruntergekommen sei. Nur der\u00a0da dr\u00fcben, sage ich unbedacht, was dazu f\u00fchrt, dass der da dr\u00fcben gr\u00fcndlich angekeift wird. Er verteidigt sich, aber wegen der Akustik der Eingangshalle versteht man kein Wort. Es ist eine sehr privatsph\u00e4renwahrende Eingangshalle. Vermutlich muss man immer sein Badge verwenden, wenn man einen Raum betreten will, und darf auf keinen Fall\u00a0leichtfertig irgendeine T\u00fcrklinke anfassen. Wir sind gewarnt.<\/li>\n<li>Seit gestern weiss ich, wo die Musik-\u00dcbungsr\u00e4ume im Keller sind, und die sehen\u00a0wir uns als Erstes an. Gestern Nachmittag waren alle besetzt, jetzt ist niemand mehr da, und die\u00a0T\u00fcren stehen\u00a0offen. Ob man\u00a0uns wohl identifizieren kann, wenn wir zum Beispiel einen Kontrabass mitgehen lassen? Gibt es hier \u00fcberhaupt \u00dcberwachungskameras, oder sind die runden Dinger an der Decke\u00a0nur Bewegungsmelder? Katharina spielt ein paar Anfangstakte von irgendwas auf einem Kawai-Fl\u00fcgel. Ich sage zu Simon, er sei doch sicher auch mit Klavierunterricht grossgezogen worden, denn die paar Takte klangen sehr gut, und ich hoffe, dass er vielleicht etwas L\u00e4ngeres spielen kann. Obwohl wir uns zum ersten Mal sehen, weiss ich\u00a0einiges\u00a0\u00fcber ihn, zum Beispiel seine Lieblingsfarbe bei\u00a0Sandsch\u00e4ufelchen, aber auch, dass sein Elternhaus praktisch aus Fl\u00fcgeln erbaut gewesen sein muss. Er leugnet zun\u00e4chst, betritt ein paar Minuten sp\u00e4ter\u00a0aber doch einen \u00dcbungsraum, &#8222;um die Schalldichtigkeit zu testen&#8220;, und spielt ein paar Anfangstakte von irgendwas Kompliziertem. War das jetzt einer von den Steinways?, frage ich. Ja, sagt Simon, aber ein ganz alter.<\/li>\n<li>Wir besichtigen einen Technikraum mit Notstromversorgung.<br \/>\nngg_shortcode_0_placeholder<\/li>\n<li>Danach testen\u00a0wir weiter oben im Geb\u00e4ude, ob wir mit unseren Badges in ein Atelier hineind\u00fcrfen, und wir d\u00fcrfen. Im Atelier steht eine unerwartet\u00a0grosse Menge Pfefferm\u00fchlen herum, manche pfeffergef\u00fcllt, andere leer und aufgeschraubt. Ob hier die Designer auf einen Markt\u00a0vorbereitet werden, der von Designern vorwiegend das Entwerfen\u00a0neuer Designerpfefferm\u00fchlen erwartet?<\/li>\n<li>In den Fluren\u00a0erweisen sich\u00a0die Bewegungsmelder als hilfreich und schalten \u00fcberall, wo man hinkommt, das Licht ein. Man f\u00fchlt sich\u00a0umsorgt. Ausserdem sieht es sch\u00f6n aus, wenn bei den grossen Neonr\u00f6hrenfl\u00e4chen zuerst nur die orangen Punkte in der Dunkelheit aufglimmen.<\/li>\n<li>Menschen sind allerdings keine da. Insgesamt begegnen wir vielleicht f\u00fcnf Personen. Katharina vermutet, dass das gegen Ende des Semesters anders sein\u00a0wird, wenn alle in letzter Minute irgendwas fertigstellen m\u00fcssen.<\/li>\n<li>In den Kammermusiksaal d\u00fcrfen wir hinein, in den Orgelsaal und den grossen Konzertsaal aber nicht. Auch nicht ins Schaudepot oder in die Mensa.<\/li>\n<li>Man k\u00f6nnte problemlos hier \u00fcbernachten, es gibt in vielen R\u00e4umen\u00a0Sofas in der passenden Gr\u00f6sse. Nur wo die Duschen sind, wissen wir nicht. Es wird schon irgendwo welche geben, wie soll man sich sonst im Fall eines Atomkriegs\u00a0dekontaminieren? Ich stelle mir vor, dass die Schweizer Bauvorschriften sich dieser\u00a0Frage umfassend widmen. Aber bisher haben wir die Duschen noch\u00a0nicht entdeckt.<\/li>\n<li>Auf der\u00a0Dachterrasse ist es auch nachts und bei Regen ganz sch\u00f6n. Es w\u00e4re blogtechnisch nat\u00fcrlich vorteilhaft, wenn wir danach nicht wieder ins Geb\u00e4ude gelassen w\u00fcrden und auf dem Dach \u00fcbernachten m\u00fcssten. Leider ist\u00a0der Weg zur\u00fcck kein Problem.<\/li>\n<li>Bei der ZHAW\u00a0entdecken wir einen Raum, in dem der Fussboden mit einer Luftaufnahme von Z\u00fcrich bedruckt ist. Katharina ist entsetzt. Aber stell dir vor, du h\u00e4ttest ein kleines Auto!, sage ich.\u00a0Wenn ich noch mal nachts hier bin, bringe ich mir ein Auto mit. Eine Weile laufen wir\u00a0auf Z\u00fcrich herum und zeigen einander unsere H\u00e4user. Stellenweise scheint die Luftaufnahme mit extra ausgeschnittenen Bildteilen \u00fcberklebt worden zu sein, vielleicht Updates? Ein Patch!, sagt Simon.<\/li>\n<li>Ob man wohl ins B\u00fcro des Rektors hineinkann, um\u00a0ihm Nachrichten auf Post-its in seine Aktenordner zu kleben? Ob er \u00fcberhaupt Aktenordner hat? Aber das Grossraumb\u00fcro, in dem der Rektor arbeitet, hat ein ganz normales T\u00fcrschloss und ist abgesperrt. Wenn Sicherheit wirklich wichtig ist, nimmt man wahrscheinlich\u00a0doch lieber einen Schl\u00fcssel und keine Plastikkarte.<\/li>\n<li>Wir erforschen, ob die Bibliothek ge\u00f6ffnet ist.\u00a0Aber an der Bibliothekst\u00fcr versagen beide Badges.\u00a0Katharina ist entt\u00e4uscht und sagt, in einer Hochschule m\u00fcsse der Zugang zur Wissensbeschaffung gew\u00e4hrleistet sein. Ich sage, es sei vielleicht eher ein Anzeichen daf\u00fcr, dass Bibliotheken in letzter Zeit mehr aus Gewohnheit\u00a0gebaut w\u00fcrden und weniger, weil man ernsthaft damit rechnet, dass die Studierenden sie dringend zur Informationsbeschaffung ben\u00f6tigen*. Ausserdem brauche man eine teure Aufsichtsperson,\u00a0sonst k\u00f6nne ja jeder nachts die B\u00fccher stehlen.<br \/>\nWir k\u00f6nnten hier ein Klavier rausrollen!, sagt Katharina. Das kostet ja wohl mehr als ein Buch!<br \/>\nAber das Klavier passt gar nicht durch die T\u00fcr, sage ich. Man m\u00fcsste erst die Beine abschrauben. Beim Buch nicht.<\/li>\n<li>Dann gehen wir\u00a0schlafen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>* Privatglaube, der\u00a0von Bibliothekaren in der Regel nicht geteilt wird. In zwei Wochen werde ich die Bibliothek erkl\u00e4rt bekommen und danach vielleicht mehr wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Die Schweiz scheint ein Land zu sein, in dem man seinen Mitmenschen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig weit \u00fcber den Weg traut. 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