{"id":3379,"date":"2014-11-04T20:24:44","date_gmt":"2014-11-04T18:24:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=3379"},"modified":"2014-11-04T20:24:44","modified_gmt":"2014-11-04T18:24:44","slug":"von-der-faehigkeit-sich-beim-arbeiten-zuschauen-zu-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/11\/04\/von-der-faehigkeit-sich-beim-arbeiten-zuschauen-zu-lassen\/","title":{"rendered":"Von der F\u00e4higkeit, sich beim Arbeiten zuschauen zu lassen"},"content":{"rendered":"<p>Seit acht Jahren schreibe ich alle meine Texte in Google Docs, jetzt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Google_Drive\">Google Drive<\/a>. Meistens sind Coautoren dabei, aber auch, wenn ich allein schreibe, schalte ich den Text f\u00fcr ein oder zwei Mitleser frei, die kommentieren und verbessern k\u00f6nnen. Beim Schreiben in Google Docs, aber auch \u00e4hnlichen Editoren wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/EtherPad\">Etherpad<\/a>\u00a0(inzwischen Open Source) oder vermutlich auch <a href=\"https:\/\/quip.com\/\">Quip<\/a> (ziemlich neu, ich hab es noch nicht ausprobiert) kann man jeden Buchstaben sehen, den die anderen Beteiligten hinschreiben und wieder l\u00f6schen. Es ist ein bisschen gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, sich beim Arbeiten so \u00fcber die Schulter schauen zu lassen. Wenn ich andere Menschen neu ins kollaborative Schreiben hineinlocke, dann \u00e4ussern\u00a0sie manchmal ein\u00a0leichtes Unbehagen, oder man merkt ihrer Art der Google-Docs-Nutzung an, dass sie nicht gern Unfertiges vorzeigen. Sie schreiben oder bearbeiten dann alles offline und kopieren es nach langem Zureden in fertigem Zustand wieder\u00a0dorthin, wo man es sehen kann.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre dieses Unwohlsein\u00a0bei Google Docs nicht mehr, aber ich erinnere mich noch gut an die Situation von 2011, als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Google%2B\">Google+<\/a> neu war und ich es etwa ein halbes Jahr lang ausdr\u00fccklich zum Posten unfertiger Ideen verwendete.\u00a0Es st\u00f6rt mich nicht, wenn andere meine hingeschriebenen und wieder verworfenen S\u00e4tze sehen, umso weniger, als diese Anderen ja selten die \u00d6ffentlichkeit sind. Aber dass man mir beim Denken zusehen konnte, das f\u00fchlte sich sehr unsch\u00f6n an.\u00a0Sp\u00e4testens jetzt, dachte ich, m\u00fcssen alle merken, mit was f\u00fcr halbgaren Ideen\u00a0ich meinen Lebensunterhalt bestreite. Oder doch wenigstens, aus was f\u00fcr halbgaren Ideen ich hin und wieder in m\u00fchsamer Arbeit einen Text zusammenbastle, dem man die D\u00fcrftigkeit des Ausgangsmaterials nicht mehr ganz so deutlich anmerkt. Nach ein paar Monaten hatte ich mich daran gew\u00f6hnt, aber dann\u00a0stellte sich heraus, dass drei soziale Netze \u2013 zumindest f\u00fcr mich \u2013 eins zu viel sind. Ich wendete mich von Google+ ab und behalte meine unfertigen Ideen jetzt wieder mehr f\u00fcr mich. Nicht aus \u00dcberzeugung, es hat sich halt so ergeben.<\/p>\n<p>Mittelsteile These, das Toni-Areal betreffend: Ich glaube, die physische Transparenz vieler Arbeitspl\u00e4tze im Haus funktioniert so \u00e4hnlich.\u00a0Wenn man mit anderen zusammenarbeiten will, dann muss man sich in irgendeiner Weise f\u00fcr diese anderen zug\u00e4nglich machen. Dass sie einen finden und wenigstens ungef\u00e4hr sehen k\u00f6nnen, was man gerade tut, ist dabei hilfreich. Gleichzeitig verursacht auch diese Form der Arbeitstransparenz Eingew\u00f6hnungsschwierigkeiten, und vielleicht sogar aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden: Dabei\u00a0werden Einzelheiten der eigenen Arbeitsweise sichtbar, die in un\u00fcbersichtlichen H\u00e4usern mit kleineren B\u00fcros\u00a0nicht ganz so leicht erkennbar\u00a0waren. Wann erscheint\u00a0man eigentlich am Arbeitsplatz? Wie lange bleibt man? Wie sieht die Arbeit aus, die man gerade erledigt? Wie viel Zeit verbringt man damit, aus dem Fenster zu starren?<\/p>\n<p>Weitere Spekulation: Die vorgesehenen Sitzpl\u00e4tze in den meisten Festangestellten-B\u00fcros und auch den etwas b\u00fcroartiger\u00a0eingerichteten\u00a0Coworkingspaces spiegeln eine\u00a0Situation wider, von der ich vermute, dass sie aus\u00a0R\u00f6hrenmonitorzeiten\u00a0stammt: Man\u00a0sitzt mit dem R\u00fccken zum interessanteren Teil des Raums und schaut auf eine Wand. (Ob es zu Schreibmaschinenzeiten anders war, weiss ich nicht. Jemand m\u00fcsste mal Forschung betreiben, vielleicht anhand von B\u00fcrofotos.) Rein anekdotisch scheinen mir aber im sonstigen Leben, zum Beispiel in Restaurants, die Pl\u00e4tze beliebter zu sein, von denen aus man den Raum und die anderen Menschen sehen kann, und in weniger rigide m\u00f6blierten Coworkingspaces diejenigen, bei denen man den Raum im Auge behalten kann <em>und<\/em> die Vorbeigehenden einem nicht auf den Monitor gucken. <a href=\"http:\/\/www.deskmag.com\/img\/articleimages\/468x351\/deskmag-coworking-1251.jpeg\">Beispielfoto aus dem St. Oberholz, Berlin<\/a>.<\/p>\n<p><em>tl;dr: Es gibt einen Zusammenhang zwischen vermehrter Zusammenarbeit\u00a0und vermehrter Transparenz der Arbeitsweise, vom Am-Schreibtisch-Sitzen \u00fcber das Schreiben bis hin zum Denken. Eine Erh\u00f6hung dieser Transparenz erzeugt Unbehagen, und dieses Unbehagen hat mit der Vorstellung zu tun, die eigene Arbeit sei mit geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Unzul\u00e4nglichkeiten verbunden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Seit acht Jahren schreibe ich alle meine Texte in Google Docs, jetzt Google Drive. 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