{"id":4780,"date":"2014-12-17T16:50:39","date_gmt":"2014-12-17T14:50:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=4780"},"modified":"2014-12-17T16:55:19","modified_gmt":"2014-12-17T14:55:19","slug":"systemantics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/12\/17\/systemantics\/","title":{"rendered":"Systemantics"},"content":{"rendered":"ngg_shortcode_0_placeholder\n<p style=\"text-align: center\"><em>&#8222;Just calling it &#8218;feedback&#8216; doesn&#8217;t mean that it has actually fed back.<br \/>\nIt hasn&#8217;t fed back until the system changes course.<br \/>\nUp to that point, it&#8217;s merely sensory input.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das wesentliche Erkl\u00e4rbuch f\u00fcr den Umzug ins Toni-Areal (und eigentlich auch f\u00fcr alles\u00a0andere) ist &#8222;<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Systemantics\">Systemantics<\/a>&#8220; von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/John_Gall_(author)\">John Gall<\/a>, ein\u00a0seit 1975 in zahlreichen Auflagen erschienenes Werk. Es\u00a0handelt davon, dass es im Wesen von Systemen liegt, nicht so zu funktionieren, wie man es sich von ihnen w\u00fcnscht. Systeme folgen ihren eigenen Gesetzen und Interessen, die nicht deckungsgleich sind mit den Interessen\u00a0ihrer Nutzer. Und man darf sich nicht auf ihre\u00a0Selbstausk\u00fcnfte verlassen: &#8222;People in systems do not do what the system says they are doing. The system itself does not do what it says it is doing.&#8220;<\/p>\n<p>ZHdK-Rektor Thomas Meier \u00e4usserte\u00a0beim Info-Anlass zum falschen Amok-Alarm: &#8222;Ich stelle einfach fest, seit wir in diesem Areal sind, dass Sicherheitssysteme verunsichern.&#8220; Diese Problematik wird\u00a0in &#8222;Systemantics&#8220; ausf\u00fchrlich behandelt: &#8222;Systems tend to oppose their own proper functions&#8220;. Ein Beispiel, nicht aus dem Buch, sondern aus dem November 2014: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.iol.co.za\/dailynews\/news\/high-walls-are-high-risk-1.1777821\">High Walls are High Risk<\/a>&#8222;, Hausbesitzer in Durban leben offenbar gef\u00e4hrlicher, wenn sie ihr Haus mit\u00a0hohen Mauern umgeben. &#8222;Whatever the system has done before, you can be sure it will do it again&#8220;, k\u00fcndigt\u00a0Gall an, und &#8222;The crucial variables are discovered by accident&#8220;. Sein\u00a0eigenes Beispiel lautet:<\/p>\n<p><em>&#8222;Computers are larger, faster, and more reliable than ever; yet one of the best, employed for National Defense, mistook the rising Moon for a flight of hostile missiles and sent an attack warning to the nuclear-missile silos. More recently, on June 3, 1980, three false alarms of enemy missile attack were issued in rapid sequence, prompting the Secretary of Defense to announce that &#8218;the System is working the way it is supposed to.&#8216; The false alarms were later traced to a malfunctioning 46-cent computer chip. It was also revealed that the System did not critique its own alarms to evaluate their believability. Indeed, the alarms could not even be monitored at their point of origin.&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"p1\">Auf der 4. Etage gibt\u00a0es eine Tafel, an die man einige Wochen lang Feedback auf Karteikarten h\u00e4ngen konnte. Gall weist darauf hin, dass man den\u00a0Begriff &#8222;Feedback&#8220;\u00a0nicht \u00fcberstrapazieren sollte: &#8222;Just calling it &#8218;feedback&#8216; doesn&#8217;t mean that it has actually fed back.\u00a0It hasn&#8217;t fed back until the system changes course. Up to that point, it&#8217;s merely sensory input.&#8220;\u00a0Inzwischen ist diese Wand zur allgemeinen Pinnwand umgewidmet und verweist auf <a href=\"http:\/\/www.zhdk.ch\/?feedbackwand\">www.zhdk.ch\/?feedbackwand<\/a>, eine\u00a0\u00fcber die Suche unauffindbare Seite.<\/p>\n<p>Wenn man die Sprache des Systems spricht, sind\u00a0Verbesserungen m\u00f6glich. In\u00a0dem Raum, in dem mein Prokrastinationsseminar stattfand, war die L\u00fcftung so laut, dass ich die Studierenden aus der\u00a0hinteren Reihe kaum verstehen konnte. Nach einigen Wochen besserte sich die Lage, weil M., ein Industriedesigner, das L\u00fcftungsgitter mit Pappkartonst\u00fccken abdeckte: &#8222;Wir sind Industriedesigner, wir verbessern die Welt.&#8220; Nat\u00fcrlich wurden die Pappkartonst\u00fccke bis zur n\u00e4chsten Woche wieder entfernt, ebenso wie die Ersatzkartonst\u00fccke, die M. installierte.\u00a0Eines Tages gegen Ende November aber war das L\u00fcftungsproblem verschwunden: Eine unbekannte, im Umgang mit Systemen erfahrene Person hatte ein St\u00fcck farblich passenden\u00a0Karton\u00a0genau richtig\u00a0zugeschnitten und mit weissem Klebeband sauber \u00fcber der L\u00fcftung angebracht. Niemand entfernt\u00a0diese Abdeckung, weil es ja sein k\u00f6nnte, dass sie von <em>Befugtem Personal<\/em> absichtlich angebracht wurde.<\/p>\n<p>Behoben war das Problem damit nat\u00fcrlich nicht.\u00a0Einer der zentralen Systemantics-Begriffe ist die &#8222;Anergie&#8220;, eine Art Energie des Nichtfunktionierens. Das <em>Law of Conservation of Anergy<\/em> besagt: &#8222;The total amount of anergy in the Universe is constant.&#8220; Nichtfunktionieren l\u00e4sst sich nur verschieben, nicht beseitigen. Seit die\u00a0L\u00fcftung professionell verklebt ist, kommt irgendwoher ein leises Fiepen, und im Raum herrscht ein\u00a0Unter- oder vielleicht auch \u00dcberdruck. Wenn jemand die T\u00fcr \u00f6ffnet, verstummt das Fiepen, es knackt in den Ohren, und alle rufen: &#8222;Offen lassen!&#8220; Die letzten Seminarsitzungen fanden bei ge\u00f6ffneter T\u00fcr statt.<\/p>\n<p>Trotz der Anergieverschiebung bin ich voll Ehrfurcht vor den F\u00e4higkeiten des unbekannten\u00a0Systemfl\u00fcsterers. Seine Erkenntnis, dass man mit dem System in dessen eigener Sprache kommunizieren muss, nehme ich aus dem Toni-Areal mit, ebenso wie die Einsicht, dass es keine kleinen Probleme gibt. Es gibt nur kleine Symptome, hinter denen bei n\u00e4herer Betrachtung mittelgrosse Probleme stehen, und wenn man ganz genau hinsieht, h\u00e4ngen die mittelgrossen Probleme mit einem\u00a0zentralen Konflikt zusammen.<\/p>\n<p>Aus dem Ged\u00e4chtnis zitiertes Beispiel eines ZHdK-Mitarbeiters: &#8222;Wenn wir aufs Klo gehen, nehmen\u00a0wir einen Holzkeil mit. Damit machen wir die T\u00fcr von innen zu, weil die T\u00fcrschl\u00f6sser nicht funktionieren. Ich k\u00f6nnte das in f\u00fcnf Minuten beheben, aber wir d\u00fcrfen nichts \u00e4ndern, denn die T\u00fcrschl\u00f6sser stehen auf der M\u00e4ngelliste der Allreal, und als ich diese Liste zuletzt gesehen habe, standen da noch zwanzigtausend andere Punkte drauf.&#8220; Auch hinter meiner Unf\u00e4higkeit, im Caf\u00e9 den Kaffee in einer Tasse statt in einem Pappbecher zu bekommen, steht offenbar nicht, wie ich bisher dachte, meine mangelhafte Beherrschung der Landessprache, sondern die Tatsache, dass\u00a0ich\u00a0zwar in beiden F\u00e4llen dasselbe f\u00fcr den Kaffee bezahle, beim Pappbecher aber statt 8% Mehrwertsteuer nur der reduzierte Satz von 2,5% abgef\u00fchrt werden muss. Und die <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/10\/20\/gewaltfreie-kommunikation-mit-dem-beamerknopfkaestli\/\">harmlose Sache mit dem Beamerknopfk\u00e4stli<\/a>\u00a0erwies sich als <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/11\/18\/neues-vom-beamerknopfkaestli\/\">etwas komplizierter<\/a>\u00a0beziehungsweise in Wirklichkeit noch viel komplizierter, aber einen dritten Beitrag dar\u00fcber schreibe ich nicht.<\/p>\n<p>Im Nachhinein ist mir klar, dass ich aus demselben Grund schon vor Jahren aufgeh\u00f6rt habe, auf die Technikprobleme von technisch unbedarften\u00a0Menschen mit &#8222;das ist doch ganz einfach, das haben wir gleich&#8220; zu reagieren.\u00a0Denn hinter dem kleinen Problem steckt ein grosses, man hat es nie gleich, und\u00a0der technisch unbedarfte Mensch sagt\u00a0zufrieden &#8222;Siehst du, so einfach ist das n\u00e4mlich wirklich nicht!&#8220;.<\/p>\n<p>Ich schreibe\u00a0es vorsichtshalber explizit dazu, um nicht wieder <a href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2014\/12\/16\/die-leute-lesen-gar-nicht-was-wir-schreiben\/\">\u00fcberarbeitete Menschen\u00a0noch ungl\u00fccklicher zu machen<\/a>: Dieser Beitrag ist keine Klage dar\u00fcber, dass im Toni-Areal irgendetwas nicht funktioniert. Er handelt davon, dass Systeme eine Eigendynamik und grosse Systeme eine grosse Eigendynamik haben. Wer in ihnen heruml\u00e4uft und &#8222;das kann doch nicht so schwer sein&#8220;, &#8222;da m\u00fcsste man doch nur mal&#8220; und &#8222;aber mich fragt ja keiner&#8220; sagt, kann genausogut gegen die Schwerkraft protestieren. Wobei gegen die Schwerkraft wirklich zu selten protestiert wird. Ich schreibe gleich mal ein Ticket.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">&#8222;Just calling it &#8218;feedback&#8216; doesn&#8217;t mean that it has actually fed back. 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