{"id":5570,"date":"2015-03-05T17:00:19","date_gmt":"2015-03-05T15:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=5570"},"modified":"2015-03-31T15:06:10","modified_gmt":"2015-03-31T13:06:10","slug":"im-hospiz-der-faulheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2015\/03\/05\/im-hospiz-der-faulheit\/","title":{"rendered":"Im Hospiz der Faulheit"},"content":{"rendered":"<p>Ich suche die Faulheitsberatung im\u00a0<a href=\"http:\/\/www.hospizderfaulheit.net\/\">Hospiz der Faulheit<\/a>\u00a0auf, das leider nur w\u00e4hrend der Nachhaltigkeitswoche existiert. Vorher habe ich l\u00e4nger mit F. dar\u00fcber geredet, in welcher Frage ich\u00a0mich faulheitsberaten lassen soll, und mich schlie\u00dflich f\u00fcr &#8222;Wie viel arbeite ich eigentlich, und wie soll ich das wissen?&#8220; entschieden. Die Behauptung &#8222;ich arbeite st\u00e4ndig&#8220; kommt mir genauso glaubhaft vor wie &#8222;ich arbeite nie&#8220;.\u00a0Es ist fr\u00fcher Nachmittag, und ich war bis gerade eben mit F. in der Sauna im Seebad Enge, eventuell habe ich also noch gar nicht gearbeitet. Andererseits haben wir\u00a0einen Gro\u00dfteil der Zeit \u00fcber die Arbeit geredet, und Blogbeitr\u00e4ge f\u00fcr Toniblog und Techniktagebuch habe ich vorher\u00a0auch schon geschrieben. Vielleicht war ich also auch die ganze Zeit im Dienst. Andererseits ist Bloggen ja eigentlich keine richtige Arbeit. Wiederum andererseits kann\u00a0Bloggen aber ganz sch\u00f6n m\u00fchsam sein. Allein schon das schlechte Gewissen, weil die Schweiz mir so viel Geld daf\u00fcr bezahlt, macht mich ganz m\u00fcde. F. redet auf mich ein: Das sei ein ganz normales Schweizer Honorar, und als\u00a0Gewerkschafterin ist sie der Meinung, dass man\u00a0allen dasselbe bezahlen muss, sogar\u00a0dann, wenn sie aus Berlin kommen.<\/p>\n<p>Ich brauche die Faulheitsberatung\u00a0also dringend. Im Hospiz (Raum 7D04) ist es sehr gem\u00fctlich, es l\u00e4uft leise Musik, es gibt einen K\u00fchlschrank mit Bier, Teppiche auf dem Boden, Matratzen und Kissen. Erst will ich den\u00a0Beraterinnen meine Frage gar nicht stellen, denn dann m\u00fcssten sie ja arbeiten, anstatt faul herumzuliegen. Versehentlich\u00a0kommen wir doch ins Gespr\u00e4ch. Ich gebe zu, dass ich eigentlich zum Arbeiten gekommen bin,\u00a0weil das Beobachten des Faulheitshospizes zu meinen Observeraufgaben geh\u00f6rt. Das macht nichts, sagt die Faulheitsberaterin, f\u00fcr sie sei es ja auch Teil ihrer Arbeit, so als Kunstprojekt.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n<p>Im Hintergrund wird geschlafen.\u00a0Meine Faulheitsberaterin und ihre Kollegin sind auch m\u00fcde, sie haben zu wenig geschlafen, der Betrieb des Hospizes scheint anstrengend zu sein. Andere G\u00e4ste kommen, diskutieren eine Weile mit und gehen wieder. Damit es nicht zu sehr nach Arbeit aussieht, habe ich das\u00a0Gespr\u00e4ch weder aufgezeichnet noch Notizen gemacht.\u00a0Eine Teilnehmerin stellt die These auf, dass es keine Arbeit ist, wenn man das macht, was man will. Ich protestiere, denn ich habe fast mein ganzes Berufsleben lang gemacht, was ich wollte, und Arbeit war es trotzdem. Ich \u00e4rgere mich immer, wenn ich eins der <a href=\"https:\/\/www.google.ch\/search?q=&quot;do+what+you+love+and+you%27ll+never+work+a+day+in+your+life&quot;&amp;newwindow=1&amp;pws=0&amp;hl=en&amp;tbm=isch\">vielen Poster<\/a> mit der Aufschrift &#8222;Do what you love and you&#8217;ll never work a day in your life&#8220; sehe, weil das n\u00e4mlich einfach nicht stimmt. Ich glaube, diese Poster werden von Grafikdesignerinnen gemacht, die eigentlich lieber Staatsanw\u00e4ltinnen\u00a0w\u00e4ren oder\u00a0Aquaristik-Fachverk\u00e4uferinnen. Sobald man den neuen Beruf dann ergreift, wird er zur Arbeit, und ab sofort ist Grafikdesign ein Freizeitvergn\u00fcgen, nach dem man sich sehnt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sprechen wir \u00fcber Denkfaulheit: Ob man\u00a0weniger denkfaul sein solle oder nicht doch eher auch die Denkfaulheit zu rehabilitieren versuchen, so wie die k\u00f6rperliche Faulheit. Wir entwickeln\u00a0unter diesem Aspekt ideale Kunstprojekte, die weder beim Ausdenken noch beim Betrachten oder Rezensieren geistige Anstrengung erforderlich machen, kommen aber bald zu dem Schluss, dass\u00a0diese Kunstprojekte bereits von anderen, flei\u00dfigeren Menschen als uns umgesetzt worden sind.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich scheitern wir an\u00a0der Frage, ob es \u00fcberhaupt ein Nichtstun gibt und man nicht doch gerade beim Nichts-Tun und Nichts-Denken versehentlich buddhistisch erleuchtet werden kann und damit sehr viel geleistet hat. Mein Vorschlag, es sei sicherer,\u00a0zu sterben, denn alles Leben sei ja doch nur mehr oder weniger besch\u00f6nigtes Arbeiten, st\u00f6\u00dft auf keine Zustimmung, der Massenselbstmord im Faulheitshospiz muss f\u00fcr heute entfallen.<\/p>\n<p>Abends gehe ich noch mal hin, um Christoph Brunner und Gerald Raunig \u00fcber &#8222;Problematiken des Nachhaltigkeits- und Sharingdiskurses und m\u00f6glichen Gegenaktualisierungen in der Faulheit&#8220; reden zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Meine Hoffnung, dass dort Kritik am Programm der Nachhaltigkeitswoche ge\u00fcbt wird, erf\u00fcllt sich nicht. Es geht unter anderem um die Frage, welches Tier das faulste ist (der Koala), und ob Tiere \u00fcberhaupt faul sein k\u00f6nnen oder das Verdauen von Eukalyptusbl\u00e4ttern nicht eigentlich\u00a0ganz sch\u00f6n anstrengend ist. Wir sehen ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aCIfANqTvdU\">Video mit zwei sehr tr\u00e4gen\u00a0Musikern<\/a>, werden aber darauf hingewiesen, dass dieser Anschein der Tr\u00e4gheit durch harte Arbeit und eine Wiener-S\u00e4ngerknaben-Ausbildung erkauft ist. Den Rest der Diskussion verstehe\u00a0ich nicht, denn die beiden Redner sind\u00a0zu faul, ihre Gedanken so auszuf\u00fchren, dass man sie auch dann verstehen kann, wenn man weder Christoph Brunner noch Gerald Raunig ist. Ich bin\u00a0mit dieser Faulheit ganz einverstanden, denn im Gegenzug darf das Publikum auf Kissen und Matratzen ruhen, und nicht nur ich schlafe zwischendurch ein bisschen. Anl\u00e4sslich des Videos geht es\u00a0am Rande immer wieder\u00a0um Drogenkonsum. Wie\u00a0zuverl\u00e4ssig sich Veranstaltungen\u00a0im Zusammenhang mit\u00a0Konsumkritik und Nachhaltigkeit\u00a0um den dazu erst mal n\u00f6tigen Kauf\u00a0von Produkten\u00a0(Cannabis, B\u00fccher \u00fcber Faulheit, wiederverwendbare Wasserflaschen, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sugru\">Sugru<\/a>) drehen.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t der Faulheitsberatung war ausgezeichnet, ich w\u00fcrde sie jedem weiterempfehlen, aber leider ist es schon bald wieder vorbei mit dem Hospiz, und dann wird sich die Faulheit ein anderes Zuhause suchen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Ich suche die Faulheitsberatung im\u00a0Hospiz der Faulheit\u00a0auf, das leider nur w\u00e4hrend der Nachhaltigkeitswoche existiert. 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