{"id":6206,"date":"2015-04-07T07:16:39","date_gmt":"2015-04-07T05:16:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/?p=6206"},"modified":"2015-04-10T18:08:22","modified_gmt":"2015-04-10T16:08:22","slug":"tanzdisziplinaritaet-die-beschreibung-einer-nachbarschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/toniblog\/2015\/04\/07\/tanzdisziplinaritaet-die-beschreibung-einer-nachbarschaft\/","title":{"rendered":"Tanzdisziplinarit\u00e4t. Die Beschreibung einer Nachbarschaft"},"content":{"rendered":"<p>Die ZHdK-Studierenden Diana, Daniel, Benjamin, Laura und Tobias besch\u00e4ftigen sich in dem disziplin\u00fcbergreifenden Seminar \u00ab<a href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/index.php?id=70631\">Metaphern der Stadt. Urban Studies als Kunst und Wissenschaft<\/a>\u00bb mit dem Thema Nachbarschaft. Bis auf Tobias, der sowohl Kulturpublizistik studiert als auch bei der Hochschulkommunikation angestellt ist, studieren alle im Masterstudiengang Transdisziplinarit\u00e4t. Die \u00abTransen\u00bb, wie sie h\u00e4ufig salopp genannt werden, teilen sich die Flure und eine K\u00fcche mit den T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern im 7. Geschoss. Dort prallen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten. Anlass genug, um einmal gemeinsam \u00fcber das Thema Nachbarschaft nachzudenken.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Daniel:<\/em> In \u00abMetaphern der Stadt\u00bb setzen wir uns mit Kontrasten in der Stadt, im urbanen Umfeld auseinander. Wir wollen gewisse Prozesse sichtbar machen, die vielleicht verallgemeinerbar sind \u2026 Ob sich das Ergebnis auch auf das Toni-Areal oder uns anwenden l\u00e4sst, steht offen.<\/p>\n<p><em>Tobias<\/em>: Nachbarschaft ist ja auch das Feld der Differenz, des Konflikts, der Kommunikation, der Auseinandersetzung. Das ist interessant. Am Toni kommen pl\u00f6tzlich verschiedene Abteilungen zusammen und sollen mit einem Mal unter einem Dach agieren. Hierbei gibt es die Erwartung, dass der Groove der Zusammenarbeit unmittelbar beginnt. Aber vielleicht m\u00fcssen die neuen Nachbarn hier im Haus auch erst einmal Phasen des Konflikts durchschreiten, Differenzen verhandeln, Dissens ertragen, austragen und zum Ausdruck bringen. Ich arbeite parallel zum Studium in der Hochschulkommunikation, ein Bereich, der diese Aufgabe aus meiner Sicht nicht \u00fcbernehmen kann, denn dort findet eher die Repr\u00e4sentation nach aussen statt. Da ist der Toniblog das geeignetere Medium, um diesen Prozess zu beobachten und zu dokumentieren.<\/p>\n<p><em>Redaktion<\/em>: K\u00f6nnt Ihr als Studierende denn am eigenen Leib erfahren, wie und ob dieser Dissens verhandelt und verbalisiert wird? Wo manifestiert er sich?<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Ich sehe mich allzu oft mit B\u00fcrokratie konfrontiert. Der Hochschul-Apparat stellt sehr viel Aufwand her, wenn man etwas Bestimmtes erreichen oder haben m\u00f6chte. Das ist zwar nachvollziehbar, aber aus meiner unwissenden Perspektive auch manchmal m\u00fchsam.<\/p>\n<p><em>Tobias<\/em>: Wenn alle aneinander vorbeigehen, merkt man gar nicht, dass Konsens oder Dissens da ist. Das ist kein ZHdK-spezifisches Problem, sondern das ist \u00fcberall so. Gleichzeitig ist die ZHdK das Feld, wo Gestaltung und Kunst entstehen kann, wo Ungleichheit herrscht, sichtbar und fruchtbar wird. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn mehr \u00fcber dies und das gestritten w\u00fcrde. Gerade nach dem Amok-Alarm wurden die Differenzen zwischen Sicherheit und Angst \u2013 und der unterschiedliche Umgang damit sehr sch\u00f6n sichtbar. Kurzum: Es m\u00fcsste ein F\u00f6rderungsprogramm der Differenz-Wahrnehmung geben!<\/p>\n<p><em>Diana<\/em>: Ich finde es schade, wenn man immer erst alles institutionalisieren, initiieren oder animieren muss, damit etwas passiert. Es ist doch eh schon so viel vorgegeben. Entweder hat man eine Gemeinsamkeit, durch die man zusammenkommt, oder eben einen Konflikt, \u00fcber den man aneinanderger\u00e4t \u2026 Unsere Nachbarn sind ja 14- oder 15-J\u00e4hrige, die da neben uns den klassischen Tanz erlernen. Ich habe bisher weder einen Konflikt noch eine Gemeinsamkeit wahrnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Redaktion<\/em>: Dort kann sich also gar keine fruchtbare Nachbarschaft entfalten?<\/p>\n<p><em>Diana<\/em>: F\u00fcr mich nicht. Aber ich bin auch nur circa einmal w\u00f6chentlich vor Ort.<\/p>\n<p><em>Benjamin:<\/em> Ich sehe das ein bisschen anders. Die Flure und die W\u00e4nde des Flurs sind ein Beispiel. W\u00e4hrend wir die Flure benutzen, um uns dort aufzuhalten, gebrauchen die T\u00e4nzer die Flure, um sich warmzumachen \u2013\u00a0und gerade dieser Raum ist aushandelbar. Da ist noch Potenzial f\u00fcr die Ausgestaltung. Der Flur, die Wand \u2013 das ist so ein Zwischenraum. Metaphorisch gesprochen: Bei klassischen Nachbarschaften entspricht unser Flur vielleicht dem Gartenzaun, an dem die Nachbarn und Nachbarinnen sich begegnen k\u00f6nnen oder \u00fcber ihn hinweg die Nachbarn im Garten stehen sehen. Dies erm\u00f6glicht \u00fcberhaupt erst, dass Kommunikation entstehen kann, zugleich aber nicht entstehen muss. Dazu braucht es aber den Moment des Einzugs, zu welchem die Nachbarn einander vorstellen \u2013 und den haben wir verpasst. Das ist hier aber auch schwierig gewesen, weil wir alle gleichzeitig eingezogen sind. Das ist in Neubauten vielleicht dasselbe Problem? Das Fest w\u00e4re eine Anlass gewesen, sich vorzustellen, aber da ist bei uns Transen nicht viel passiert.<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Ich habe auch den Eindruck, dass das ganze Departement Tanz einen ganz eigenen Rhythmus und ein sehr dichtes Programm an Kursen hat. Die T\u00e4nzerinnen hetzen immer nur fl\u00fcchtig \u00fcber die G\u00e4nge und haben keinen Blick f\u00fcr das, was rechts uns links passiert. In dem, was sie tun, ist dieser Kontext auch gar nicht gefragt! Im Gegensatz zu uns nutzen sie ihre R\u00e4ume, um sich Fertigkeiten anzueignen und nicht, um die R\u00e4ume zu hinterfragen. W\u00e4hrend bei uns das Interesse eher ist: Wo sind wir hier? Was machen wir hier? Was sollen wir hier machen? Was d\u00fcrfen wir hier nicht machen? Das Interesse an den Zwischenr\u00e4umen und der Nachbarschaft ist ungleichm\u00e4ssig verteilt. Ein paar einzelne T\u00e4nzer kenne ich \u00fcbrigens bereits. Aber die siezen mich immer, sind ganz verhalten. Aber immerhin sagen sie sich offenbar: \u00abDen kenn ich.\u00bb W\u00e4hrend die Anderen apart \u00fcber die G\u00e4nge schweben und ihr Aussen nicht wahrnehmen. Aber das ist auch nur mein Eindruck.<\/p>\n<p><em>Laura<\/em>: Meistens kann man seine Nachbarn ja nicht w\u00e4hlen und ist in diesem Zusammenhang manchmal auch mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert. Das ist ein spannendes Moment. Somit w\u00fcrde ich vorerst die Eindr\u00fccke von Daniel teilen. Jedoch kann es nat\u00fcrlich auch ganz anders sein: Vielleicht machen sich die T\u00e4nzer ja auch Gedanken \u00fcber die Nutzung der W\u00e4nde, der Flure oder \u00fcber uns. Die gr\u00f6\u00dfte Differenz, die mir auff\u00e4llt ist, dass ich im Studiengang Transdisziplinarit\u00e4t versuche etwas \u00fcber die Disziplinen hinaus zu fassen oder zu begreifen. Und ich denke, dass das im Bereich des klassischen Tanzes anders ist. Ich denke es ist wichtig, sich dieser Differenzen anzunehmen und dar\u00fcber hinaus eine Offenheit gegen\u00fcber anderen zu besitzen, um pers\u00f6nliche Eindr\u00fccke hinterfragen und erweitern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Tobias<\/em>: W\u00e4re es f\u00fcr Euch als Transen nicht eine Herausforderung, eine Br\u00fccke zu bauen oder ihnen das Bein zu stellen, irgendetwas zu initiieren?<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Wir haben ja viel Platz. Wir k\u00f6nnten sie ruhig einmal zu uns einladen, w\u00e4hrend wir unser Seminar im Tanzsaal abhalten.<\/p>\n<p><em>Redaktion<\/em>: Wie manifestiert sich die von Euch beschriebene Nachbarschaft zu den T\u00e4nzern in der gemeinsamen Teek\u00fcche?<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Wir haben einmal aufgeschnappt, dass seitens der T\u00e4nzer ein Unbehagen herrscht, dass wir diese Teek\u00fcche verwenden. Ein Lehrer hat uns das gesagt \u2013 aber es klang eher so, als sei diese Nachricht so durchgesickert und nicht offiziell. Ich nutze durchaus hin und wieder die Mikrowelle oder esse dort etwas. Aber wenn ich da bin, sind selten andere da. Da findet keine Interaktion statt.<\/p>\n<p><em>Benjamin:<\/em> Unser Flur im 7. Geschoss ist bestimmt der tragischste Ort der ganzen Hochschule. Ich habe schon zwei weinende T\u00e4nzerinnen gesehen. Da frage ich mich nat\u00fcrlich, was vorgefallen sein mag. Klar ist, dass etwas passiert ist, was nicht klar ist. Die R\u00e4ume der T\u00e4nzer da oben schreien nach Disziplin. Ich hatte im Hinblick auf die Nachbarschaft zu den T\u00e4nzern keine spezifischen Erwartungen im Vorfeld: deshalb konnte ich weder \u00fcberrascht noch entt\u00e4uscht werden.<\/p>\n<p><em>Redaktion<\/em>: Im Flur prangt dieser Aufdruck \u00abTanzdisziplinarit\u00e4t\u00bb an der Wand. Das sagt ja doch ganz laut aus: Hier besteht eine Nachbarschaft.<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Ja, nach dem Fest waren diese Buchstaben pl\u00f6tzlich da. Ich weiss nicht, wer das initiiert hat. Wir haben jetzt aber eher nur \u00fcber negative Aspekte der Nachbarschaft gesprochen \u2013 und es gibt ja auch positive. Ich habe hier t\u00e4glich spontane Begegnungen mit Menschen, fl\u00fcchtige Gespr\u00e4che, kann aber auch mit bestehenden Freuden aus anderen Departementen zusammenkommen, kurz gemeinsam Kaffee trinken \u2026 Da entsteht auch viel Positives.<\/p>\n<p><em>Redaktion<\/em>: Inwiefern entsteht dabei wirklich etwas \u2013 also \u00fcber den sozialen Austausch hinaus?<\/p>\n<p><em>Daniel<\/em>: Die Herstellung von Sozialit\u00e4t ist ja schon eine Form von Produktion. In ihr ist etwas angelegt, was dar\u00fcber hinausweisen kann. Ich kann neuerdings verschiedene Orte im Toni aufsuchen und fragen, ob jemand Bestimmtes jetzt Zeit hat oder mir helfen kann \u2026 Die Schwelle ist viel geringer, so etwas auch zu fordern. Ich nehme pl\u00f6tzlich all die Schnittstellen wahr \u2013 und das Potenzial, das Miteinander voll auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><em>Tobias<\/em>: Ich glaube es ist gut, wenn die Schnittstellen, die angeeignet werden d\u00fcrfen, charakterisiert und definiert werden k\u00f6nnten, z.B. die Aussenw\u00e4nde der B\u00fcros. Wenn diese Erwartungen institutionalisiert werden, kann vieles entstehen. Bei Nachbarschaften in Mietsh\u00e4usern l\u00e4sst sich das sch\u00f6n beobachten: Bei manchen stehen Schuhe vor der T\u00fcr, bei anderen ist es verboten. Dort, wo es verboten ist, wird auch zwischenmenschlich mehr Neutralit\u00e4t und Distanz gewahrt. Wenn man \u00fcber die Aneignung des Geb\u00e4udes spricht, finde ich den Aspekt des gestalterischen Erschliessungsraums wichtig. Als wir hier im Mai 2014 eingezogen sind, waren sofort drei Leute vom Hausdienst zur Stelle und haben uns gebeten, keine Bilder aufzuh\u00e4ngen. Es war eher eine technische Info: \u00abBitte keine Schrauben, keine N\u00e4gel.\u00bb Die Bitte bestand darin, die Aufh\u00e4ngungen gemeinsam mit dem Hausdienst zu machen. Doch der Grundimpuls geht seither nicht mehr weg: \u00abLasst bitte die W\u00e4nde in die Ruhe.\u00bb Und aus meiner Perspektive als Student habe ich erst recht keinen Ort, den ich aneignen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Diana<\/em>: Ich bin so wenig da \u2026 Es gibt Begegnungsorte. Das gen\u00fcgt mir.<\/p>\n<p><em>Laura<\/em>: Ich denke, dass innerhalb des Toni-Areals eine aktive Nachbarschaftspflege gefragt ist. Diese w\u00fcrde den Zugang zu den anderen Disziplinen erm\u00f6glichen und verlangt viel Eigeninitiative. Vielleicht habe auch ich diesen Moment verpasst. Wir wurden in dieses Haus verpflanzt und mit der Zeit wurde deutlich, dass wir etwas dazugeben k\u00f6nnen und sollen; das Potenzial dieser Umgebung ist ja, dass ich die Grenzen austesten, \u00fcberschreiten und schauen darf, wie weit ich komme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nachbarchaftlich arbeiten auch die Departemente Fine Arts, Kammermusik und Transdisziplinarit\u00e4t in dem Projekt \u00ab<a href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/?agenda\/detail&amp;vid=22561\">In Nachbarschaft<\/a>\u00bb zusammen: die Beitr\u00e4ge werden am 17.04.2015 im Toni-Areal gezeigt und aufgef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Die ZHdK-Studierenden Diana, Daniel, Benjamin, Laura und Tobias besch\u00e4ftigen sich in dem disziplin\u00fcbergreifenden Seminar \u00abMetaphern der Stadt. 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