



{"id":1057,"date":"2011-08-12T09:00:52","date_gmt":"2011-08-12T07:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/?p=1057"},"modified":"2011-11-24T16:31:38","modified_gmt":"2011-11-24T14:31:38","slug":"denkkollektiv-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/denkkollektiv-2\/","title":{"rendered":"Denkkollektiv"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Das Denkkollektiv ist ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie des polnischen Mikrobiologen, Mediziners und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck (1896-1961). Flecks Wissenschaftstheorie geht davon aus, dass Wissenschaft im Kollektiv kooperativ veranstaltet wird. Er betont somit die soziale Bedingtheit jedes Erkennens und wendet sich gegen eine individualistische Erkenntnistheorie.<\/p>\n<p>Denkkollektiv bezeichnet die soziale Einheit einer Gemeinschaft von Spezia-<br \/>\nlistInnen, die sich \u2013 in Abgrenzung zu anderen VertreterInnen der Wissenschaft \u2013 mit einem spezifischen Problembereich innerhalb der Forschung besch\u00e4ftigt. Fleck erl\u00e4utert diesen Terminus folgendermassen: \u00abDefinieren wir \u00abDenkkollektiv\u00bb als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen, so besitzen wir in ihm den Tr\u00e4ger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstil\u00bb (Fleck 1980: 54-55). Dadurch, dass die einem Denkkollektiv zugeh\u00f6rigen WissenschaftlerInnen \u00fcber ein gemeinsames Interesse an einer Fragestellung oder \u00fcber eine sie verbindende akademische Ausbildung verf\u00fcgen, entwickeln sie eine \u00abgerichtete Wahrnehmung\u00bb, welche Fleck als \u00abDenkstil\u00bb bezeichnet.<\/p>\n<p>Fleck unterteilt wissenschaftliche Denkkollektive in einen inneren, sogenannt esoterischen, und einen \u00e4usseren, sogenannt exoterischen Kreis von beteiligten Menschen. Der innere Kreis besteht aus spezialisierten WissenschaftlerInnen, der \u00e4ussere Kreis aus \u00abgebildeten Laien\u00bb, die an den wissenschaftlichen Erkenntnissen teilhaben. Die soziale Struktur von Denkkollektiven kann sehr verschiedene Formen aufweisen. Zu deren Ausformulierung ist diese Unterteilung in einen exoterischen und einen esoterischen Kreis dienlich. So bezeichnet Fleck die Beziehung zwischen dem inneren und \u00e4usseren Kreis als Verbindung zwischen Elite und Masse. Kollektive, in welchen die Stellung der Masse st\u00e4rker ist als die der Elite, weisen demokratische Eigenschaften auf, w\u00e4hrend im umgekehrten Fall die Elite \u00fcber eine m\u00f6glicherweise dogmatisch anmutende Bestimmungsgewalt verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Die Theorie des Denkkollektivs wird von Fleck nicht nur f\u00fcr die Beschreibung von wissenschaftlicher Spezialisierung verwendet, sondern f\u00fcr alle Arten sozialer Gruppierungen: \u00abDie Verwicklung menschlichen Lebens \u00e4u\u00dfert sich in der gleichzeitigen Koexistenz vieler verschiedener Denkkollektive und in den gegenseitigen Einfl\u00fcssen dieser Kollektive aufeinander. Der moderne Mensch geh\u00f6rt \u2013 zumindest in Europa \u2013 nie ausschlie\u00dflich und in Ganzheit einem einzigen Kollektiv an.\u00a0Von Beruf z.B. WissenschaftlerIn, kann er\/sie au\u00dferdem religi\u00f6s sein, einer politischen Partei angeh\u00f6ren, am Sport teilnehmen usw\u00bb (Fleck 1983: 114). Demzufolge kann mit der Theorie der Denkkollektive nicht nur ein Wissenschaftsdiskurs analysiert werden, sondern auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und <a title=\"Lebenswelt\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/lebenswelt\/\">Lebenswelt<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Betrachtung und Analyse von transdisziplin\u00e4ren Forschungsprozessen gilt Flecks Theorie der Denkkollektive, anhand derer sowohl Konstellationen von Forschungskollektiven als auch von wissenschaftlichen <a title=\"Disziplin\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/disziplinaritat\/\">Disziplinen<\/a> und F\u00e4chern untersucht werden, als \u00e4usserst produktiv. Zudem bietet sie ein Untersuchungsinstrument f\u00fcr Verbindungen akademischer und nichtakademischer Wissenskulturen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Egloff, Rainer (Hg.): Tatsache &#8211; Denkstil &#8211; Kontroverse: Auseinandersetzungen mit Ludwik Fleck. Z\u00fcrich 2005.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Egloff, Rainer; Gisler, Priska; Rubin, Beatrix (Hg.): Modell Mensch: Konturierung des Menschlichen in den Wissenschaften. Z\u00fcrich 2011.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einf\u00fchrung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Sch\u00e4fer, Lothar; Schnelle, Thomas (Hg.). Frankfurt a. M. 1980. (Reprint der 1. Auflage von 1935)<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Fleck, Ludwik: Erfahrung und Tatsache: gesammelte Aufs\u00e4tze. Lothar Sch\u00e4fer, Thomas Schnelle (Hg.) Frankfurt a.M. 1983.<\/p>\n<p><strong>Link<br \/>\n<\/strong><a title=\"Ludwik Fleck Zentrum\" href=\"http:\/\/www.ludwikfleck.ethz.ch\/\" target=\"_blank\">Ludwik Fleck Zentrum<\/a><\/p>\n<p><em>(vr)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Denkkollektiv ist ein zentraler Begriff der Erkenntnistheorie des polnischen Mikrobiologen, Mediziners und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck (1896-1961). Flecks Wissenschaftstheorie geht davon aus, dass Wissenschaft im Kollektiv kooperativ veranstaltet wird. 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