



{"id":1207,"date":"2011-08-12T10:36:19","date_gmt":"2011-08-12T08:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/?p=1207"},"modified":"2011-11-07T13:13:22","modified_gmt":"2011-11-07T11:13:22","slug":"disziplinaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/disziplinaritat\/","title":{"rendered":"Disziplin"},"content":{"rendered":"<p>Eine wissenschaftliche Disziplin wird vom Wissenschaftssoziologen Rudolf Stichweh als \u00abprim\u00e4re Einheit interner Differenzierung der Wissenschaft\u00bb definiert (1994: 17). Die verschiedenen Disziplinen sind bis heute die massgeblichen institutionellen Einheiten von Forschung und Lehre an Universit\u00e4ten und Fachhochschulen. Disziplinen werden in organisatorische Einheiten wie Fakult\u00e4ten, Departemente, F\u00e4cher und Arbeitsgebiete gegliedert. Disziplinarit\u00e4t bezeichnet in Folge dessen die disziplin\u00e4re Ordnung eines wissenschaftlichen Systems. Zur Identifizierung einer wissenschaftlichen Disziplin wird typischerweise auf eine bestehende <em>scientific comunity<\/em>, einen wissenschaftlichen Kanon von Forschungsliteratur und Lehrb\u00fcchern, eine Anzahl an spezifischen Fragestellungen, Forschungsmethoden sowie Karrierestrukturen, verwiesen (Balsiger 2005: 72).<\/p>\n<p>Die klare Aufteilung in disziplin\u00e4re Strukturen ist ein relativ junges Ph\u00e4nomen der neuzeitlichen Wissenschaft. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich sowohl in der Naturwissenschaft wie auch in den Geisteswissenschaften eine Ausdifferenzierung der ersten Disziplinen ergeben. So sind beispielsweise die Physik, die Chemie aber auch die Literaturwissenschaften in dieser Zeit entstanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierten sich die Sozialwissenschaften zu einem dritten Disziplinbereich (Stichweh 1994: 18).<\/p>\n<p>Kritik an einer universellen disziplin\u00e4ren Ordnung und damit verbunden auch an einer universellen Erkenntnistheorie wird 1935 erstmals durch den Wissenschaftstheoretiker <a title=\"Denkkollektiv\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/denkkollektiv-2\/\">Ludwik Fleck<\/a> und 1962 durch den Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn laut. Wissenschaftliche Disziplinen werden als konstruiert und als \u00abFormen sozialer Institutionalisierung\u00bb betrachtet. Deren Abgrenzung voneinander ist bis heute vergleichsweise unklar (Stichweh 1994: 17). Zusammenfassend l\u00e4sst sich die Unterscheidung von wissenschaftlichen Disziplinen vor allem auf historische und praktische Gr\u00fcnde zur\u00fcckf\u00fchren. Wissenschaftliche Disziplinen sind eine notwendige \u00abReduktion eines Erkenntnisganzen\u00bb (Balsiger 2005: 57) und k\u00f6nnen als historisch gewachsene Reproduktion gemeinsamer T\u00e4tigkeit subsumiert werden (Gutmann 2005: 63). In der Wissenschaftstheorie bestehen verschiedene Konzepte zur genauen Auslegung des Begriffs der wissenschaftlichen Disziplin (vgl. Popper 1963\/2009; Laitko 1987; Stichweh 1997).<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Mittelstrass betrachtet Disziplinarit\u00e4t wie auch Inter- und Transdisziplinarit\u00e4t als \u00abforschungsleitende Prinzipien\u00bb, die im Gegensatz zur t\u00e4glichen Praxis eher als \u00abidealtypische Formen wissenschaftlicher Arbeit\u00bb betrachtet werden m\u00fcssen (Mittelstrass 2005: 20-21). Mischformen von allen drei Begriffen seien im wissenschaftlichen Betrieb ganz normal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Balsiger, Philipp: Disziplin\u00e4re Forschungsprozesse. In: Ders.: Transdisziplinarit\u00e4t: Systematisch -vergleichende Untersuchung disziplinen\u00fcbergreifender Wissenschaftspraxis. M\u00fcnchen 2005. S. 49-132.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Einf\u00fchrung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Sch\u00e4fer, Lothar; Schnelle, Thomas (Hg.). Frankfurt a. M. 1980. (Reprint der 1. Auflage von 1935)<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Gutmann, Mathias: Disziplinarit\u00e4t und Interdisziplinarit\u00e4t in methodologischer Sicht. In: Theorie und Praxis, Vol. 2, Nr. 14, 2005, S. 69-74.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt a. M. 2003. (1. Auflage 1962)<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Laitko, Hubert; Guntnau, Martin (Hg.): Der Ursprung der modernen Wissenschaften: Studien zur Entstehung wissenschaftlicher Disziplinen. Berlin 1987.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Mittelstrass, J\u00fcrgen: Methodische Transdisziplinarit\u00e4t. In: Technikfolgenabsch\u00e4tzung. Theorie und Praxis, Vol. 14, Nr. 2, 2005, S. 18-23.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Popper, Karl: Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis. T\u00fcbingen 2009. (1. Auflage 1963)<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Snow, Charles P.: The Two Cultures and the Scientific Revolution. Cambridge 1959.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Stichweh, Rudolf: Wissenschaft, Universit\u00e4t, Professionen: Soziologische Analysen. Frankfurt a. M. 1994.<\/p>\n<p><em>(vr)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine wissenschaftliche Disziplin wird vom Wissenschaftssoziologen Rudolf Stichweh als \u00abprim\u00e4re Einheit interner Differenzierung der Wissenschaft\u00bb definiert (1994: 17). 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