



{"id":1289,"date":"2011-08-12T11:30:27","date_gmt":"2011-08-12T09:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/?p=1289"},"modified":"2011-11-14T10:45:50","modified_gmt":"2011-11-14T08:45:50","slug":"lebenswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/lebenswelt\/","title":{"rendered":"Lebenswelt"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff Lebenswelt bezeichnet im Allgemeinen die vorwissenschaftliche Welt im Gegensatz zu einer von wissenschaftlichen Erkenntnissen gepr\u00e4gten Welt. Der Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl f\u00fchrte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff in die Ph\u00e4nomenologie ein und kritisierte damit die zunehmende Objektivierung allt\u00e4glichen Lebens infolge der modernen Wissenschaften. Nach Husserl versuchen die modernen Wissenschaften die Welt objektivistisch zu erkl\u00e4ren und vergessen dabei, konkrete Lebensfragen oder Themen der sinnlichen Erfahrung zu behandeln. F\u00fcr Husserl ist diese Trennung zwischen wissenschaftlicher Theorien und praktischen Alltagserfahrungen nicht m\u00f6glich, da die Wissenschaft auf der Lebenswelt gr\u00fcndet und ihre (Forschungs-)Themen daraus ableitet. Somit fordert er den Einbezug der Lebenswelt in wissenschaftliche T\u00e4tigkeiten (Rolf 2010: 1385-1387).<\/p>\n<p>Der Begriff Lebenswelt wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften verwendet. Der Philosoph und Soziologe J\u00fcrgen Habermas erweitert den Begriff durch die soziale Komponente des \u00abkommunikativen Handelns\u00bb. In diesem Sinne versteht Habermas unter Lebenswelt nicht nur den Bezug einer Person zu ihrer Umwelt, sondern auch \u2013 und vor allem \u2013 die Interaktion zwischen verschiedenen Subjekten (Rolf 2010: 1387-1388).<\/p>\n<p>Der Wissenschaftstheoretiker J\u00fcrgen Mittelstrass setzt 1992 den Begriff Lebenswelt in seiner Theorie der Inter- und Transdisziplinarit\u00e4t ein. Mittelstrass verwendet den Begriff verallgemeinernd als Gegensatz zur Wissenschaft und leistet kaum eine pr\u00e4zise Definitionsarbeit am Begriff selbst. Lebenswelt beschreibt bei Mittelstrass unterschiedliche und ausserhalb der Wissenschaft angesiedelte Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen, deren Probleme keiner <a title=\"Disziplin\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/disziplinaritat\/\">wissenschaftlichen Disziplin<\/a> zugeordnet werden k\u00f6nnen (Mittelstrass 2005: 18-23). Die Lebenswelt erh\u00e4lt als Begriff keine neue, f\u00fcr die Transdisziplinarit\u00e4t eigene Bedeutung, wird aber trotz ihrer Unsch\u00e4rfe in vielen Theorien der Transdisziplinarit\u00e4t aufgenommen und entwickelt sich zu einem wichtigen Forschungsbegriff der Transdisziplinarit\u00e4t (Nowotny 2001; Hirsch Hadorn 2008). Der konkrete Einbezug der Lebenswelt in die transdisziplin\u00e4re Forschung wird im gegenw\u00e4rtigen Diskurs unterteilt in ein inner- und ein ausserwissenschaftliches Prinzip (\u2192 <a title=\"Forschung\" href=\"https:\/\/blog.zhdk.ch\/trans\/forschung\/\">Forschung<\/a>).<\/p>\n<p>Trotz des inflation\u00e4ren Gebrauchs und der Unsch\u00e4rfe des Begriffs Lebenswelt zeigt dessen Verwendung einen zentralen Aspekt der transdisziplin\u00e4ren Forschung auf. Der Einbezug der Lebenswelt erm\u00f6glicht neue Perspektiven, Fragestellungen und Arbeitsweisen, die in disziplin\u00e4ren Spezialisierungen nicht aufgenommen werden.<\/p>\n<p>In aktuellen Kunstformen zwischen den K\u00fcnsten und Alltagspraktiken spielt der Bezug zu konkreten lebensweltlichen Aspekten eine grosse Rolle. Der Einbezug von \u00abExperten des Alltags\u00bb in die Performance-Kunst (Rimini Protokoll) oder die Verschmelzung von politischer Kritik und Kunst (Ai Wei Wei) sind nur zwei von vielen zeitgen\u00f6ssischen Beispielen. Der Begriff Lebenswelt wird aber im Diskurs der Transdisziplinarit\u00e4t in den K\u00fcnsten nicht klar definiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Nowotny, Helga; Scott, Peter; Gibbons, Michael: Re-thinking Science: Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty. Cambridge 2001.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Hirsch Hadorn, Gertrude; Hoffmann-Riem, Holger; Biber-Klemm, Susette; Joye, Dominique; Pohl, Christian; Wiesmannn, Urs; Zemp, Elisabeth (Hg.): Handbook of Transdisciplinary Research. Dordrecht 2008.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Mittelstrass, J\u00fcrgen: Leonardo-Welt: \u00dcber Wissenschaft, Forschung und Verantwortung. Berlin 1992.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Mittelstrass, J\u00fcrgen: Methodische Transdisziplinarit\u00e4t. In: Technikfolgenabsch\u00e4tzung. Theorie und Praxis, Vol. 14, Nr. 2, 2005, S. 18-23.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 30px;text-indent: -30px\">Rolf, Thomas: Lebenswelt. In: Hans J\u00f6rg Sandk\u00fchler: Enzyklop\u00e4die Philosophie. Hamburg 2010.<\/p>\n<p><em>(lt<\/em>, <em>vr)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff Lebenswelt bezeichnet im Allgemeinen die vorwissenschaftliche Welt im Gegensatz zu einer von wissenschaftlichen Erkenntnissen gepr\u00e4gten Welt. Der Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl f\u00fchrte Anfang des 20. 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