{"id":40,"date":"2015-05-06T22:02:48","date_gmt":"2015-05-06T20:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/treelab\/?page_id=40"},"modified":"2016-09-15T12:36:23","modified_gmt":"2016-09-15T10:36:23","slug":"bioart","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.zhdk.ch\/treelab\/bioart\/","title":{"rendered":"Kunst und \u00d6kologie"},"content":{"rendered":"<p>Kunst und \u00d6kologie &#8211; ein programmatischer Entwurf f\u00fcr das treelab.<br \/>\n(mit Ausz\u00fcgen aus dem 2017 erscheinenden Buch &#8222;Kunst, Wissenschaft und Natur&#8220; von Marcus Maeder et al).<\/p>\n<p>Das treelab dient als gr\u00fcne Zelle nicht nur der Versch\u00f6nerung des Toni-Areals, sondern will zu k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der \u00d6kologie, der Physiologie und des Verhaltens von Pflanzen einladen. Das treelab wurde f\u00fcr das Forschungsprojekt &#8222;trees: \u00d6kophysiologishce Prozesse h\u00f6rbar machen&#8220; des Institute for Computer Music and Sound Technology der ZHdK eingerichtet und soll nun f\u00fcr studentische, k\u00fcnstlerische und wissenschaftliche Untersuchungen ge\u00f6ffnet werden. K\u00fcnstler und Musiker besch\u00e4ftigen sich in den letzten Jahren vermehrt mit \u00f6kologischen Themen; sie eignen sich Forschungsmethoden der Naturwissenschaften an, um diese in eine k\u00fcnstlerische Praxis und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung zu \u00fcberf\u00fchren. Dem verst\u00e4rkten Interesse an und dem Engagement in Umweltfragen in den K\u00fcnsten will das treelab Rechnung tragen und stellt seine Pflanzen und technisches Equipment f\u00fcr Experimente mit Pflanzen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>&#8222;Eco Art&#8220; und &#8222;Bio Art&#8220; haben ihre Wurzeln in der Konzeptkunst und der Land Art oder Environmental Art der 1960er, 1970er Jahre. Die historischen Vorreiter von Eco- und Bio Art zeichneten sich durch den Einsatz von bis dahin nicht als k\u00fcnstlerisch geltenden Ideen, Objekten und Umgebungen f\u00fcr die Produktion eines Kunstwerks aus: Laborumgebungen, die nat\u00fcrliche Landschaft oder Gegenst\u00e4nde, die ihr entnommen wurden, Pflanzen usw. Die Environmental Art der 1960er\/1970er Jahre hatte im Unterschied zu aktuellen Praktiken eher die direkte Verbindung der K\u00fcnstler mit der Natur zum Thema, zum Beispiel indem sie in ihren Werken nat\u00fcrliche Materialien wie Steine oder Holz verwendete oder ihre Werke direkt in der Natur inszenierte.<\/p>\n<p>Environmental Art l\u00e4sst sich in zwei \u00abDisziplinen\u00bb aufteilen: In Kunst, die in der nat\u00fcrlichen Umgebung inszeniert wird (Land Art) oder nat\u00fcrliche Objekte als inszenatorische Elemente verwendet und in eine \u00f6kologische k\u00fcnstlerische Praxis (Eco Art), die aber gleichzeitig den Begriff der Environmental Art neu definiert, indem sie in ihren Projekten \u00f6kologische Zusammenh\u00e4nge und Probleme k\u00fcnstlerisch oder k\u00fcnstlerisch-wissenschaftlich behandelt und sich neuer k\u00fcnstlerischer Medien bedient \u2013 also Situationen schafft, wo die Umgebung zur Umwelt wird. <\/p>\n<p>In heutigen k\u00fcnstlerisch-wissenschaftlichen Kollaborationen im Kontext der Eco Art stehen Praktiken im Vordergrund, die nicht wahrnehmbare Prozesse oder abstrakte Daten sinnlich erfahrbar machen wollen: Luftverschmutzung, Klimawandel, biologische Prozesse, \u00f6kologische Kreisl\u00e4ufe, Genetik und Gentechnologie usw. werden \u00fcber digitale Technologien und Medien wissenschaftlich-k\u00fcnstlerisch erforscht und inszeniert, um Zusammenh\u00e4nge und Probleme in der Natur aufzuzeigen und in einer immersiven, intensivierten Erfahrung erlebbar zu machen. Dieses (wiedererwachte) Interesse an gemeinsamen Forschungsgegenst\u00e4nden im Zeichen des Wissenschaftlich-\u00c4sthetischen steht vor dem Hintergrund eines aufkommenden \u00ab\u00d6kozentrismus\u00bb, der als Gegenentwurf zum gel\u00e4ufigen Anthropozentrismus postuliert wird und wo Menschen sich selber als nicht wichtiger als andere Entit\u00e4ten auf der Welt zu sehen beginnen. <\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Technologie. Sie macht es erst m\u00f6glich, normalerweise nicht wahrnehmbare Ph\u00e4nomene oder Lebensprozesse erfahrbar zu machen und sie ist das Medium der \u00e4sthetisch-wissenschaftlichen K\u00fcnste: Ein neues Bild der Natur zu entwickeln, das \u00fcber gen\u00fcgend normative Kraft in unserer nat\u00fcrlich-technischen Umwelt verf\u00fcgen soll, ist ohne (kommunikativ und k\u00fcnstlerische eingesetzte) Technologie nicht zu realisieren. Im Wissenschaftlich-K\u00fcnstlerischen entstehen mediale Funktionssysteme, die \u00fcber Bild, Klang, Inszenierung \u2013 \u00fcber unmittelbare Erfahrungen \u2013 Dinge der Umwelt symbolisieren und ihre Bedeutungen transformieren. Es kommt zu neuen, erweiterten und intensiveren Erfahrungen von Umweltereignissen und -Ver\u00e4nderungen, die m\u00f6glicherweise gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf unser Denken und Handeln haben als die g\u00e4ngige Rhetorik vieler Umweltbewegungen. Dabei spielt die technisch-k\u00fcnstlerisch generierte Virtualit\u00e4t eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle. Das Ph\u00e4nomen der Virtualit\u00e4t an sich ist zunehmend Gegenstand j\u00fcngerer philosophischer Untersuchungen geworden, nicht zuletzt weil technisch erzeugte virtuelle Realit\u00e4ten Teil unserer Wirklichkeitserfahrungen geworden sind. Oftmals erweisen sich \u00f6kologische Zusammenh\u00e4nge als so komplex, dass sie in einem artifiziellen, einem k\u00fcnstlerischen Medium, das eine Vielzahl an Informationen in einen sinnvollen und sinnlichen Zusammenhang zu bringen in der Lage ist, rekonstruiert werden m\u00fcssen: Der Mensch baut Modelle der Natur, um sie verstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00d6kologie als theoretische und angewandte Wissenschaft besch\u00e4ftigt sich mit der Untersuchung der Verbreitung und Abundanz (Dichte, H\u00e4ufigkeit) von Lebewesen und den Wechselwirkungen mit der Umwelt, die die Verbreitung und Abundanz bestimmen. Politische \u00d6kologie befasst sich mit den Zielsetzungen \u00f6kologischer Forschung und den Auswirkungen \u00f6kologischer Erkenntnisse, respektive deren Umsetzung in politischem Handeln. Etwas spezifischer formuliert befasst sich die politische \u00d6kologie mit den Referenzen, derer wir uns bedienen, wenn wir von nat\u00fcrlichen Objekten sprechen oder mit ihnen interagieren. Politische \u00d6kologie besch\u00e4ftigt sich mit der Art und Weise, wie die Umwelt wahrgenommen wird, wie definiert wird, was sie ist und wie mit ihr umgegangen wird, und damit ist auch der Bezug zu den k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Praktiken hergestellt, die im treelab eine Nische der Forschung und Lehre finden sollen.<\/p>\n<p>Die politische \u00d6kologie deckt auf, dass Naturkonzeptionen politische Konzeptionen der Gesellschaft sind und will nach Bruno Latour die \u00abKonzeption der sozialen und politischen Welt\u00bb \u00e4ndern. Politische \u00d6kologie findet ein Anwendungsfeld im Wissenschaftlich-K\u00fcnstlerischen, dem Ort, wo \u00abAssoziationen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen\u00bb m\u00f6glich werden. An die Stelle der Natur tritt eine experimentelle Metaphysik, wo die Stimmen der \u00abnicht-menschlichen Wesen\u00bb sich \u00fcber die \u00absubtilen Apparaturen\u00bb der Kunst und der Wissenschaft mitteilen. John Dewey antizipierte in diesem Zusammenhang eine k\u00fcnftige, experimentelle Anschauungsweise, die in einer gemeinsamen Kultur \u2013 sowohl im K\u00fcnstlerisch-Wissenschaftlichen als auch in Latours \u00abParlament der Dinge\u00bb \u2013 \u00abg\u00e4nzlich akklimatisiert sein wird.\u00bb  Eine Zukunft also, in der alte Hierarchien aufgehoben sind und sich ein Denken und Handeln etabliert hat, das in einer neuen Beziehung zum  \u00abTerritorium und zu Terra, der Erde\u00bb (Deleuze\/Guattari) steht. <\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/p>\n<p>Altner, G\u00fcnter: \u00abKunst und Wissenschaft im Horizont der Nachhaltigkeit\u00bb, in: \u00d6kologisches Jahrbuch 2005, M\u00fcnchen: Beck 2005, S. 36-54.<\/p>\n<p>Dewey, John: Erfahrung und Natur, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.<\/p>\n<p>Goodman, Nelson: \u00abKunst und Erkenntnis\u00bb, in: Dieter Henrich, Wolfgang Iser (Hg.): Theorien der Kunst, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992, S. 581.<\/p>\n<p>Gries, Katja: Vernetzungen zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik, Berlin: Pro Business 2011.<\/p>\n<p>Haraway, Donna: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt\/New York: Campus 1995.<\/p>\n<p>Larcher, Walter: Physiological Plant Ecology, Berlin: Springer 2003.<\/p>\n<p>Latour, Bruno: Das Parlament der Dinge, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010.<\/p>\n<p>Maeder, Marcus: \u00abAmbient\u00bb, in: Marcus Maeder (Hg.): Milieux Sonores\/Klangliche Milieus. Klang, Raum und Virtualit\u00e4t, Bielefeld: Transcript 2010, S. 95-120.<\/p>\n<p>Morton, Timothy: Ecology Without Nature. Rethinking Environmental Aesthetics, Cambridge\/London: Harvard University Press 2007.<\/p>\n<p>Weintraub, Linda: To Life! Eco Art in pursuit of a sustainable planet, Berkeley\/Los Angeles\/London: University of California Press 2012.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Kunst und \u00d6kologie &#8211; ein programmatischer Entwurf f\u00fcr das treelab. 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