Jürgen Albrecht

Jürgen Albrecht

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Jürgen Albrecht

Jürgen Albrechts Werke sind Lichträume, deren Farbraum von undurchdringlichem Schwarz bis zu leuchtendem Weiß reicht. Sie sind weder Bild noch Objekt, sondern dreidimensionale Wirkungsfelder. Ihr Ausgangspunkt ist das architektonische Modell, in dem sie verortet sind. Durch Lichtprojektionen, Überblendungen und Verschattungen scheinen räumliche Zusammenhänge auf, die wie Bühnenräume, eine Illusion sind. Innen und außen gehen ineinander über, offene und verschlossene Flächen werden gegeneinander verschoben. Tages- und Kunstlicht wechseln ihre Funktion in der Beschreibung von räumlichen Zusammenhängen ebenso Schatten und Lichtschatten. In der ästhetischen Herausforderung von Wahrnehmungsgewohnheiten entstehen optische Täuschungen von verschachtelten Interieurs. Es sind visuelle Labyrinthe, in denen sich die Doppelnatur des Lichts als materielles und immaterielles Phänomen spiegelt.

Texte von Isabelle Mars (http://lichtrouten.com/?page_id=652 – 8.10.16)

 

Ansichten und Einsichten. Zu den Arbeiten von Jürgen Albrecht

… Jürgen Albrecht erlaubt uns aber nicht nur den Blick auf das äußere und Innere seiner Skulpturen, vielmehr macht er die Innenansicht auch zum entscheidenden Thema seiner Werke, die aus Licht – und Schattenverhältnissen bestehende Raum- Architekturen entwerfen. Der Erfahrung von Licht und Raum, Licht und Zeit, Licht und Wahrnehmung gilt mithin die Aufmerksamkeit dieses künstlerischen Werkes, wobei eben das Licht eines der elementaren Attribute ist.

Albrecht geht es um den Raum, den seine Skulpturen bilden und um das Licht, das diesen  Raum bewohnt. Es geht darum, wie der Betrachter diesem Raum gegenübersteht und wie er diesen erforscht. Beim Blick in das Innere der Skulpturen erscheinen Räume verschiedener Größe oft in dichter Reihung. Am hellsten erscheinen die Räume dort, wo das einfallende Licht sie Weiß färbt, weniger weiß erscheinen die Flächen, die das Licht kaum mehr erreicht.
In den so gestalteten Räumen gibt es aber keine spekulativen Sensationen und Irritationen; allein durch kleine Oberlichter aus Transparentpapier gezielt einfallende Licht wird als Ereignis inszeniert. Weiß und gleichmäßig gestrichen bilden die Wände so das Gehäuse für den Ort unserer Wahrnehmung. Was wir , wenn wir in diesen Ort  hineinblicken, mitbringen müssen ist Zeit, die unser Auge und unsere Wahrnehmungsfähigkeit brauchen, um sich an die gegenwärtige, wahrscheinlich nicht erwartete Atmosphäre zu gewöhnen und um sich der vielleicht befremdlichen Wohlbekanntheit der Ausdruckskraft des Lichts zu erinnern, das auch im kleinen Rahmen das zu leisten vermag was uns ansonsten als elementare Raumerfahrung so selbstverständlich erscheint und uns schon deswegen einer konzentrierten Betrachtung selten wert ist.

„Das aber ist nur möglich, weil zwischen den Strukturen des Werks und denen der Wahrnehmung eine Isomorphie herrscht, die allerdings so ausgelegt ist, dass sich die automatisierten Wahrnehmungsmuster unserer Alltagserfahrung gerade nicht wiederholen, sondern in Abweichung, Verkürzung, Überlagerung, Verzerrung und im Widerspruch zu den eingeübten Sehmustern erscheinen…“

… weil Albrechts Skulpturen über keine eigene Lichtquelle  verfügen, also immer in ihren inneren Erscheinungen abhängig sind von den jeweilig herrschenden spezifischen Lichtverhältnissen des Ausstellungsortes (insofern immer auch ortsbezogen sind), mag der Betrachter diese Abhängigkeiten um so deutlicher erfahren, wenn das einfallende Licht ein stetig wechselndes  natürliches Sonnenlicht ist. So schafft Albrecht mit seinen Skulpturen Wahrnehmungsmodelle, die stets abhängig sind von einer bestimmten Situation, auf diese bezogen, somit nicht übertragbar und an jedem Austellungsort einmalig sind.

Jürgen Albrechts Skulpturen sind für den individuellen Gebrauch bestimmt, denn sie erlauben meistens nur einem einzelnen Betrachter den ungestörten Blick in ihr Inneres, so dass er unmittelbar mit sich und dem Werk allein sein kann und so dieses für die Zeit des Wahrnehmungsvorganges zu einem spezifischen Ort wird, der eine Gestaltungs-, Handlungs- und Erlebniseinheit bildet. Oder anders ausgedrückt: Seine Objekte erwarten vom Betrachter ein genaues Schauen.
Angesichts der teils durch die immaterielle Qualität des einfallenden Lichtes diffus verschwimmenden teils im Schatten undeutlich werdenden Innenräume mag sich der Betrachter auch die Vorstellung zu eigen machen, diese Räume in seinen Gedanken zu durchschreiten. Folgt man den kleinen, abschreitbaren Raumeinheiten optisch bis an ihr Ende, mögen selbst die gedanklichen Schritte messbar werden, wird dieser Ort als eine unmittelbar mit der Zeit verbundene Kategorie bewusst, zumal der Faktizität des Lichtes immer auch die Zeit mitgegeben ist und deren Bedeutung Albrecht nicht zuletzt durch die Titel seiner Werke manifestiert, die das Datum ihrer Entstehung benennen. Ein neuer Raum aus Licht und Schatten wird erfahrbar, der vielleicht sogar ein Nachdenken über das Dasein in einem sich verändernden Raum bewirkt , der unseren Sinn für Proportionen und für unsere Wahrnehmung ändern kann, der uns ganz beiläufig an die Flüchtigkeit unserer Realität erinnert und uns in ein kritisches Verhältnis zu dieser setzt. Weniger über Inhalte des Gesehenen, vielmehr über die Art und Weise seines Sehens wird der Betrachter zu Erfahrungen geführt.

Aus:
Udo Kittelmann, „Ansichten und Einsichten. Zu den Arbeiten von Jürgen Albrecht“, Jürgen Albrecht. Skulptur. Raum. Licht, Dörrie/Priess Verlag, Hamburg 1993 (http://www.juergenalbrecht.com/ansichten.php – 8.10.16)