Tag: 14. Dezember 2010

  • n°2_Die BesucherInnen fehlen. Welche BesucherInnen? Ein Nach-denken zum Symposium KUNST [auf] FÜHREN. Performativität als Modus und Kunstform in der Kunstvermittlung

    Nora Landkammer

    Die BesucherInnen fehlen. Welche BesucherInnen?

    Ein Nach-denken zum Symposium KUNST [auf] FÜHREN. Performativität als Modus und Kunstform in der Kunstvermittlung

    Der Text setzt sich mit einer im Feedback zum Symposium Kunst [auf] FÜHREN 2009 in Kassel formulierten Kritik auseinander: Wir hätten über Vermittlung gesprochen und dabei die BesucherInnen, das Publikum vergessen. Das Nach-denken zum Symposium geht der Frage nach, was dieses «Fehlen» erzeugt hat und diskutiert die Figur der «BesucherIn» in der Reflexion über Vermittlung im Zusammenhang mit der Kritik am Paternalismus des Inklusionsdiskurses und des Zielgruppendenkens, mit Performativitätstheorien und dem Verhältnis Theorie-Praxis. Der Verunsicherung im Sprechen über BesucherInnen setzt der Beitrag ein Nachdenken über Vermittlung zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten, Positionierungen und Interessen entgegen, wie es in Projekten stattfinden kann, die eine längerfristige Zusammenarbeit mit TeilnehmerInnengruppen planen und darin auch Reflexion über Vermittlung anlegen.


    Nora Landkammer

    The visitors are missing. Which visitors?

    A reflexion on the Symposium KUNST [auf] FÜHREN

    The text parts from critique expressed by participants of the symposium KUNST[auf] FÜHREN in Kassel in June 2009: We had been talking about gallery education and had forgotten about the visitors, the public. Reflecting on the Symposium, the contribution focuses on the question, what had produced this absence and asks how «the visitor» can appear in educators‘ thinking about gallery education, in relation to the critique of paternalism in the discourse of inclusion and target groups, theories of performativity and the connection of theory and practice. After discussing the uncertainty in talking about «the visitor» the contribution argues for a reflexion on education between different positionalities and interests in projects that build long term collaborations with groups of participants, providing space for thinking about education itself within practice.

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    Zu der Kurzbiografie von Nora Landkammer

  • n°2_Handlungsmacht an den Rändern der Macht

    Andrea Hubin

    Handlungsmacht an den Rändern der Macht

    Wo siedelt sich eine Kunstvermittlung an, die mit Performativitäts-Konzepten operiert?

    Warum interessiert sich die Kunstvermittlung für das Performative? Zwischen dem Ringen um Anerkennung, Reflexionsprozessen über den eigenen Status und dem Zuwachs an gesellschaftlichen Akteuren, die auf dieses Feld Zugriff haben wollen, scheinen Performativitätstheorien Modelle anzubieten, um Institutionen und Regelwerke aus kritischer Perspektive (mit) zu gestalten. Konzepte des Performativen betonen den «Wirklichkeit setzenden Aspekt des Sprechens». Dies bietet gerade der (zentral sprachbasierten) Kunstvermittlung ein Argument, sich aus Reproduktions-Rolle zu emanzipieren und sich als Produzentin von Wissen und Strukturen zu setzen. Der Text diskutiert die speziellen Handlungsräume „an den Rändern der Macht“ (Judith Butler), die sich dadurch auszeichnen, dass ihre AkteurInnen – kritisch oder nicht – immer schon an der Herstellung der bestehenden Verhältnisse beteiligt sind. Dennoch ist es gerade eine performative Kunstvermittlung, die das transformative Potential von Verschiebung, Aneignung, Wiederaufführung dieser Bedingungen für Handlung erschlossen hat.

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    Andrea Hubin

    Agency at the margins of power

    Locating a gallery education that operates with concepts of performativity

    Why is gallery education interested in performativity? Between fights for recognition, reflection on one’s own status and a multiplication of agents interested in this field theories of performativity seem to provide models for having a share in the formation of institutions and their rules from a critical perspective. Concepts of performativity underline the aspect of «reality production through speech». For largely speech-based gallery education, this offers an argument for leaving the role of reproduction, claiming a position as a producer of knowledge and structures. The text discusses the possibilities for agency at the margins of power (Judith Butler) which are defined by the fact that any agent (critical or not) already participates in the production of the existing order. Still, it is performative gallery education which started to explore the transformative potential of dislocation, appropriation and reenactment of these conditions for action.

  • n°2_Quergelesen und Zurückgesprochen. Ein Dialog zu Performancetheorie und Vermittlung

     Sabine Gebhardt Fink / Nora Landkammer / Anna Schürch

    Quergelesen und zurückgesprochen

    Ein Dialog zu Performancetheorie und Vermittlung

    Ausgehend von Judith Butlers Verständnis des performativen Aktes als einer Handlung, die immer wieder repetiert und gesellschaftlich legitimiert werden muss, diskutiert der Text die Verbindung zwischen Performance, Pädagogik und Handlungsmacht, wie sie Charles Garoian in seiner Performative Pedagogy (1999) entwirft. In einem Dialog zwischen Performancetheorie und Vermittlung werden Überlegungen zu aktuellen performativen künstlerischen Praktiken aus der Perspektive verschiedener Wissensfelder «quergelesen». Vier Themenfelder werden näher beleuchtet: Präsenz und Embodiment, Strategien der Handlungsermächtigung, kollektive Rezeptionspraktiken und Konstruktionen des Ortes. Performative Projekte der KünstlerInnen Alexandra Bachzetsis, San Keller, William Hunt und Kateřina Šedá sind dabei unser Ausgangspunkt.

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    → Zu der Kurzbiografie von Sabine Gebhardt Fink

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     Sabine Gebhardt Fink / Nora Landkammer / Anna Schürch

    Read across and talk back

    A dialogue on perfomance theory and gallery education

    Based on Judith Butler’s definition of the performative act as an action that has to be constantly repeated and socially legitimized, the text discusses the relation between performance, pedagogy and agency as Garoian conceptualizes it in his Performative Pedagogy (1999). Thoughts on contemporary performance art practices are «read across» the perspectives of different fields of knowledge in a dialogue betwenn performace theory and gallery education. We focus on four themes: presence and embodiment, strategies of enabling action, collective practices of reception and constructions of place, starting from performative projects by artists Alexandra Bachzetsis, San Keller, William Hunt and Kateřina Šedá.

     

     

     

  • Art Education Research °2

    KUNST [auf] FÜHREN
    Performativität als Modus und Kunstform in der Kunstvermittlung

    Herausgeberinnen: Nora Landkammer, Anna Schürch, Bernadett Settele, Sandra Ortmann, Danja Erni

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    EDITORIAL

    Was heisst es, Kunstvermittlung als performativ zu denken? Performativität als Perspektive macht sichtbar, dass Wirklichkeit durch die (Wieder-)Aufführung von gesellschaftlich hergestellten Handlungsmöglichkeiten produziert wird. Über Performativität in der Kunstvermittlung nachzudenken, lenkt den Blick auf diese Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion im Museum: Zunächst stellt sich die VermittlerIn selbst durch die Wiederholung von Akten, die für diese (SprecherInnen-)Position historisch/gesellschaftlich vorgesehen sind – erklären, lächeln, zeigen – her. Damit und dadurch, dass auch die TeilnehmerInnen eines Vermittlungsangebotes ihre Rolle spielen – also das wiederholen, was für MuseumsbesucherInnen vorgesehen ist (oder sich dem verweigern) – konstituiert sich die Vermittlungssituation und zugleich die Rahmen des Vorgesehenen (die Normen). Die Kunst wird in der Vermittlungssituation aktualisiert und in ihren Bedeutungen (wieder-)hergestellt. Schliesslich sind es diese Akte, die das Museum als Institution darstellen und produzieren. Wenn eine Institution kein fixes Gefüge ist, sondern durch das, was in ihr passiert, ständig hergestellt wird, dann trägt Vermittlung wesentlich zur (Re-)Produktion der Institution bei – sei es stabilisierend oder verändernd, als Kritik oder als Festschreibung.

    Performativität als Analysetool, das sich aus J. L. Austins Überlegungen dazu, «wie Worte etwas tun», entwickelt hat, rückt die konstitutiven Wirkungen des Sprechens und Handelns im Museum in den Fokus – konstitutiv mit J. Butler auch in dem Sinn, dass die Bedingungen der Möglichkeit für das Sprechen und Handeln, dafür, was sagbar und zu tun möglich ist, performativ produziert werden. Im und durch das Handeln selbst über diese Akte der Bedeutungsproduktion nachzudenken, führt unter anderem ins Terrain der Performancekunst.

    Was haben sich Performance und Vermittlung zu sagen? Kann der Ansatz, das Museum und Vermittlung performativ zu denken, nicht nur zu deren Analyse beitragen, sondern möglicherweise zu ihrer Veränderung, hin zu reflexiven Räumen der vielstimmigen Produktion und Aushandlung von Bedeutungen? Wie lassen sich Rollen, Räume und ihre Normen performativ – im tun – verschieben?

    Diese Überlegungen waren Basis des Symposiums KUNST [auf] FÜHREN – Performativität als Modus und Kunstform in der Kunstvermittlung [1], aus dem die Beiträge dieser zweiten Ausgabe von Art Education Research hervorgegangen sind. Ein zentraler Bezugspunkt der Auseinandersetzung waren die Texte von Charles R. Garoian, der in Performing Pedagogy. Toward an Art of Politics 1999 eine Pädagogik entwirft, die vom performativen Charakter von Unterrichtssituationen ausgeht und Performance als politische, zu Handlungen ermächtigende pädagogische Praxis denkt. Eine solche Pädagogik fordere die Exklusionsmechanismen kultureller Institutionen heraus, durch ein Schaffen von «performative spaces […] where the politics of inscription and representation can be debated and agency self-determined» [2]. In einem weiteren Text beschreibt er das Museum als einen Ort, der durch die Performance der in ihm Agierenden hergestellt wird. Er schlägt eine Vermittlung vor, die diesem performativen Charakter Rechnung trägt und TeilnehmerInnen durch ein «performing the museum» ermöglicht, sich kritisch zu den dominanten Narrativen des Museums zu positionieren und ihm ihre eigenen Erzählungen hinzuzufügen. [3]

    Die Texte in dieser Ausgabe widmen sich dem genaueren Befragen von Vermittlung als performativer Angelegenheit. Sie klären zugrundeliegende theoretische Konzepte, sie diskutieren die komplexen Beziehungen und Spannungsverhältnisse in der bei Garoian recht eingängig dargestellten Linie zwischen Performance, Pädagogik und agency, und sie zeigen und reflektieren Beispiele und Methoden aus der Vermittlungspraxis.

    Sabine Gebhardt-Fink, Nora Landkammer und Anna Schürch treten in ihrem Beitrag in einen Dialog über Performancekunst, Theorien der Performativität und Vermittlung. Dem Vorschlag Garoians folgend, Handlungsformen aus der Performancekunst pädagogischen Settings zugrunde zu legen befragen sie aktuelle Performances und diskutieren mögliche Bedeutungen für die Vermittlung.

    Die Frage, warum sich Vermittlung eigentlich auf Theorien der Performativität bezieht, rollt Andrea Hubin auf. Sie hinterfragt die Ableitung von konkreten Strategien für die Vermittlung aus Performativitätskonzepten und verortet die Produktivität des Ansatzes im Erlangen von Handlungsfähigkeit in Strukturen, die man kritisiert und in deren Herstellung man doch eingebunden ist.

    Konkrete Methoden sind Gegenstand von Julia Draxlers Beitrag – sie berichtet über ihre Arbeit mit Augusto Boals Theater der Unterdrückten in der Vermittlung und diskutiert eine Vermittlung, die das Handeln zentral setzt, um in künstlerischen Arbeiten thematisierte gesellschaftliche und politische Problematiken sowie Machtverhältnisse im Museum selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung zu machen und um Handlungsweisen im Umgang damit zu erproben.

    Bernadett Settele verknüpft in Performing the Vermittler_in die institutionelle und konzeptuelle Ebene von Vermittlungsarbeit mit einem «Close-up» auf die Vermittlungssituation als Szene der Herstellung von Subjekten und stellt den Secret Service als ein schon auf dieser Basis konzipiertes Vermittlungsprojekt zur 5. berlin biennale in den Kontext dieser theoretischen Überlegungen. Die Hauptfrage ist: Wie kann die Vermittler_in Handlungsmöglichkeiten erlangen, ohne eine auktoriale Position einzunehmen?

    Die Institution als performativ produziert steht im Beitrag des KünstlerInnen/VermittlerInnenkollektivs microsillons im Zentrum. Sie verhandeln ihr Verhältnis zur Institution – konkret dem Centre d’Art Contemporain in Genf – ausgehend von der Verschiebung in der Institutional Critique, die Andrea Frasers Statement «We are the institution» markiert.

    2008 fand im Kunstmuseum Lentos in Linz die Tagung Performing the museum as a public sphere: Kunstvermittlung als Widerstreit statt. Der Beitrag von Carmen Mörsch und Eva Sturm, die die Linzer Tagung konzipiert haben, diskutiert im Dialog zwischen den beiden Autorinnen Begriffe wie Performativität, Öffentlichkeit und Widerstreit im Hinblick auf Entwürfe einer kritischen Kunstvermittlung.

    Wieder in die Praxis führt der Beitrag von Sandra Ortmann mit dem Skript für die Performativen Interventionen in der Kunsthalle Fridericianum, die sie gemeinsam mit Studierenden der Kunsthochschule Kassel entwickelt hat.

    Nora Landkammer setzt sich schliesslich mit Kritik aus dem Publikum beim Symposium KUNST [auf] FÜHREN auseinander und stellt ausgehend von der Veranstaltung Überlegungen zur Figur der BesucherIn in der Reflexion über Vermittlung vor.

    Wir wünschen eine spannende Lektüre und freuen uns über Rückmeldungen und Anregungen zum e-Journal!

    Zu den Texten

    Kontakt


    [1]Das Symposium wurde in Zusammenarbeit zwischen IAE und der Kunsthalle Fridericianum organisiert und fand im Juni 2009 in Kassel statt. http://www.fridericianum-kassel.de/symposium2009.html, 10.11.2010.

    [2]Garoian, Charles (1999): Performing Pedagogy. Towards and Art of Politics. New York: State University, S. 51.

    [3] Garoian, Charles (2001): „Performing the Museum“. Studies in Art Education. No.42, 3, S. 234 – 248.