Tag: 10. November 2016

  • n°12_«Materielles Gedächtnis» und postmigrantische Gesellschaft. Vorschläge für die Sammlungspraxis im Schweizerischen Nationalmuseum

     

     Jonas Bürgi

    «Materielles Gedächtnis» und postmigrantische Gesellschaft

    Vorschläge für die Sammlungspraxis im Schweizerischen Nationalmuseum

    Nationalmuseen beanspruchen Definitionsmacht darüber, was als ‚Kulturerbe’ gelten soll. Migrationsgeschichten als Relativierung nationaler Erinnerungskulturen haben in diesen materialisierten Erzählungen mit ihren Ein- und Ausschlussmechanismen meist einen marginalen Platz. Auf der Grundlage des Begriffs der postmigrantischen Gesellschaft befasst sich der Beitrag deshalb mit der Frage, wie das Schweizerische Nationalmuseum diese Realitäten berücksichtigen und welche Folgen dies für die Institution haben könnte. Ausgehend von der heutigen Sammlungspraxis und anhand von internationalen Praxisbeispielen werden Vorschläge für die Weiterentwicklung der Sammlungstätigkeit erarbeitet. Dabei spielen Repräsentationsweisen, Kritik an der Verdinglichung sowie die Frage, wer sammelt, eine wichtige Rolle.

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    Jonas Bürgi

    «Material Memory» and Postmigrant Society

    Proposals for collection development and interpretation at the Swiss National Museum

    National Museums claim authority in defining ‚cultural heritage’. Migration histories, as relativisations of national commemorative cultures, usually have a marginal position in such materialised narratives with their mechanisms of in- and exclusion. Based on the term of a postmigrant society, this contribution thus asks how the Swiss National Museum could take into account postmigrational realities, and with which consequences for the institution itself. Starting from the present collecting practices, recommendations for new strategies are developed by means of analysing international case studies. In doing so, issues of representation, criticism of objectifications as well as the question ‘who is collecting?’ play an important role.

  • n°12_Gedächtnis, Archiv und Vermittlung. Ansätze für eine Vermittlungspraxis mit geflüchteten Menschen

    Felipe Polanía

    Gedächtnis, Archiv und Vermittlung

    Ansätze für eine Vermittlungspraxis mit geflüchteten Menschen

    Ist es möglich von einem kollektiven Gedächtnis von geflüchteten Menschen zu sprechen? Wie kann die Vermittlungsarbeit zur Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses bei geflüchteten Menschen beitragen?
    Der Text nimmt erst Bezug auf die Differenzierung zwischen den Konzepten von Gedächtnis und Geschichte, um danach Gedächtnistheorien umzureissen. Gedächtnis ist die Operation, wie vergangene Begebenheiten gegenwartsbezüglich rekonstruiert und organisiert werden, um unsere aktuelle Realität mit Bedeutungen und Werten zu füllen. Anschliessend wird das Archiv diskutiert. Das Archiv wird als System zur Ordnung und Produktion des Wissens und Ort des kulturellen Gedächtnisses aufgefasst. Nach diesem theoretischen Hintergrund wird eine Reflexion über die eigene Praxis im Vermittlungsbereich vorgenommen. Diese Reflexion führt zur Frage nach politischen und medialen Diskursen, die Geflüchtete als Opfer von Armut und Krieg darstellen und die Rolle des europäischen Kolonialismus bei der strukturellen Verarmung des globalen Südens ausblenden. Die vorliegende Arbeit geht den Verbindungen zwischen dem kulturellen Gedächtnis, der Kunstvermittlung und der politischen Ermächtigung von Geflüchteten nach.

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    Felipe Polanía

    Memory, Archive and Mediation

    Approaches for mediation practice with refugees

    Is it possible to speak of a collective memory of people who have fled their places of home? Can mediation contribute to contruct a collective memory of refugees?
    In a first step, this paper differentiates memory from history, followed by a dicussion of theories of memory. Memory is the operation by which past events are reconstructed and organized to give sense and values to our current reality. This is followed by a dicussion of the archive: the archive is understood as a system of ordering and knowledge production, a place of the cultural memory. This theoretical background informs a reflection on my own practice in mediation, connecting cultural memory, gallery education and political empowerment of refugees.

  •  Art Education Research °12

    „Das Gedächnis der Geflüchteten“, Ausstellung „…the others have arrived savely“, Bild Guido Henseler, Shedhalle 2015

     

    Migration und Gedächtnis

    Herausgeber_innen: Nora Landkammer und Carmen Mörsch

    In dieser Ausgabe von Art Education Research erscheinen zwei Arbeiten, die als Masterthesen im Studiengang Master Art Education – ausstellen & vermitteln (seit dem Herbstsemester 2016 neu „Curatorial Studies“) entstanden sind. Art Education Research hat sich bereits in zwei früheren Ausgaben den Handlungsmöglichkeiten und nötigen Hinterfragungen der Vermittlung in der Migrationsgesellschaft gewidmet (Ausgabe AER6 |2012, Ausgabe AER8|2014). Diese Reflexion setzen die Texte von Jonas Bürgi und Felipe Polanía in dieser Ausgabe fort. Wir haben die beiden zur Veröffentlichung ihrer Masterthesen eingeladen, weil sie Beiträge zu einer Debatte von hoher Aktualität sind: der Frage nach dem Gedächtnis der Migration, danach, wie Migration institutionalisierte Formen des kulturellen Gedächtnisses wie Museumssammlungen prägen kann und muss, aber wie Migrationsgeschichte eben diese etablierten Formen des Speichers auch in Frage stellt und eigene Archive entwickelt.[1]

    Der Frage nach Migration und Gedächtnis widmen sich die beiden Autoren dieser Ausgabe von zwei komplementären Blickpunkten aus. Jonas Bürgi hat sich mit einer Institution beschäftigt, die paradigmatisch für die Darstellung schweizerischer Identität und Geschichte steht, dem Nationalmuseum. Er fragt nach dem Umgang mit Migration in der Sammlungspraxis, danach wie Migration als Perspektive in die Institution Eingang findet und finden kann. Felipe Polanias Arbeit setzt an anderer Stelle an: bei der Frage nach eigenen Archiven, nach einem Gedächtnis der Geflüchteten. Seine Arbeit prüft die Konzepte von Gedächtnis und Erinnerung im Kontext von Flucht, und setzt diese in Verbindung zu Erfahrungen in der Vermittlungs- und Ausstellungspraxis.

    Die Frage nach Formen der Erinnerung und des Archivs im Kontext von Migration ist eine, die bei der Konzeption von Institutionen, ihren Sammlungsstrategien und bei der Schaffung von Orten der Erinnerung ansetzt. Entsprechend sind auch die Beiträge in dieser Ausgabe nicht in der Vermittlungsarbeit, oder dem kuratorischen Diskurs angesiedelt, sondern zeigen im Gegenteil auf, dass die Beschäftigung mit Migration und Archiv verschränkte Arbeitsweisen von Sammlung, Vermittlung und kuratorischer Tätigkeit benötigt.

    Zu den Texten

    Lektorat und Korrektorat
    Camilla Franz, Mirjam Sager

    Layout
    Fabienne Kälin

     


    [1] Ein 2016 gestartetes Projekt in Wien entwickelt z.B. mit der Forderung nach einem Archiv der Migration. Jetzt! Ansätze für eine Geschichtsschreibung der Migration, am Wien Museum wurde eine Sammlung zur Dokumentation von Migrationsgeschichte angelegt (Projekt Migration Sammeln).