Unordentliche Prozesse in Design und Wissenschaft war das Thema der Konferenz “Wild Thing”, organisiert von Claudia Mareis und Christof Windgätter an der Hochschule für Gestaltung BTK in Berlin, vom 25. bis 26. Oktober 2013. Wegzukommen von den Gegenpolen Ordnung – Unordnung; Zufälle und Unfälle als ein natürliches Element des Forschungsprozesses zu diskutieren, welches Unvorhergesehenes generiert, speziell im Hinblick auf künstlerische und gestalterische Prozesse und Forschung, das waren die gemeinsamen Ziele dieser Tagung.
Von der Perspektive unseres Projektes “Die Eigenlogik des Designs” natürlich eine Konferenz, die nicht zu verpassen war, weil sie sowohl zum Inhalt des Projektes als auch zu unserem Untersuchungsdesign in Bezug steht. Was und wie wird von anderen Standpunkten über das Unvorhergesehene nachgedacht ?

Der Bricoleur
Im Laufe dieser Tagung wurden viele Aspekte der Unordnung diskutiert, aus vielen unterschiedlichen Betrachtungswinkeln. Die Geschichte der Technologie; Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Architektur, Visuelle Kommunikation, die Ornithologie, Ethnografie bis hin zur mathematischen Kunst – aus all den verschiedenen Perspektiven wurde debattiert, was für eine Rolle das Chaos hat und wie Unvorhergesehenes aus der Unordnung kreiert werden kann.
In der Geschichte der Technologie wird der Problem-Solver im Spektrum der 60er bis zu den 90er Jahren zum Bricoleur, wie uns Max Stadler ausführte, die Userpsychologie wanderte von der linken (linearen, logische Seite) zur rechten Gehirnhälfte (die kreative, intuitive Seite). Dinge waren im Vortrag von Nina Wiedemeyer nicht nur Träger der Geschichte, sondern sind Teile eines Prozesses – “das Provisorische als Medium der Veränderung”. Das Nicht-Lineare kann also neues Wissen hervorheben.
Moritz Greiner-Petter fragte sich, ob es etwas wie kontrollierte Unordnung überhaupt gibt und wie weit die Bewusstheit der Gestaltung gehen kann? Liegt überhaupt ein Unterschied im Erfahrungswert zwischen inszenierter und nicht-inszenierter Irritation?

Die Architektur der Inszenierung
Friedrich von Borries Vortrag erzählte nicht nur inhaltlich von Chaos und dem Nicht-Linearen, sondern provozierte durch das Vortragen selbst Unordnung im Publikum. Anhand seines Projektes RLF, “Das richtige Leben im Falschen”, untersuchte er die Architektur einer Inszenierung, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität und wie weit das Planbare darin gehen kann. Die Frage kommt auf, woran sich Wissenserschaffung festhält, wenn es an Fiktion aufgemacht ist?
Die Wechselwirkung zwischen Theorie und Gestaltung hing Philipp Felsch an dem “Unbehagen der Suhrkamp-Kultur” fest und beschrieb den Wandel von theoretischen Bleiwüsten zur “fröhlichen Wissenschaft”, wo sich der Text in den Publikationen zunehmend mit Kunst verwebt. In den 70er- und 80er-Jahren eine grosse Umwälzung – wenn man das Jetzt betrachtet, wo wird dann mit Unordnung oder Chaos etwas Bestehendes umgewälzt?
Ein Exkurs in die Kunstgeschichte fing bei Englands Alexander Cozens “Blotting”-Technik an, hörte bei dem digitalen “Flecken-Programm” al.chemie.org auf und pries das Resultat durch Gestaltung durch Flecken: Eine unimitierbare Lebendigkeit, ein sehr visuelles Beispiel eines Prozesses, der durch Unordnung zu Ordnung führt.
Die Wildheit der Welt, die Gesellschaft als etwas inhärent Surreales – wie der ethnografische Surrealismus damit umgeht, mit unterschiedlichem Erfolg bei den klassischen universitären Institutionen, das erinnerte mich stark an die jetzige Position der Designforschung, und wie sie sich ihren Kontext selbst erarbeiten muss im Umfeld der ‘ordentlichen’ Wissenschaften.
Die Schwierigkeit, das dynamische Verhalten von Vogelschwärmen möglichst genau und akkurat zu zu beschreiben und wiederzugeben, ist eine schöne Metapher für das Unvorhergesehene. Zu was können wir es übersetzen? Was für Gebiete könnten von diesen gelösten Schwierigkeiten profitieren? In der Architektur können mathematische Algorithmen Arbeitsmethoden sein, um aus und in komplexen Gegebenheiten neue Formen und Erfahrungen zu kreieren.

Sowohl die Ordnung von geladenen und teilnehmenden Gästen als auch das Konzept der moderierten Respondez nach jedem Vortrag verhinderten leider einerseits eine etwas chaotischere Diskussion zwischen den Vortragenden, den Studenten und den restlichen Besuchern, garantierten andererseits jedoch eine Vermittlung von Inhalt und Kritik auf einem ebenso hohen Niveau, wie es die Vorträge waren. Für unsere Eigenlogik ein sehr wertvoller Input mit vielen interessanten Anregungen.