Die Künste unter einem Dach

Wieder so ein Moment, der einen gewöhnlichen Arbeitstag zu einem unvergesslichen macht, weil ich, mit den vielen anderen, die gegen Abend noch am Campus sind, innehalte, den Stimmen aus dem Foyer folge und entdecke, was im neuen Gebäude noch so besonders ist wie am ersten Tag: Studierende, die Kunst machen.

 

 

Nicht hingerendert

Am 25.10.2014 schrieb Kathrin Passig alias z_observer vie Twitter anlässlich des ZHdK-Einweihungsfests «Creative City»: «Menschen auf der Rampe! Die nicht von den Architekten dort hingerendert wurden!» Zum Sommerfest war es wieder soweit.

Diplomausstellung revisited

2014 hatte man mich in Vorbereitung meiner Observertätigkeit mehrfach und energisch eingeladen, mir die Diplomausstellung anzusehen, damals noch im alten Gebäude. Ich wusste noch gar nichts über die ZHdK und ging widerwillig hinein in der Erwartung, glorifizierte Bastelarbeiten vorzufinden. Gebildet und geläutert kam ich wieder heraus. Ich hatte für die ganze Ausstellung eine Stunde gebraucht, mehr Zeit war auch gar nicht, ich musste zum Zug.

2015 laufe ich seit fünf Tagen in der Ausstellung herum, und es gibt immer noch ganze Departemente, die ich noch nicht gesehen habe. (Das hat auch damit zu tun, dass die gelben Klebestreifen, wie ich erst am Donnerstag herausfand, gar nicht zu allen Teilen der Ausstellung führen.) Ich habe grössten Respekt vor allen Besuchern, denen es gelingt, an einem Tag auch nur einen flüchtigen Blick auf alles zu werfen. Man versichert mir, dass die Ausstellung nicht gewachsen ist*, aber wie ein kleiner Fisch, den man in ein grosses Aquarium setzt, hat sie sich trotzdem ausgedehnt. Vielleicht ist es auch wie in „House of Leaves„, und dem Toni-Areal spriessen heimlich neue Räume mit ungesehenen Exponaten darin, so dass man in Wirklichkeit nie fertig wird mit dem Besichtigen der Diplomausstellung.

Ich muss weiter, es gibt noch so viel anzuschauen, und ich habe nur noch zwei Tage Zeit.

* Update: Katharina Tietze macht mich darauf aufmerksam, dass die ZHdK letztes Jahr ja auch noch über 38 Gebäude verteilt war und ich nur die Ausstellung in einem davon besichtigt habe. Das könnte es, ähem, erklären.

Das erste Mal

Als «historisch» gelten sehr bedeutsame Augenblicke und oft gehen hierbei die ersten und letzten einer jeden Augenblicks-Kategorie in die Geschichte ein. Genaugenommen war dann jeder Tag des vergangenen 3/4 Jahres seit unserem Einzug ins Toni-Areal ein historischer. Ich erinnere mich an die erste Staubflocke im Treppenhaus, die ersten Risse im Beton, die letzte Herbstsonne, den ersten Winter, das erste Mittagessen auf der Dachterrasse. Während die erste Diplomausstellung im Toni-Areal schon fast zu Ende ist, feiert der Campus Toni heute seinen ersten 11. Juni und sein erstes Sommerfest. Dass der 11. Juni und das Sommerfest zusammenfallen, mag hierbei evtl. sogar das letzte Mal sein, was den Tag gleich doppelte Beudeutsamkeit verleiht. Die ersten Studierenden, die am Toni-Areal studiert haben, sind heute auch schon wieder fertig: so werden die ersten Diplome und Zeugnisse im Toni-Areal übergeben. Kurzum: Ein Festtag! Wir gratulieren allen Absolventinnen und Absolventen, den ersten Tonianerinnen und Tonianern!

 

 

Treppenhaus-Galerie

Guerilla-Kunst, entdeckt in einem der Treppenhäuser, auf dem Weg von oben nach unten.
(Im letzten Stockwerk ist das Licht kaputt. Vielleicht spricht es sich ja herum, ganz ohne Ticket.)

Kein Titel, zu müde

An den meisten Spielen der Diplomausstellung Game Design habe ich nur die Beschreibung gelesen, weil mir schon die Vorschau auf das Spielgeschehen zu anstrengend war. Schliesslich bin ich zum Arbeiten hier, da wollte ich nicht auch noch in Galaxien herumfliegen und die Geliebte des Pandas suchen (Panda Lost in Space) mich mit halluzinierten Monstern auseinandersetzen (Finsterlinge), eine kranke Inselwelt von einer verhängnisvollen Seuche befreien (Panakeia), gegen unzählige Gegner kämpfen, um das Böse zu verbannen (Tesylia), das Energieproblem der Mulkins lösen (Mulkin) oder Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten (This World Ends). Far von Don Schmocker sah vergleichsweise erholsam aus, ein bisschen nach Myst, ein bisschen nach Machinarium.

Die nächste halbe Stunde (gefühlt ungefähr zwei Wochen) brachte ich damit zu, die Segel auf meiner Dampflokomotive zu hissen und zu bergen, Knöpfe zu drücken, hin- und herzulaufen und Brennmaterial zu schleppen, noch mehr Knöpfe zu drücken, Brände im Maschinenraum zu löschen und wieder Brennmaterial zu schleppen. Bei jedem Problem blieb meine Lokomotive liegen und ich musste schuften, um sie wieder zu befreien, bevor sie komplett im Sand versank. Wenn alles gut ging, kam ich ein Stück voran, die Wüste sah am neuen Ort aber genau wie am alten aus. Don Schmocker hatte hart und unablässig gearbeitet, um meinen Arbeitstag mit einer Simulation harter, unablässiger Arbeit zu verschönern.

Wenn ich heute nicht schon so viel Brennmaterial geschleppt und Knöpfe gedrückt hätte, würde ich an dieser Stelle darüber schreiben, dass die Arbeit immer unbestimmter, den-Eltern-nicht-mehr-erklärbarer wird, so dass man Geld für Spiele ausgibt, in denen man eine Farm bewirtschaften, eine Stadt verwalten oder Kohle durch die Wüste tragen muss. Aber das ist ja wahrscheinlich auch Blödsinn, in Wirklichkeit wird alles ganz anders zusammenhängen, und sobald ein anderer Game-Design-Absolvent ein Spiel entwickelt, in dem man ohne Unterlass Feuilletonartikel schreiben muss, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren, werde ich mich gründlich mit dem Thema befassen.

Ein Designwürdigungsautomat für die ZHdK

Vor knapp vier Wochen hat das Museum für Gestaltung einen von John Emerson geschriebenen Twitterbot namens MuseumGestaltungBot bekommen, der mehrmals täglich ein Foto eines Objekts aus dem Museumsarchiv twittert und zu einer Seite mit Detailinformationen verlinkt. Ich habe dem Museumsbot einen Fanbot namens MuseumGestaltungFan zur Seite gestellt, dessen Aufgabe es ist, alles zu loben, was MuseumGestaltungBot twittert.

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Vorbilder für diese Idee sind @MuseumBot und @AppreciationBot des Metropolitan Museum of Art, auf die ich durch einen Beitrag im Blog #algopop aufmerksam geworden bin.

Das Twitter-Icon von MuseumGestaltungFan ist nur eine Notlösung, weil ich nichts von Grafik verstehe. Wie man hört, gibt es in der ZHdK aber Menschen, die sich damit auskennen. Falls sich jemand berufen fühlt, den Fanbot mit einem schöneren Logo zu versehen, würde ich mich freuen.

Ich ziehe mich jetzt erst mal in die Bibliothek zurück, um dort aus der Fachliteratur die Kunst des Lobens von Design zu erlernen.

Die visuelle Kommunikation der visuellen Kommunikation

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Viele vergebliche Bilder gemacht. Wie meistens ist das versehentlich aufgenommene nicht das schlechteste.

Beim Wandern durch die Ausstellungen mit Abschlussarbeiten* denke ich anlässlich meines eigenen Verhaltens als Ausstellungsbesucherin darüber nach, ob wohl alle Leute vor den meisten Präsentationen nur sekundenlang verharren, kurz die dicke gedruckte Erklärung zur Hand nehmen, eine beliebige Seite aufschlagen, das Buch angesichts von viel Text wieder zuklappen und weitergehen. Ich versuche bei Twitter als Abschlussarbeit eine Studie anzuregen, in der man empirisch das Verhalten der Besucher der Abschlussarbeits-Ausstellungen erfasst: Wie viele Sekunden Verweildauer am Stand? Werden Exponate oder gedruckte Erklärungen in die Hand genommen, wenn ja, welche und wie lange? Und so weiter. Im Rahmen einer solchen Arbeit wäre der Diebstahl von Exponaten als grosser Erfolg zu werten.

In der schließlich doch noch gefundenen Ausstellung der Visuellen Kommunikation befrage ich Jalscha Römer dazu, die gerade Aufsicht hat. Leider führen alle Absolventen nur zwei Stunden lang Aufsicht, so dass ich weder heute noch nächste Woche jemanden ausfragen kann, der viel Zeit hatte, das Gästeverhalten zu beobachten. Zum Trost erklärt Jalscha mir einige Projekte, und dabei stellt sich heraus, dass ich in meinem eigenen, unbetreuten Rundgang fast jedes davon komplett falsch interpretiert habe. Eventuell ist es ohne persönliche Betreuung aussichtslos? Die Videoplätze mit den Kopfhörern helfen, sagt Jalscha, sie seien die zweitbeste Lösung gleich nach der persönlichen Erklärung.

Aber die Projekte werden ja auch nicht im Hinblick auf ihre gute Ausstellbarkeit gewählt. Auch die Note sei egal, sagt Jalscha, man nehme das Projekt einfach mit zum Vorstellungsgespräch und erkläre es dort. Wer an die Zukunft denkt, optimiert vermutlich am besten den Titel, den nur den sehen die Leute ja später im Lebenslauf: „How to Avoid ‚Roasted Husband‘“ wird sich dort ein Leben lang gut machen, „Talsperren der Schweiz“ oder „Norm braucht Vielfalt“ nicht so sehr. (Obwohl zumindest das Talsperrenprojekt ebenfalls großartig ist, wenn ich nicht wieder alles falsch verstanden habe. Das zweite wahrscheinlich auch, ich habe es nur noch nicht gesehen.)

Ich hege in letzter Zeit öfter den Verdacht, dass man eigentlich alles nur persönlich erklären kann, und zwar insbesondere dann, wenn die Personen, die etwas verstehen sollen, noch gar keine konkrete Frage haben. Selbst bei konkreten Fragen funktioniert die individuelle Antwort unangenehm viel besser. Mit dieser These spiele ich aus zwei Gründen: Zum einen sind das die Klagen der IT- und Verwaltungsmitarbeitenden der ZHdK über die Unwilligkeit ihrer Klientel, sich zum Beispiel bei technischen Problemen auf der ZHdK-Website zu informieren, anstatt sich an zufällig Anwesende zu wenden, die dann falsche Auskünfte gäben. Zum anderen die Angewohnheit praktisch aller Autorinnen und Autoren des Techniktagebuch-Blogs, niemals die vorhandene Anleitung zu lesen, sondern immer erst mal im Chat zu fragen. Nachlesen im Internet wäre dann nur ein Hilfsmittel für Situationen, in denen es vor Ort gerade niemanden zum Fragen gibt.

Aber vielleicht stimmt das auch alles gar nicht. Vielleicht sind die Anleitungen des Techniktagebuchs und der ZHdK nur zu schlecht formuliert und zu gut versteckt. Vielleicht wäre es möglich, die überwiegend ziemlich großartigen Abschlussprojekte so zu präsentieren, dass man ihre Großartigkeit auch ohne Erklärperson versteht. Jemand müsste mal eine Abschlussarbeit darüber schreiben.

 

* Formulierung absichtlich vage gehalten, denn ich kann mir nur schwer von einer Minute bis zur nächsten merken, ob ich gerade im Departement für Industrielle Interaktionsvisualisierung oder Game-Typografie die Bachelor-, die Master- oder die Diplomarbeiten betrachte.

App-Entwicklung als Stimmungsbarometer

Seit wenigen Wochen gibt es die Version 0 der ToniApp, über die Magnus Rembold, der Entwickler der App, im ersten Teil des Interviews sprach. Um die App zu realisieren, hat er ich intensiv mit den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer am Campus auseinandergesetzt. Der zweite Teil des Gesprächs mit dem «Stimmungsexperten».

 

Du hast durch die Entwicklung der App sehr viel von der Stimmungslage am Toni aufgenommen …

Ja, ich bin sicherlich mit mehr Menschen in Berührung gekommen als der durchschnittliche ZHdK`ler, auch vorher schon durch meine Arbeit in der Mitwirkung. Aber ob diese Kontakte repräsentativ sind? Hier gehen ja jetzt täglich Tausende ein- und aus. Ich kann nicht abschätzen, wie repräsentantiv meine Eindrücke sind.

 
Ganz unrepräsentativ: Wie würdest Du die Stimmungslage beschreiben?

Geteilt. Es gibt viele Mitarbeitende, die das neue Gebäude ablehnen, weil es einen «Verbotscharakter» ausstrahlt, und viele Sachen aus der verkorksten Bauphase noch nicht funktionieren: Türen, Zugang, Lüftung, Storen, Werkstatt. Einige Mängelbehebungen sind hängig, anderes verbessert sich – die Leute vom Facility Management hängen sich voll rein. Für Unzufriedenheit sorgen auch die Räumlichkeiten und der teilweise Verlust des persönlichen Arbeitsplatzes. Diese starke Entpersonalisierung und Flexibilisierung wird jetzt mit dem Toni verknüpft, und das stösst einigen bitter auf. Auf der anderen Seite finden sehr viele das neue Haus toll: Alle unter einem Dach macht schon Spass.

 
Kommst Du selbst gern ans Toni?

Ich habe eine Ecke im Departement erwischt, wo nur nette Kolleginnen und Kollegen sitzen. Alle freuen sich, begrüssen einander. Das Gebäude ist zwar ein Auswuchs an Bürokratie und Monströsität – und wir kämpfen mit vielen Fehlplanungen. Aber der Hauptwunsch, die Menschen zu vereinen und eine Synergie freizulegen, klappt für mich total! Man trifft sich auf den Fluren und in der Halle und schwätzt kurz. Man sieht Leute, die man zuvor nie gesehen hat, weil sie früher in anderen Teilen der Stadt waren. Auch die Dachterrasse ist bombastisch. Ich gucke auf die Alpen, den Prime Tower – für diesen Ausblick müssen andere Leute viel Geld bezahlen.

 
Wie würdest Du die gegenwärtige Situation am Campus beschreiben?

Wir sind angekommen, haben uns installiert. Und nun wird sich ein neues Regelwerk für die Interaktionen etablieren. So haben die Studierenden grössere Ateliers mit viel mehr Leuten drin, die Grossraumbüros sorgen für eine neue Situation. Die Luft, die Offenheit, die Transparenz – solche Themen sind neu. Was früher im Sinne eines silent agreement funktionierte, funktioniert jetzt nicht mehr. Man müsste nun interne Debatten darüber führen, wie sich die Einzelnen mit dem Spielregeln fühlen, die sich durch die neuen Raumsituationen einschleichen. Das braucht Zeit.

 
Hast Du ein konkretes Beispiel?

Für das DDE war die neue Situation gegeben, dass es nicht mehr so viele Schreibtische wie Personen gab. Das Ergebnis waren Schreibtische, die als flexible Arbeitsplätze dienen sollten. Das ist eine tolle Idee, doch wurden die Tische mit Papier- und Bücherstapeln in Besitz genommen und angeeignet. Jene Angestellten mit kleinen Arbeitspensen müssen nun woanders hingehen, arrangieren sich anders oder bleiben fern – obwohl die für sie vorgesehenen Arbeitsplätze im seltensten Fall besetzt sind. Darüber gelte es zu debattieren. Es wäre interessant herauszufinden, wie die schweigende Mehrheit damit umgeht. Es muss sich halt auch erst eine Politik entwickeln, und wir treten vermutlich gerade in eine erste Reflexionsphase ein.

 
Und auf Studierendenseite?

Manchmal wird in den Ateliers Partys gemacht. Ein Studierender hat mir kürzlich gesagt, er müsse morgens erst einmal zwei, drei Bierdosen von seinem Arbeitsplatz entfernen. Hier gilt dasselbe: Es gilt als Gruppe Regeln zu finden, auf die man sich dann berufen kann. Zum Beispiel: Party ist okay, aber am nächsten Tag muss alles sauber sein.

Thomas Schlup unterwegs im Toni-Areal

Der Kulturpublizistik-Student Thomas Schlup nutzt ein freies Mentorat für Foto-Arbeiten auf dem Campus Toni. Dieses Mal im Fokus: für e suubers Toni.

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