Interview mit Stephan Liechti

  1. Dezember 2023

Als ich das Atelier betrete sind Stephan Liechti und seine Atelierkollegen gerade in der Kaffeepause. Stephan teilt schon seit 2017 ein Atelier mit dem Grafikbüro Neeser, Müller, Görner.

Das Gespräch beginnt, indem er mir ein wenig von seinem Studium erzählt. Er zeichnete schon immer sehr gerne und viel und war deswegen bereits mit 16 Jahren an der Schule für Gestaltung in Basel. Zu dieser Zeit war es noch so: Wer gezeichnet hat, hat Grafik gemacht. Aus diesem Grund schloss er auch 1988 die Grafikfachklasse in Basel ab. «Es war noch eine ganz andere Zeit», sagte er. «Wir hatten gerade die ersten Computer. Die Schule war rückwärtsgewandt. Es waren eigentlich die Techniken der 70er Jahre, die ich gelernt habe, vom Handwerk und all dem.»

Obwohl er während der Fachklasse viel zeichnete, bemerkte er auch seine Begeisterung für Typografie und arbeitete danach erstmal als Grafiker. Seine erste Anstellung bekam er bei der Administration der Schule für Gestaltung Zürich. Später arbeitete er teils selbstständig, teils als Angestellter in der Schweiz und in Südspanien als Grafiker. Seit etwa 20 Jahren arbeitet er nur noch als Illustrator. Das grafische Wissen und die Erfahrung als Grafiker seien für ihn beim Zeichnen sehr nützlich; die Vermittlung von Information als Hauptaufgabe zu sehen und in Strukturen zu denken.

Eine erste Anstellung zu finden war für ihn nicht sehr schwer. Zu seiner Zeit gab es noch viel mehr Gestalter und noch viel mehr Berufe, in welchen Kreativität gefordert war. Er fügt aber noch hinzu, dass es wichtig sei von Anderen zu lernen, nicht nur wie man gestaltet, sondern auch wie man geschäftet. Das habe er nicht gehabt, dadurch dass er sich schnell selbstständig gemacht hat.

Seine Zeichnungen beginnt er analog mit Bleistift, dann nimmt er sie auf den Computer. Dort kann er sie ausschneiden und die Proportionen anpassen. Oft druckt er die Zeichnung hellblau aus, um eine Vorlage zu haben, auf der er weiterzeichnen kann. «Wenn man auf dem Tablet zeichnet, verliert man sich schnell in den Details», das habe er gemerkt als er einmal ein Theaterpublikum zeichnen musste. Abschliessend koloriert er die Zeichnung auf Photoshop.

 

Er findet es spannend, wie anders die digitalen Prozesse sind. Es sei eine Weile gegangen, bis er ein Tablet hatte: «Ich habe gemerkt, dass ich beim Putzen der Zeichnung mit der Maus, mehr Zeit mit Putzen als mit Zeichnen verbraucht habe.»

Er erzählt mir, dass er einige schöne Aufträge hatte aber, dass es bei Aufträgen immer sehr stark auf die Form der Zusammenarbeit ankommt. Ihm sei es wichtig, dass der Prozess zusammen gemacht wird. Er könne dann als Gestalter visuelle Ideen einbringen und mit den Kunden zusammen daran weiterbasteln, bis es stimmt. Das sei für ihn auch das Spannende an der Arbeit.

Bei einem Auftrag besteht die Gefahr, dass der Kunde Ideen hat, die nicht visuell sind. Dann würde es ihm schwer fallen daraus etwas Interessantes zu erfinden. «Deswegen», sagt er. «kann es gut sein, dass Jobs die toll herauskommen könnten, schlecht herauskommen. Und langweilige Jobs, dann trotzdem toll enden, weil sich etwas entwickelt hat»

Stephan ist auf der Webseite des Vereins «Illustratoren Schweiz» vertreten, wo ich ihn auch entdeckt habe. Dazu hat er eine Website, die viele seiner Arbeiten präsentiert. Die meisten Aufträge bekommt er dadurch oder über Leute, die seine Arbeiten kennen. Instagram habe er mal ausprobiert, aber das sei nicht so seine Welt. Instagram sei viel Zeitaufwand und er denkt nicht, dass es direkt etwas zurückgibt. «Ich denke es ist fast wichtiger an die richtigen Feste zu gehen und über die richtigen Witze zu lachen.»

Mich interessiert der Auftrag für das Bau- und Verkehrsdepartement Kanton Basel-Stadt. Bei den Dialogtagen 2023 diskutierten viele verschiedene Menschen über die städtebauliche Zukunft des Kantons. Stephan hatte den Auftrag die Podiumsdiskussionen vor Ort zeichnerisch zu protokollieren. Dabei wurde sein Zeichnen direkt für alle sichtbar auf eine Wand projiziert.

Am Anfang war es für ihn unangenehm: «Hier im Atelier wenn etwas schief geht, zeigt man es nicht und kann es nochmal neu versuchen. Ich bin mir sehr kindlich vorgekommen, so Telefonkritzeleien zu machen. Aber jetzt habe ich ein bisschen mehr Selbstvertrauen.» Er fände es aber sinnvoll, weil so der ganze Ablauf der Diskussion in Erinnerung bleibt.

Er zeigt mir eine andere Arbeit, bei der es um Architektur ging: «Mich beschäftigt die Frage, für was das Zeichnen heutzutage noch sinnvoll ist. In der Architektur erfüllt sie einen Zweck, weil die Zeichnung in sich die Mitteilung hat, dass es eine Idee ist, die sich am Entwickeln ist. Bei einem realistischen Rendering beginnt sofort eine Diskussion um Details, während eine Zeichnung klarer definieren kann, worin die grundsätzliche Idee besteht.»

Ich möchte mich sehr herzlich bei Stephan Liechti bedanken für den Einblick in sein Atelier, seine Arbeitsweise und Erfahrungen. Ich empfehle jedem einen Besuch auf seine sehr sorgfältig und schön gestaltete Webseite, welche eine grosse Bandbreite an Illustrationen zeigt.

https://www.s-liechti.ch

Die Zitate wurden vom Schweizerdeutschen übersetzt.

Vermittlung im Stapferhaus – Ein Interview mit Celia Bachmann

„Ich habe eine Stelle im Haus, bei der ich alle kenne – es ist wirklich eine Schlüsselstelle, an der viele Fäden zusammenkommen.“

Celia Bachmann kennt alle im Stapferhaus, ein Ausstellungsraum, der relevante, aktuelle Fragen anspricht. Dazu bietet der Raum Platz für Referate, Workshops und vieles mehr.

Celia arbeitet dort als Leiterin des Vermittlungsteams. Ihr Job ist es, didaktische Materialien zu Ausstellungen auszuarbeiten, die Rundgänge durch die Ausstellungen zu konzipieren und das Vermittlungsteam zu coachen. Dazu braucht sie Kontakt zu allen Stellen des Stapferhauses – sie arbeitet sowohl mit dem Inhaltsteam, dem Betrieb und der Kommunikation. Sogar mit dem Bistro und Kasse hat sie Kontakt: da diese Stellen nah am Publikum sind, können sie ihr gutes Feedback geben.

 

Die Arbeit in Zyklen

Sie ist seit 4 Jahren in ihrer aktuellen Stelle im Stapferhaus, und trotzdem ist jeder Arbeitsalltag unterschiedlich.

„Ich glaube, was mir an meinem Job gefällt, ist, dass er so vielfältig ist. Keine Woche ist die gleiche.

Sie beschreibt ihren Arbeitsalltag als einen Zyklus bestehend aus mehreren Phasen. Im Moment läuft die aktuelle Ausstellung zu Natur, und somit verbringt sie viel Zeit damit, das Vermittlungsteam zu coachen. Das Vermittlungsteam sind bis zu 7 Praktikant:innen, die in der Ausstellung sind und Führungen machen. Celia ist es wichtig, sie eng zu begleiten, damit sie von ihrem Praktikum viel lernen.

Parallel dazu läuft schon die Vorbereitung für die nächste Ausstellung. Das Thema der Ausstellung, die im November 2024 eröffnet, steht: Es wird sich um Gesundheit handeln. Das Inhaltsteam ist schon an der Umsetzung, und dort muss sie mitdenken. In dem Zusammenhang macht sie eigene Recherchen: sie schaut im Lehrplan, wo sich das Thema verankert, nimmt mit Lehrpersonen Kontakt auf, um zu verstehen, was für sie am Thema spannend ist, und schaut nach, was für Angebote es zum Thema schon gibt. Sie macht sich Gedanken darum, was das Thema für verschiedene Interessensgruppen bedeutet: Was versteht zum Beispiel ein Kind unter Gesundheit? Was Erwachsene? Diese Erkenntnisse bringt sie dann direkt in das Inhaltsteam mit ein.  Die Vermittlung ist ab Start der Ausstellungskonzeption dabei.

In der nächsten Phase, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung, wird der Raum drei Monate lang umgebaut. Während der Umbauphase ist kein Vermittlungsteam vor Ort, was Celia enorm entlastet und ihr Zeit lässt, didaktische Konzepte zu schreiben und die Rundgänge zu planen. Gleichzeitig schreibt sie die Stellen für das nächste Vermittlungsteam aus.

„Wenn die Ausstellung aufgeht, ist es für mich das stressigste Moment, da ich dann merke, ob was ich auf dem Papier gedacht habe auch funktioniert.“

Nach der Vernissage wird als erstes geschaut, wie das Publikum mit der Ausstellung interagiert – mit dem neuen Vermittlungsteam werden möglicherweise die Rundgänge angepasst. Erst wenn die Ausstellung eröffnet ist, werden die didaktischen Materialien sowie die Workshops richtig ausgearbeitet – die Konzepte dazu gibt es schon, aber damit beides so nah wie möglich an der aktuellen Ausstellung ist, werden sie erst nach der Eröffnung der Ausstellung ausgearbeitet.

Wenn diese stressigste Phase vorbei ist und die Ausstellung sich eingependelt hat, coacht sie das Vermittlungsteam und recherchiert zum nächsten Thema: Der Zyklus startet erneut.

 

Keine Zeit fürs Zeichnen

Hat sie mit dem Ganzen überhaupt noch Zeit für eigene gestalterische Arbeiten? Leider nicht, meint Celia, ausser bei kleinen persönlichen Projekten kommt sie momentan fast nicht zum Zeichnen. Das fehlt ihr schon, aber es ist gleichzeitig eine bewusste Energieeinteilung. Sie macht nach der Arbeit lieber Sport oder Musik, wenn sie nicht gerade mit ihren Kindern ist.

„Ich weiss ja, es kommen Zeiten, wo es wieder mehr möglich wird, von dem her ist es auch nicht mega schlimm. Man muss auch akzeptieren, dass man nicht alles machen kann. Man muss akzeptieren, dass man vielleicht in einer Lebensphase ist, wo das einen weniger hohen Stellenwert bekommt.

Im Studium hat sie aber nicht nur Zeichnen gelernt, betont sie. Ein Ausstellungsaufbau ist auch kreative Arbeit.

„Ich glaube, dass, was man beim kreativen Arbeiten lernt, ist im Denken beweglich zu bleiben. Über Grenzen zu denken. Ich glaube das Gestalten, das Zeichnen, das etwas auf das Papier bringen, und das kreative Denken hilft auch bei einem Ausstellungsaufbau: Wie gehe ich eine Ausstellung an, wie soll sie aussehen? Da hilft mir das kreative Denken, das man durch das Zeichnen und Gestalten lernt. Das kann ich im Team einbringen, auch wenn es kein Zeichnen auf Papier ist.“

 

Von Kleinpensen nach Paris und zurück nach Zürich

So ausgewogen, wie Celias Arbeitsalltag heute scheint, war er aber nicht immer. Als sie 2010 ihren Master in Art Education an der ZHDK absolvierte, hat sie viele verschiedene Stellen gehabt: Sie hat an verschiedenen Kantis Vertretungen gemacht und ein Praktikum am Stapferhaus bekommen, das ihr danach ermöglichte, kleine Aufträge vom Stapferhaus zu bekommen. Ein bisschen später hat sie angefangen, Zeichnen an der ZHDK zu unterrichten und unterstützte zusätzlich Peter Radelfinger in der Publikation von seinem Buch So Wohl als Ob.

„Parallel dazu habe ich Akryl-Malkurse gegeben. Das ist lustigerweise mein einziges festes Standbein gewesen. Immer am Dienstagabend bei uns in der Gemeinde, wo ich aufgewachsen bin, in Oberhasli. Das ist meine einzige konstante Einnahmequelle gewesen, und sonst hat sich alles immer bewegt.“

Die Phase beschreibt Celia als besonders anstrengend. Viele verschiedene Stellen nebenbei zu haben bedingt ein ständiges Umdenken, erklärt sie, und auch wenn sie auf Papier mehr oder weniger 100% arbeitete, war die psychische Belastung viel höher. Trotzdem meint sie, nie gezweifelt zu haben, dass sie Einkommensquellen findet.

„Ich habe immer nicht gewusst, wie es weiter geht, aber trotzdem das Vertrauen gehabt, dass es irgendwie schon weiter geht, wenn man offen und neugierig bleibt.“

Mit dieser Einstellung ist sie mit ihrem Partner nach Paris. Am Anfang war es für sie schwer, Fuss zu fassen, da das Schweizer System im Ausland kaum bekannt ist. In Paris konnte sich niemand etwas unter dem Stapferhaus oder der ZHDK vorstellen. Somit machte sie erst Führungen für Touristen, bis sie eine Stelle an der renommierten Hochschule Sciences Po als Zeichenlehrerin bekam. Diese Universität im Lebenslauf stehen zu haben öffnete ihr viele Türen, und sie fing an, in der Vermittlung im Palais de Tokyo zu arbeiten. Dies hat ihr enorm viel Spass gemacht hat, und hat ihr zusätzlich ermöglicht, französisch zu lernen.

Die Entscheidung, nach drei Jahren zurück nach Zürich zu ziehen, trafen ihr Partner und sie, als sie ihr erstes Kind bekamen. Die Schweiz hat viele Vorteile für Kinder und Familie, meint sie. Das sie direkt eine Stelle am Stapferhaus bekam, war Zufall.

Sie meint, dass viele Leute denken, 80% zu arbeiten und Kinder zu haben sei viel, aber für sie fühlt es sich jetzt endlich «aufgeräumt» an. Im Vergleich zu allem, was sie zuvor machte, hat sie jetzt eine Balance gefunden, die sich für sie nach vier Jahren immer noch neu anfühlt.

Interview mit Lucille Solomon

An einem kalten Mittwochnachmittag Anfangs Januar, wartete ich am Bahnhof in Olten auf Lucille Solomon. Gespannt las ich meine Fragen nochmals durch, dann kam mir Lucille bereits entgegen. Ich hatte vor ein paar Jahren ein Interview mit ihr für meine Maturaarbeit geführt und freute mich, sie wieder zu sehen.

Wir gingen in den Starbucks, holten uns ein Getränk und begannen dann mit dem Interview.

Lucille beendete ihr Studium an der ZHdK 2013 und arbeitet seitdem als wissenschaftliche Illustratorin mit dem Fokus auf medizinische Visualisierungen. Sie empfindet ihre Anstellung als stark spezialisiert, da sie einen wiederkehrenden Bereich von Kunden aus der Neurochirurgie und der Orthopädie hat. Diese Spezialisierung ergab sich mit der Zeit, da sich ihre Arbeit in den Kreisen der Kunden herumgesprochen hatte und ist für Lucille von grosser Wichtigkeit.

„Bei jedem Auftrag erweitert sich mein Wissen über den jeweiligen spezifischen Bereich, was für den nächsten Auftrag sehr hilfreich ist. Einerseits für den Kunden, anderseits auch für mich selbst.“

Da ich mich sehr für die medizinische Illustration interessiere, war es für mich sehr spannend Einblicke in ihren Berufsalltag zu bekommen. Lucille arbeitet nicht hauptsächlich selbstständig. Seit 8 Jahren ist sie in einem 20% Pensum bei einem plastischen Chirurgen angestellt, wo sie unteranderem die Operationsplanung und -simulation von Implantate visualisiert. Zudem arbeitet sie noch als Grafikerin. Die Kombination von Teilzeitanstellung und Selbstständigkeit bedeutet für sie mehr Sicherheit und eine freiere Auswahl bei Aufträgen.

Wir haben uns ausserdem über die Herausforderungen unterhalten, welche einem als wissenschaftlicher Illustrator begegnen können. Ich fragte bei Lucille nach, was für sie die grössten Herausforderungen waren. Für sie stellten hauptsächlich die Verhandlungen mit den Kunden oder auch Zeit- und Kosteneinschätzungen eine Herausforderung dar. Das Einhalten von Deadlines ist dabei weniger ein Problem, da die Aufträge meistens über eine längere Zeitspanne dauern und nicht von heute auf morgen fertiggestellt werden müssen. Direkt nach dem Studium stellte sich ihr die Schwierigkeit herauszufinden, wie viel Zeit ein Auftrag beansprucht.

 „Damit meine ich auch Zeiten, welche man sich selbst setzt, … nicht, dass man am Ende plötzlich 3x so lange für einen Auftrag braucht, wie man berechnet hat. Das sind aber alles Sachen, welche man mit der Zeit lernt.“

Gerade in der aktuellen Post-Corona Zeit, hört man immer noch häufig, wie die Pandemie gewissen Berufsbranchen geschadet hat und dass sich manche immer noch nicht davon erholt haben. Ich habe mich gefragt, ob die Auswirkungen der Pandemie auch für Lucille spürbar waren. Ihre Antwort darauf war positiv.

Veränderungen habe sie keine gespürt, im Gegenteil sogar. Sie sieht die Nachfrage nach wissenschaftlichen Illustrationen als stetig wachsend an. Was ihr jedoch Bedenken gibt, ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und wie diese die Zukunft verändern wird.

„…was die Bildgeneration anbelangt, so ist es für alles medizinische/wissenschaftliche noch nicht gut genug, unvollständig und nicht korrekt, was für uns gut ist. Es bleibt aber ein Fragezeichen, was sein wird, wenn die Darstellung mal korrekt sein wird…“

Ganz optimistisch blickt sie der Zukunft von KI nicht entgegen, da sie nicht aufhaltbar ist. Es gibt aber digitale Anwendungen und Softwares, welche für sie von grosser Wichtigkeit sind. Lucille arbeitet häufig in Kombination mit Photoshop und 3D Programmen wie Cinema 4d, Blender oder ZBrush. Wie ihr Arbeitsprozess hier aussieht, hat sie mir näher erklärt.

„Ich verwende es sehr gerne bei organischen Strukturen, welche ich in Cinema, Blender oder ZBrush modelliere und beleuchte und dann als Grundlage weiterverwende. Ich weiss nicht, ob du das einte Bild gesehen hast wo ein Hirnstamm abgebildet ist mit einem Tumor und einer Hand. Das ist ein gutes Beispiel, wo der Stamm in ZBrush modelliert wurde. {} Diese Arbeitsweise ist für mich auch zeiteffizienter, als wenn ich alles versuchen würde zu illustrieren.“

Lucille erzählte mir weitere Details über den Entstehungsprozess der einzelnen Elemente der Visualisierung, was mich sehr faszinierte. Das Werk, auf welches sie sich bezog, gehört nämlich zu meinen Lieblingswerken von ihr und es war äusserst spannend zu erfahren, wie der Entstehungsprozess abläuft.

Langsam neigte sich das Interview dem Ende zu und ich hatte noch zwei ungestellte Fragen. Da Lucille bereits viel Erfahrung sammeln konnte, wollte ich sie unbedingt nach ihrer Meinung fragen, wovon Studierende von Knowledge Visualization während dem Studium am meisten profitieren können.

Lucille betrachtet das Erlernen neuer Softwares als eine der wichtigsten Möglichkeit während dem Studium. Im Berufsalltag fehle es einem oft an Zeit nebst den Aufträgen noch eine neue Software zu erlernen und damit zu experimentieren. Für sie war es besonders hilfreich, dass sie Cinema 4d im Studium erlernt hatte. Aber auch andere Z-Module wie die Darstellung und eigene Präsentation auf der Webseite war für sie sehr hilfreich.

Als Abschluss fragte ich Lucille wie ihr Traumprojekt aussehen würde.

„Das wäre wahrscheinlich eine Art Anatomieatlas. Ein gedrucktes Buch, welches ich hauptsächlich illustrieren dürfte.“

Ihr Traum, einen Anatomieatlas zu illustrieren, finde ich sehr spannend und ich hätte bei dieser Frage vermutlich gleich geantwortet.

Nach dem Ende des Interviews blieben wir noch kurz im Starbucks, tranken unser Getränk und sprachen über weitere Aspekte der medizinischen Illustration, wie auch meinen bisherigen Erfahrungen im Studium. Für mich war es sehr schön, Lucille wiederzusehen und mich mit ihr austauschen zu können. Leider neigte sich dann langsam die Zeit dem Ende zu und wir begaben uns auf den Heimweg.

An dieser Stelle bedanke ich mich vielmals bei Lucille Solomon für die Durchführung des Interviews, ihre Offenheit und den Einblicken in ihre Arbeit. Ich habe viel neues gelernt, was ich während dem Studium und auch später im Berufsalltag mit auf meinen Weg nehmen werde.

Webseite: https://www.medizinische-illustration.ch

Instagram: https://www.instagram.com/lucille.solomon/?hl=de

Quellen:

Abb. 1: Portfolio Neurochirurgie  (https://www.medizinische-illustration.ch/neurosurgery

Abb. 2: Illustration des Hirnstamms   (https://www.instagram.com/p/CaaICeWMEGr/?hl=de)

 

Interview mit Livia Enderli

«Man muss sich immer wieder neu erfinden. Du musst dich anpassen. Du musst schauen, was kann ich mit meinen Skills noch machen – was unterscheidet mich von anderen.»

Livia Enderli hat viel Erfahrung im traditionellen Berufsbild einer wissenschaftlichen Illustratorin gesammelt. Einerseits durch Praktika im Tierspital, in der Medizintechnik und in der Schönheitschirurgie, aber auch durch ihre langjährige Tätigkeit beim Archäologischen Amt Thurgau, wo sie unter anderem für die Datenbankverwaltung verantwortlich war.

Zu jener Zeit befand sich alles im Wandel – Fotos aus Analog-Sammlungen wurden erstmals digitalisiert, es gab neue 3D-Daten, für deren Archivierung es noch keinen festgelegten Industriestandard gab. Dennoch ist es schwierig in einer so grossen Institution wie einem staatlichen Betrieb, schnell zu reagieren, da jeder Entscheid erst durch mehrere Instanzen abgesegnet werden musste.

Klassische Objektzeichnungen von Funden, die Teilnahme an Ausgrabungen und Profilzeichnungen im Feld gehörten zu ihrem Alltag. Digitales Arbeiten mit Programmen wie CAD, GSI oder Photogrammetrie erlernte sie durch die Routine schnell.

Das Interesse am 3D-Bereich der Visualisierung ist des Weiteren etwas, mit dem sie bereits bei ihrem Bachelorprojekt erste Erfahrungen gemacht hat. Mit ihrer Arbeit «The Boy of Teshik-Tash» hat sie es sich zum Ziel gesetzt, das falsche Bild des Neandertalers als gedankenlosen Affen zu verbessern. Durch die Kooperation mit Museen und dem Scan eines Schädels erstellte sie eine 3D-Visualisierung eines Neandertaler-Jungen, die ihn als intelligentes Wesen zeigt und uns auf Augenhöhe begegnet.

Trotz dieser Erfahrung war der Einstieg in die Berufswelt nicht immer einfach. Praktika und Empfehlungen dienten schlussendlich als Türöffner in die Festanstellung. Sie arbeitete während fünf Jahren an der Seite von Archäolog*innen, Wissenschaftler*innen und vielen anderen, die in dieser Branche beschäftigt waren.

Und obwohl sie ihre Stelle in der Archäologie inhaltlich extrem interessant fand, merkte sie, dass es Zeit für eine Neuerung war.

«Nach drei Jahren im Amt habe ich gemerkt, ich muss etwas ändern. Inhaltlich war es extrem interessant und ich habe so viel Potenzial gesehen, um spannende Arbeiten zu machen, aber ich wollte schneller Veränderungen spüren.»

Das führte zu ihrem Entschluss, noch den Master in Knowledge Visualization an der ZHdK abzuschliessen. Mit ihrer Arbeit «Versunkene Landschaft» steuerte sie erstmals in die Richtung von Service-Design. Auf die Frage, ob sie es wieder in der gleichen Reihenfolge tun würde, antwortete sie mit einem klaren Ja, da ihr die Arbeitserfahrung die erforderliche Selbständigkeit für das Masterprojekt sehr erleichtert hat.

Ein treibender Faktor für ihren Karriere-Umschwung war die Neuorientierung und die Motivation, in eine andere Rolle zu schlüpfen, die sie durch den Master erfahren hat.

«Ich wollte selbst Inhalte liefern und nicht nur ausführend sein.»

Mit dem Wechsel vom kantonalen Amt zu einer internationalen Firma beschreitet sie jetzt diesen neuen Pfad. Den Weg zu dieser Anstellung im Design-Research- und Service-Design-Branch in der Firma «Accenture Song» öffnete sich ihr durch ihr Masterprojekt. Da sie sich bereits davor mit Themen der Digitalisierung und Datenverwaltung beschäftigt hat, konnte sie die erforderliche Erfahrung in diesem Bereich aufweisen.

Accenture ist grundsätzlich ein Tech-Consulting-Unternehmen, das aber weitläufige Kompetenzen aufzuweisen hat und über grosse, eigene Designabteilungen verfügt.

«Und Accenture macht alles. Es ist die drittgrösste Firma der Welt, wenn man die staatlichen Firmen nicht mitzählt.»

Livia kommt nun ins Spiel, wenn sich Firmen digital umstrukturieren. An der Seite von Strategy-Consultants spricht sie mit den Kund*innen, findet heraus, was man verbessern muss, um deren Arbeitsalltag effizienter zu machen – und welche digitalen Produkte dafür notwendig sind. Danach gehört es ebenfalls zu ihrer Aufgabe, Vorschläge zu liefern, wie man die jeweiligen Produkte aufbauen könnte und nach Möglichkeiten das Designen und Fertigstellen. Ihr Alltag ist also grösstenteils von Kundenworkshops, Interviews und Creative-Sessions mit anderen Designer*innen geprägt. Konzeptvisualisierungen und das Illustrieren von Forschungsstudien sind an diesem Punkt die einzigen Schnittpunkte mit dem klassischen Berufsbild.

Die grösste Herausforderung, in der sie zugleich eine Chance sieht, ist die starke Interdisziplinarität ihrer aktuellen Arbeit, bei der man zum Teil mit schwierig zu vereinbarenden Arbeitskulturen in Kontakt kommt. Dazu kommt, dass die sofort spürbaren Schwankungen des Wirtschaftsmarktes von einem stärkeren Risiko zeugen als ihre vorherige Tätigkeit.

Das Zitat vom Anfang kommt erneut ins Spiel, als ich sie nach künstlicher Intelligenz frage. Sie gibt mir auf den Weg, dass die Persönlichkeit einen wertvoll macht und erklärt, dass sie trotz der massiven Veränderungen für den Berufsstand den Entwicklungen sehr positiv gegenübersteht und vielversprechende Chancen sieht. KI wird bei ihrem Job täglich verwendet, beschleunigt Arbeitsprozesse und ist eine gute Grundlage, um die eigene Kreativität anzustossen. Wie bei den Programmen, die sie zuvor für die Schule oder digitale Vermessungen neu erlernt hat, ist es wichtig, auf dem neusten Stand zu bleiben.

Für die Zukunft strebt Livia an, mehr Leadership-Erfahrungen sammeln zu können und beispielsweise zu Project-Lead aufzusteigen. Auch das Thema Zukunftsforschung interessiert sie sehr.

 


Herzlichen Dank an Livia für die Möglichkeit, ein so spannendes Gespräch führen zu können!

 

Interview mit Jeanne Peter

„Jetzt bin ich wieder normale Zeichnerin und bin total happy.“

Als ich Jeanne Peter per Mail für ein mögliches Interview kontaktierte, kam eine Stunde später schon eine Antwort. Mit einer so schnellen Reaktion habe ich überhaupt nicht gerechnet, dies hat mich überrascht und gefreut.

Am Mittwoch, dem 29.11.2023 werde ich beim Tierspital Zürich von Jeanne herzlich in Empfang genommen. Sie führt mich an dem Büro der IT vorbei zu ihrem Arbeitsplatz, welchen sie aktuell mit einer Grafikerin teilt.

Ihr Arbeitsplatz ist mit den unterschiedlichsten und spannendsten Dingen belegt, kleinere Arbeiten, Prototypen aus dem 3D-Drucker, Schleichfiguren, Tierschädel, zwei Bildschirme und einem 3D-Drucker. Es ist ein Atelierplatz wie ich ihn mir von einer wissenschaftlichen Zeichnerin vorstelle. Unter ihrem Arbeitstisch kommt ihr Hund Philip kurz hervor, begrüsst mich und legt sich wieder in sein Körbchen.

 

In einem Nebenzimmer haben wir etwas mehr Ruhe und sie erzählt mir von ihrem Werdegang als wissenschaftliche Illustratorin, wie sie zum Tierspital kam und was für Arbeiten im Alltag auf sie warten.

Jeanne arbeitet nun seit mehr als 35 Jahren am Tierspital als wissenschaftliche Illustratorin. Dass sie diese Stelle bekam, war ein reiner Zufall und schätzt sie bis heute sehr. Damals wurde für ein Buch eine Illustratorin gesucht und an die ZHdK eine Anfrage für eine 50%-Stelle am Tierspital, gesendet. Jeanne hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon einen Auftrag gehabt, der aufgrund ihrer Abschlussarbeit zustande kam. Doch der Auftraggeber sprang kurzfristig ab und Jeanne war die Einzige, die nach dem Studium keinen Auftrag in Sicht hatte.

Das Angebot dieser 50%-Stelle klang sehr verlockend, doch auch sehr einschüchternd. Die damals 22-jährige Jeanne traute sich trotzdem zu bewerben und setzte sich schlussendlich gegen ihre älteren, berufserfahrenen Mitstreiter*innen durch. Um den Lebensunterhalt finanzieren zu können nahm sie neben der 50%-Stelle am Tierspital zusätzlich externe Aufträge an, gab Zeichnungskurse und war als Dozentin an der ZHdK tätig.

Sie arbeitete zuerst als Zeichnerin in der Anatomie-Abteilung und wechselte dann mit einem 80%-Pensum in die Grafikabteilung, wo sie dann auch die Leitung übernahm.

Seit kürzerem hat sie die Leitungsfunktion wieder abgegeben. „Jetzt bin ich wieder normale Zeichnerin und bin total happy“, erzählt sie mir. So bleibt ihr jetzt wieder mehr Zeit für andere Dinge. Gerne würde sie wieder ein Zeichnungskurs für Kinder und Erwachsene anbieten, wie sie dies schon einmal tat.

Auf die Frage, ob es ihr nach 35 Jahren am Tierspital vielleicht nicht langweilig werde, verneint sie. „Die Medizin lebt ja davon, dass sie immer wieder Grenzen schiebt und neue Methoden entwickelt, die heute aktuell erscheinen und in paar Jahren, durch neue Erkenntnisse schon wieder veraltet sind“.

Als wissenschaftliche Illustratorin zieht man immer mit dem Erkenntnisgewinn der Forschung mit. Dadurch wird die Arbeit für Jeanne nie eintönig oder uninteressant.

Die Vielfalt an Tierarten, die Zusammenarbeit mit den Tierärzten und die unterschiedlichen Themengebiete, die erforscht werden können, ermöglichen es immer wieder etwas Neues zu lernen. Das Einzige, was es manchmal schwierig macht, ist der Austausch mit Kollegen, der einem fehlt. Den müsse man sich nach dem Studium selbst organisieren, erzählt sie mir.

„Unser Job ist es einzuladen und hinzuschauen … dies kann durch Schärfe, Unschärfe, durch warm, kalt, weglassen, konzertieren … gesteuert und für den Betrachter ansprechbar und interessant gemacht werden. Die wissenschaftliche Illustration kann viel weitergetrieben werden als eine Fotografie.“

Dass eine Veterinäre Fakultät eine eigene Grafikabteilung und fixe Stellen hat, ist sehr ungewöhnlich. Trotzdem ist es manchmal schwierig, sich in diesem Beruf, gerade am Tierspital, Sichtbarkeit zu verschaffen. Um diese muss immer noch gekämpft werden, erklärt mir Jeanne.

Da kam mir gleich die Situation in den Sinn, als ich in meinem Team am Tierspital Zürich nachfragte, wo das Büro von Jeanne Peter sei. Obwohl die Notfall-Abteilung, in der ich als TPA arbeite, nur ein Gebäude entfernt liegt, wusste niemand wo das Grafikbüro ist, geschweige denn wer Jeanne Peter sei. Und da zeigt sich schon, dass selbst intern um Sichtbarkeit gekämpft werden muss.

Es war eine spannende und eindrückliche Begegnung, ein offenes, lebendiges Gespräch. Auch das Tierspital aus einem anderen Blickwinkel erleben zu dürfen hat mich beeindruckt. Ich erhoffe mir, dass dieser Beruf, ob im Tierspital oder auch anderswo, mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit erhält.

Danke Jeanne, dass ich einen Einblick in deine Welt erhalten durfte!

Einblick in die facettenreiche Welt der Visualisierung: Ein Interview mit Ida Künzle

Ida Künzle, frischgebackene Absolventin des Masterstudiengangs Knowledge Visualisation an der ZHdK, hat bereits den Sprung in die Arbeitswelt geschafft. Ihre Reise führte sie von Thun nach Zürich, wo sie nun als Visual Designerin beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF tätig ist. In einem faszinierenden Interview gewährt sie Einblicke in ihre vielseitige Karriere, erzählt von inspirierenden Projekten und teilt einige Gedanken über die Kunst des visuellen Erzählens.

Lieblingsprojekte und Spezialisierung

Ida betont die Vielseitigkeit ihres Schaffens und erklärt, dass die Wahl des Mediums von Projekt zu Projekt variiert. Sie schwankt zwischen traditionellen Medien wie Bleistift und Papier und modernen Tools wie dem iPad. Idas Lieblingsprojekte spiegeln ihre Vielseitigkeit wider. Die Auswahl fiel ihr schwer, denn ihre Projekte erstrecken sich von persönlichen künstlerischen Werken bis zu Visualisierungen im Bereich der Wissensvermittlung.

Ein herausragendes Projekt ist Idas Masterarbeit «Visible Vision», bei der sie sich erstmals mit 3D-Visualisierung auseinandersetzte. In einer Animation mit 3D-Modellen erklärt sie für ein breites Publikum den Wirkungs-mechanismus einer Therapie gegen eine spezifische Art von genetischer Erblindung. Diese intensive Erfahrung war für Ida inspirierend und führte zu einem beeindruckenden Lernprozess.

Ein anderes bemerkenswertes Beispiel ist eine dreiteilige Serie grossformatiger illustrativer Bleistiftzeichnungen aus dem Bachelorstudium, welche das Thema Zuhause untersuchen. Das Spiel mit Perspektiven und die Freiheit der Zeichnung haben diese Arbeit für Ida besonders speziell gemacht. Eines der drei Bilder hängt jetzt stolz an Idas Wohnzimmerwand.
Später fällt Ida noch ein weiteres, sehr emotionales Projekt ein, das während des ersten Lockdowns in der Schweiz während der Covid-19-Pandemie entstanden ist. Dabei handelt es sich um eine gezeichnete Reportage, für die sie mit Menschen in verschiedenen Umgebungen wie Einkaufsläden, Spitälern oder auch in einer Notschlafstelle gesprochen hat. So gewann sie eindrucksvolle Einblicke in das Leben von Menschen in verschiedenen Situationen. «Durch das Zeichnen, sowohl in diesem Projekt als auch im Allgemeinen, habe ich viele einzigartige Erfahrungen gemacht. Es ermöglichte mir, mit Personen zu sprechen, die ich sonst nie getroffen hätte, und Dinge zu hören, die mir sonst entgangen wären. Es ist nicht nur eine Beschäftigung zum Geldverdienen, sondern bereichert mein Leben und verändert meine Sichtweise darauf»

Diese 3 Arbeiten («Visible Vision», «Zuhause» und «Lockdown») und viele weitere sind auf ihrer Webseite www.idaillustration.ch zu finden.

Online-Präsenz

Die meisten Designer: Innen haben heutzutage eine Webseite für ihr Portfolio, einschließlich Ida. Wenn ihre Projekte veröffentlicht werden, ermöglicht ihre Webseite potenziellen Kund: Innen Einblicke in ihre anderen Arbeiten. Sie betrachtet ihre Webseite aber nicht unmittelbar als ein Werkzeug zur Selbstvermarktung. Die Mehrheit ihrer Aufträge stammt aus persönlichen Empfehlungen, ihrer Ausbildung oder ihrem eigenen Netzwerk.In den sozialen Medien präsentiert sie ihre Arbeiten bewusst nicht. Insbesondere auf Instagram verzichtet sie auf Beiträge, da sie darin keinen Mehrwert sieht. Zudem stellt sie sich die Frage des Copyrights. «Was will ich mit Social Media erreichen, was ist das Ziel? […] Ich finde, die Arbeit verliert ihren Wert, wenn man einfach immer alles postet. Ausserdem gefällt mir nicht, die Kontrolle darüber zu verlieren, wer meine Bilder kopiert oder weiterverwendet.»

Masterstudium an der ZHdK

Ida entschied sich für das Masterstudium mit dem klaren Ziel, später in der Animationsbranche zu arbeiten. Ihr Interesse an medizinischer Illustration und Animation führte zu einem Forschungs-Projekt, welches ihre Fähigkeiten weiterentwickelte und sie gut auf den Übergang in die Arbeitswelt vorbereitete. «Früher dachte ich, dass ein Masterabschluss für meinen beruflichen Erfolg nicht unbedingt erforderlich ist und es hauptsächlich auf ein beeindruckendes Portfolio ankommt – was grundsätzlich auch richtig ist. Das Master-Studium hat mir jedoch nicht nur ein gutes Projekt für mein Portfolio gegeben, sondern auch weitere technische Fähigkeiten vermittelt. Letztlich qualifiziert mich der Masterabschluss zusätzlich und kann bei Bewerbungen positiv hervorstechen. Wenngleich der Master keine zwingende Voraussetzung ist, hat er mich meinem Ziel näher gebracht»

Alltag und Projekte beim SRF

Im Verlauf ihres Masterstudiums stieß Ida auf die Ausschreibung von SRF und erkannte, dass diese Position perfekt ihren Interessen entsprach. Dank ihrer Erfahrungen aus früheren Anstellungen, darunter auch eine Tätigkeit als Grafikerin und Werbetechnikerin im Ausstellungsmanagement der Universität Zürich, sowie ihrem Studium erfüllte sie die erforderlichen Qualifikationen.

Ida ist derzeit in einer Vollzeitposition mit einem Pensum von 100% bei SRF angestellt. Das „Visual Design“ Team, dem sie angehört, besteht aus 25 Mitgliedern. Innerhalb des Teams herrscht eine positive Feedback-Kultur. Die Hintergründe der Teammitglieder sind vielfältig. Entscheidend ist vor allem das Verständnis für visuelle Erklärungen sowie das Interesse an Illustration und Grafik. Die Beherrschung technischer Fertigkeiten ist ebenso von Bedeutung, da der Umgang mit verschiedenen Programmen erforderlich ist. Ida hat die Aufgaben bei SRF in drei Hauptbereiche unterteilt:

  • «News»: Aufgaben für Nachrichtensendungen wie «10vor10» oder «Tagesschau», die meistens nicht länger als zwei Stunden dauern. Die Aufgaben umfassen u.a. die Erstellung von Diagrammen, Karten oder kurzen Erklärvideos.
  • «Content»: zweiwöchigen Projekten für Magazine wie «Puls» oder «Einstein», längere 2D- oder 3D-Animationen. Beispielsweise wurde kürzlich ein Video von ihr zum Thema Veneers auf Puls veröffentlicht (https://www.srf.ch/play/tv/puls/video/veneers-bleaching- und-co—-der-hohe-preis-perfekter zaehne urn=urn:srf:video:a22e6fd5-54c4-47a3-bf15-48773a10ad21), oder eine 2D-Animation zum Thema Meditation. (https://www.srf.ch/play/tv/puls/video/meditation— lebenshilfe-oder geldmacherei?urn=urn:srf:video:88cda97c-7455-4ec4 b666-17885710f1f4)
  • «Corporate»: längere Projekte für Erscheinungsbilder oder Intros von neuen Sendungen, wie «Neumatt», «Tschugger» oder «Kids-School».

Da SRF ein klares und konstantes Erscheinungsbild will, gibt es viele Stilvorgaben und Regeln. Die kreative Arbeit besteht in den Content-Projekten laut Ida mehr im Storytelling. «Was mir bei SRF gefällt, ist dass ich das umsetzen kann, was mich am Design am meisten interessiert – nämlich wie man einen Inhalt komprimieren und für eine spezifische Zielgruppe möglichst verständlich visuell aufbereiten kann. Ob ich dies mit einem Icon, einer Illustration oder einem 3D-Modell erreiche, erfordert logisches Denken und die Fähigkeit, Inhalte schnell zu erfassen und zusammenzufassen.»

Gerichtszeichnen als Herzensarbeit

Ida übt nicht nur ihren Beruf bei SRF aus, sondern widmet sich gelegentlich auch dem Gerichtszeichnen. Ihre Werke finden oft ihren Weg in Zeitungen wie dem „Tages-Anzeiger“. Die Leidenschaft für das Gerichtszeichnen entfaltete sich während eines Zeichenmoduls ihres Bachelor-Studiums. Das, was sie daran fasziniert, entspricht genau dem, was sie auch sonst am Zeichnen so interessant findet – die Beobachtung von Menschen und das Einfangen von Charakteren. «Als ich erstmals die Gelegenheit hatte, für eine Zeitung im Gerichtssaal zu zeichnen, ging für mich ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Die Spannung im Gerichtssaal, das Aufeinandertreffen verschiedener Welten und die faszinierenden Charaktere, die ich dort beobachte, schaffen eine einzigartige Szenerie. Das Zeichnen im Gerichtssaal empfinde ich als ein Privileg, denn die Leserinnen und Leser bekommen die Verhandlung ausschliesslich durch meine Perspektive zu sehen»

Ida präsentiert anhand mehrerer Beispiele ihre Gerichtszeichnungen und die damit verbundenen Geschichten. Besonders emotional und herausfordernd war der „Höhlenmord am Bruggerberg“, bei dem der Angeklagte den Gerichtssaal bereits nach 10 Minuten verliess. Glücklicherweise hatte Ida zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Zeichnung begonnen und hatte ihn in groben Zügen erfasst. In einem anderen Fall waren gleich 16 Angeklagte im Gerichtssaal, was sie anfangs völlig überforderte. Zu Beginn wusste sie nicht, wo sie ansetzen sollte, aber schlussendlich hat sie die Herausforderung erfolgreich gemeistert.

Zum Abschluss gibt Ida Ratschläge für angehende Gerichtszeichner:innen. Sie hebt hervor, dass Übung, sorgfältige Beobachtung und ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen entscheidend sind. Insbesondere bei Live-Zeichnungen, im Gegensatz zu Arbeiten nach Fotos, ist die Fähigkeit zur Priorisierung von großer Bedeutung.

 


Ich möchte mich herzlich bei Ida bedanken für das inspirierende Gespräch und die spannende Tour bei SRF. Ihre Einblicke und die Möglichkeit, den Arbeitsprozess hautnah zu erleben, waren äußerst bereichernd.

«Am wichtigsten ist es zu wissen, dass DIE beste Lösung nicht existiert…»

Interview mit Chi Lui Wong

Übersetzt aus dem Englischen

Im Rahmen des Praxismodul 1, suchte ich mir eine Interviewpartnerin, die mir etwas über den Berufsalltag einer wissenschaftlichen Illustratorin erzählen konnte. Mein erster Gedanke galt Chi Lui Wong, die auch an der ZHdK Scientific Visualization studiert hat und deren Arbeiten mir bereits während dem Stöbern durch die ZHdK Website positiv aufgefallen sind. 

06.12.2022 17:00

An der Türe begrüsst mich freundlich Lui und ihr Büsi Mochi. Ich komme rein und fühle mich direkt willkommen, bekomme einen Drink in die Hand und freundete mich erst mal mit der Katze an. Lui, Mochi und ich setzten uns ins Home Office, das Lui mit Ihrem Ehemann Dominique Schmitz teilt. Die Stimmung ist familiär und die Aufregung vom Anfang hat sich langsam in Freude über den gemütlichen und sehr interessanten Abend mit Lui verwandelt.

Lui hat 2011 einen Abschluss in Visueller Kommunikation an der Hong Kong Polytechnic University gemacht. Im zweiten Jahr hat sie ein drei monatiges Praktikum bei der hesign GmbH in Hangzhou absolviert und nach ihrem Abschluss ein Jahr bei hesign Berlin gearbeitet, wo sie auch Ihren Mann kennengelernt hat. Sie ging zurück nach Hong Kong und arbeitete ein Jahr in einer Werbeagentur, wo sie Layouts im Bereich Schmuck gestaltete. «Hier habe ich viel darüber gelernt mit Details zu arbeiten.» Danach kam sie in die Schweiz und heiratete Ihren Mann Dominique Schmitz. Zehn Jahre war sie danach Selbstständig und hat mit verschiedenen Publikationen und Unternehmen im Kunst- und Kulturbereich gearbeitet.

«Über die ZHdK bin ich gestolpert, weil ich etwas neues lernen wollte und der Begriff ‹Scientific Visualization› hat mein Interesse geweckt. Ich finde den Bereich der Visualisierung von Wissen faszinierend und es war eine Gelegenheit für mich, Leute in einem anderen Bereich kennenzulernen.» Vom Studium an der ZHdK erzählt sie, konnte sie einiges mitnehmen. Vieles aus dem Unterricht hatte Einfluss in ihre Illustrationen, wie zum Beispiel die Perspektive aus dem Unterricht bei Joe, hell/dunkel Werte von Fabienne, Farbenlehre von Anita, Liebe zum Detail von Armin und Führung von Karin. «Ich nähere mich einem Thema aus einer anderen Perspektive, ich beobachte auf einer anderen Ebene.»

Im Juli 2022 hat sie begonnen im Technorama als Illustratorin zu arbeiten. «Mein Arbeitsbereich ist aber viel facettenreicher, da ich nicht nur für Ausstellungen illustriere und grafische Arbeiten anfertige, sondern auch in der Beratung und Entwicklung von Ausstellungsflächen tätig bin.» Ich möchte genaueres über die Arbeit im Technorama erfahren weshalb ich da nochmals genauer nachhake. Sie erzählt mir, dass sie die Arbeit vor Ort liebt, vor allem mit ihrem Team. «Als Freelancerin habe ich die Arbeit im Team sehr vermisst, was auch mit ein Grund war vom Freelancen zu‹In House› zu switchen.» Sie habe es zwar früher auch sehr genossen selbstständig zu arbeiten und nennt es einen «Ego-Feeder», wenn man zum Beispiel seinen eigenen Namen im Magazin liest.

Ich: «Wenn er denn richtig geschrieben wird.» Lui: «Haha ja genau, wenn er richtig geschrieben wird!»

Sie sagt, dass im Team größere Projekte möglich sind und man viel voneinander lernt. Man geht neue sehr interessante Wege und erbaut etwas gemeinsam, was einem einen neuen Eindruck gibt. Ehrgeizig wie Lui ist, hat sie sich mit Ihren Aufgaben nicht zufrieden gegeben. «Nach drei Monaten bei Technorama fragte ich meinem Chef bei einer Teambesprechung, ob ich mein eigenes Exponat machen dürfe. Er sagte ‹Ja auf jeden Fall!›.» Seiner Meinung nach sollte jeder ein Exponat entwerfen. Er sei aufgeschlossen und sieht Potenzial in ihr. «Ich dachte, wow, das ist großartig! Ich habe das Gefühl, dass es jetzt los geht. So macht es Spaß!»

Ich wollte wissen, ob sie schon wüsste wie das Exponat aussehen soll. Sie sagt mir nein, erst muss sie ein Thema finden, das sie interessiert und darüber nachdenken, wie der Besucher mit dem Exponat interagieren soll. Man gehe nie davon aus, wie es aussehen soll, sondern welches Phänomen man im didaktischen Sinne zeigen möchte und dann Form und volle Funktion. Das weil danach noch viele Schritte während dem Prozess dazu kommen.

«…wie ergonomische Typologie, Materialsicherheit (sehr wichtig bei Ausstellungen) und die Frage, ob sich dieses Phänomen in diesen 365 Tagen im Technorama Täglich mehrmals reproduzieren lässt. Es muss eine wiederholbare Erfahrung sein. Viele Faktoren beeinflussen also, wie das Exponat am Ende aussehen wird.» Einer der Gründe, weshalb sie gerne bei Technorama arbeite sei, dass es ein grossartiger Ort ist um Prototypen herzustellen und sofort zu testen. «Wir bekommen nach bestandener Sicherheitskontrolle direktes Feedback von unseren vielen Besuchern und Gastgebern. Ich habe das Gefühl, dass alles sehr solide und sehr bodenständig ist. Wenn es funktioniert, funktioniert es, wenn es nicht funktioniert, funktioniert es nicht. Es gibt keine richtige Antwort, aber ich kann direkt überprüfen, ob die Antwort falsch ist. Das gefällt mir wirklich daran, weil alles einen Sinn für Integrität hat. Man testet etwas und es ist echt und man erhaltet sehr wertvolles Feedback.»

Darüber, wie ein typischer Arbeitstag bei ihr aussieht, erzählt sie mir: «Im Gegensatz zu vielen Anderen kreativ Tätigen, bin ich ein Morgen Mensch. Morgens ist mein Gehirn frisch und der ganze ‹Hirn Dreck› vom Schlaf ist weggespült. Andere arbeiten gerne Abends und schlafen dafür wenig. Ich brauche mindestens acht Stunden Schlaf um nicht als Zombie aufzuwachen.» Nach ihrem Arbeitsbeginn um sechs Uhr Morgens versucht sie so viel kreative Arbeit wie möglich zu erledigen, wie skizzieren, layouten, und «bastlä». Dieser Teil vom Tag ist für sie vergleichbar mit einem HIIT Work-out. «Weisst du? Diese Übungen bei denen man wie verrückt fünfzehn Wiederholungen an Hampelmännern macht und davon müde wird? Genauso eine Person bin ich. Ich kann keine 5 Stunden am Stück kreativ sein, weshalb ich mich Nachmittags der physischen Ausführung der Arbeit widme.» Dazu gehören unter Anderem das Reinzeichnen, Prototypen erstellen, und Ihren Arbeitsbereich aufzuräumen. Ihr Arbeitstag endet dann meist um vier Uhr Nachmittags, dann beginnt ihre «After hour»«Ich überlege mir was ich zu Abendessen kochen möchte, spiele mit Mochi, mache mir einen Drink und schaue Youtube Videos. Einfach Dinge die mir Spass machen.»

Bei einem Arbeitsauftrag beginnt sie normalerweise mit einem Kick-Start-Meeting, um das Briefing zu besprechen. Fragen sind zum Beispiel, was das Ergebnis sein soll, was die Erwartungen sind und wie viele Korrekturrunden gemacht werden. Erst dann macht sie ein detailliertes Angebot. «Übrigens ist es immer am besten, wenn der Kunde sein Budget transparent macht, damit du vorschlagen kannst, was innerhalb dieses Budgets möglich ist.» In der zweiten Stufe macht sie erste Entwürfe und präsentiert normalerweise drei Optionen mit unterschiedlich möglichen Routen. Die Ausführung ist die letzte Phase. Dafür nutzt sie Procreate auf ihrem IPad am häufigsten. «Ich arbeite jetzt hauptsächlich digital – manchmal arbeite ich immer noch analog, wenn ich mir über den Zeitaufwand sehr sicher bin und den Kunden und seine Bedürfnisse kenne.» Die Korrektur im analogen dauert viel länger als im digitalen und da sie die Bedürfnisse und den damit verbundenen Zeitaufwand noch nicht abschätzen kann, arbeitet sie bei neuen Kunden lieber digital. Natürlich arbeitet sie auch mit Adobe cc (Photoshop, After Effects für Animationen etc.) Manchmal bastelt sie auch und beobachtet mittels einem Papiermodell, wie eine Zeichnung aussehen könnte.

Mich interessiert, wie sie in so einer Situation mit einer Blockade umgeht. «Ich kategorisiere meine Blockaden in zwei Arten: Die eine nenne ich den ‹Frozen Laptop› und die andere die ‹empty Toolbox›. Also wenn der Laptop eingefroren ist, startest du ihn neu, oder? Dein Körper ist der Laptop, um ihn neu zu starten esse ich etwas, trinke ich, behandle meine Leber oder gehe duschen. Andere Male versuche ich mich an Design Methoden zu erinnern und lasse mich zum Beispiel durch ‹IDEO Method Cards› inspirieren. Was mehr Spass macht, ist auf Youtube anderen zuzusehen wie Sie Ihre Probleme lösen. Einige meiner Lieblingskanäle sind ‹Numberphile›, ‹Veritasium›, ‹SerpaDesign› und ‹Alex Frenchguycooking›. Zuzusehen, wie andere Menschen ihre Probleme lösen, erinnert mich daran, dass scheitern der einzige Weg ist um zu lernen und, dass man Fehler machen muss. Aber am wichtigsten ist zu wissen, dass DIE beste Lösung nicht existiert. Es gibt aber viele passende Lösungen, du musst nur eine davon finden. Und auch wenn du dir selbst sagst: ‹Oh das hätte ich anders machen sollen!› und bereust gewisse Entscheidungen, hättest du es mit den Fähigkeiten und Werkzeugen, die du in diesem Moment zur Verfügung hattest, nicht anders gemacht. Man kann dann an etwas weiterarbeiten und es das nächste Mal anders machen.»

Zum Schluss möchte ich mich herzlichst bei Lui für das interessante Gespräch, Ihre Offenheit und die Möglichkeit, das Interview mit Ihr machen zu dürfen bedanken. Ich nehme einiges an neuem Wissen mit, das mich in meinem Studium und im Berufsalltag begleiten wird.

 

Lui in ihrem Home Office

 

Eine Auswahl an Analogen Werken

 

Ein Besuch lohnt sich:

Interview mit Nastasja Schefter

Beim Betreten des Büros höre ich bereits ein angeregtes Gespräch, bevor ich Nastasja überhaupt sehe. Sie ist mitten im Prozess der Webseitenerweiterung von Pikka, der Zürcher Marken- und Designagentur bei der sie seit 2 Jahren arbeitet. Sie führt mich aus dem hellen Büro in ein kleines Besprechungszimmer und beginnt zu erzählen.

Nastasja Schefter wuchs in Rapperswil auf und hatte schon von klein auf immer ihr Skizzenbuch dabei. Sie war Comic-Fan, zeichnete ihre Lieblingscharaktere ab und erfand sie neu und es zog sie schon immer in Richtung Zeichnen und Kunst. Im Gestalterischen Vorkurs an der HSLU fand sie ihre Begeisterung für die Wissenschaftliche Illustration und machte ihren Bachelor in Nonfiction.

«Ich war schon immer die, die eher das zeichnete, was es gibt. Mich interessierte es mehr, zu beobachten, als mir Geschichten auszudenken. Ich denke in einem Bild und was ich mit diesem Bild erzählen möchte.»

Direkt anschliessend an das Studium machte sie ein Praktikum bei dem Wissenschaftlichen Zeichner Guido Köhler in Basel. Noch während dieses Praktikums bewarb sie sich – mit Erfolg – für ihre heutige Anstellung bei Pikka.

Der Aufbau ihrer Arbeitstage ist oft gleich: Mails checken, planen, was heute gemacht wird und dann sitzt sie zehn Stunden am Schreibtisch. Inhaltlich ist ihre Arbeit aber ganz und gar nicht eintönig, denn jedes Projekt ist etwas Neues. Ich erhalte Einblicke in einige interessante Arbeiten und von der Entwicklung eines kleinen Icons für eine Webseite bis hin zum kompletten Rebranding einer Firma ist alles dabei. Was ich noch nicht kannte: Graphic Recordings. Bei Präsentationen, Workshops und Diskussionen hört Nastasja zu und hält in einem grossen, aber sehr logisch organisierten Wimmelbild fest, was gesagt wird. – Ein originelles Protokoll, das man sich gerne ansieht und gut in Erinnerung bleibt.

Nastasja beim digitalen Graphic Recording am Tanzfestival Steps in Fribourg, 2022

Auch sehr abstrakte, trockene Themen wie die Zielbildung oder Businessstrategien einer Firma verwandelt Nastasja mit sehenswerten Illustrationen und Animationen in interessante Blickfänge.

«Am spannendsten ist die Challenge, ein Thema auf eine neue didaktische Weise zu visualisieren. Im Bereich der Dienstleistungen fordern KundInnen manchmal ähnliche Dinge. Trotzdem müssen wir immer einen neuen Weg finden, wie wir das Thema so darstellen, dass es für die AuftragstellerInnen stimmt.»

Manche KundInnen haben bereits ihr Corporate Design und geben bis aufs kleinste Detail alles vor. Dann muss das einfach umgesetzt werden, obwohl man als Designer vielleicht andere Lösungen vorziehen würde.

«Man muss sich bewusst sein, dass man sich nicht immer kreativ ausleben kann. Man ist DienstleisterIn und macht das, was sich die KundInnen wünschen, oder was unsere Firma präsentiert.»

Anderen AuftragstellerInnen überlassen Nastasja viel mehr Entscheidungen. Dann werden verschiedene Ansätze präsentiert und man ist in ständigem Austausch, um einen ganz eigenen Stil zu entwickeln.

Nastasja arbeitet zu 90% mit Procreate, später werden die Inhalte dann mit Programmen wie Photoshop, Illustrator, After Effects aufgearbeitet und manchmal animiert.

Aber sie illustriert nicht nur, sondern ist beteiligt an Konzeptentwicklung und dem ganzen Designprozess, denn es findet ein fliessender Wechsel zwischen Grafik und Illustration und viel Austausch im Team statt.

Was Nastasja aber fehlt, ist das Zeichnen und Malen in der Freizeit und sie sitzt nicht gerne den ganzen Tag am Schreibtisch, sondern ist als Poledance-Trainerin äusserst sportbegeistert. Sie kann sich vorstellen, irgendwann eine andere Balance zwischen all ihren Interessen und zu finden. Aus ihren leidenschaftlichen Erzählungen über spannende Projekte merke ich aber, dass sie sich da, wo sie ist, sehr wohl fühlt und ihren Weg geht, wo auch immer der sie hinführen mag.

https://www.instagram.com/nastja.illustration/?hl=de

https://nastasja.schefter.net

Ein Wimmelbild für das Bundesamt für Sport

 

Der Pausenraum in der PSP-Gschäftsstelle Basel wurde mit einer Fankurve bemalt.

«Ich bin mich ständig am umorganisieren…»

Interview mit Julia Kuster am 6.12.2022

An einem sonnigen Wintermorgen mache ich mich auf den Weg ins Quartier Binz in Zürich, wo sich Julia Kusters Atelier befindet. Es ist etwa vier Jahre her, als ich sie zum letzten Mal gesehen habe – als eine ihrer Schülerinnen im Zeichnungsunterricht an der Schule für Gestaltung in St. Gallen. Nun freue ich mich, sie in einem anderen Kontext wiederzusehen.

Als ich Julia für dieses Interview anfragte, betonte sie erstmal, dass sie keine wissenschaftliche Illustratorin sei, sondern sich in ihrem Atelier hauptsächlich freien Arbeiten widme. Trotzdem habe ich mich für sie als Interviewpartnerin entschieden, da es mich interessiert, was aus einer ehemaligen Knowledge Visualization- Studentin geworden ist und wie es dazu kam.

Nachdem ich von Julia in einem grossen Gewerbegebäude freundlich begrüsst werde, führt sie mich in ihr Atelier. An den Wänden hängen bunte Drucke und Malereien, auf einem Tisch liegen kleine Holzschnittplatten und Späne. Es riecht nach Kaffee, Kreativität und Gemütlichkeit. Sie teilt den Raum mit einer Kollegin.

 

Julia in ihrem Atelier

 

Der Schwerpunkt unseres Gespräches liegt auf ihrem Werdegang.
Nach dem Gymnasium hat sie ein Jahr lang Sprachen in Rom studiert und sich dann für den Bachelor Knowledge Visualization an der ZHdK beworben – erfolgreich. 2010 hat sie abgeschlossen. «Dann wurde mir aber klar, dass ich mich nicht bereit fühle, in diesem Bereich zu arbeiten». Es habe sie dann vielleicht doch zu wenig interessiert.
Stattdessen nutzte sie das Angebot eines Stipendiums, welches ihr ermöglichte, ein Jahr in Bulgarien an der Kunstakademie in Sofia zu verbringen. Da kam sie mit alten Drucktechniken in Berührung und hat zudem bulgarisch gelernt. «Als ich wieder heimgekommen bin, fühlte ich mich recht verloren.» Die freiere Kunst habe sie eigentlich mehr interessiert als die auftragsbasierte Illustration.

«Als ich wieder heimgekommen bin, fühlte ich mich recht verloren.»

Schliesslich hat sie ein Semester an der PH absolviert und herausgefunden, dass ihr das Unterrichten im Bildnerischen Gestalten Freude bereitet. «Das hat mich auf die Idee gebracht, mich für den Master Kunstvermittlung zu bewerben.» – hello again ZHdK! Nebenbei leitete sie Gestaltungskurse für Menschen mit Beeinträchtigung und arbeitete als Gerichtszeichnerin für den Tages Anzeiger. Ein ehrenvoller Auftrag! «Da diese Gerichtszeichnungen von vielen Leuten gesehen werden, war das auch eine super Werbung für mich.»
Nach dem Masterabschluss hat sie begonnen, in St. Gallen als Gestaltungslehrerin zu arbeiten.
Nun unterrichtet sie bildnerisches Gestalten an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon (ca. 70%). Die restliche Zeit verbringt sie im Atelier oder mit ihrem Kind. Hinzu kommen manchmal Aufträge, beispielsweise Illustrationen für das Magazin Reportagen. Ist es überhaupt möglich, der Familie, dem Job und dem Atelier gleichermassen gerechtzuwerden? «Ich bin mich ständig am umorganisieren und muss schauen, wie ich meine Zeit am besten nutze.»

Im Verlaufe des Gesprächs mit Julia habe ich gemerkt, dass ihr Berufsweg nicht linear von A nach B verläuft, sondern eher durch verschiedene Interessensgebiete mäandriert. Von ihren Erfahrungen im Studium kann sie ohnehin profitieren – das Gelernte verschwindet nie. Das beruhigt mich, denn es zeigt, dass man auf dem Berufsweg eigentlich keinen Fehler machen kann, solange man die eigenen Interessen verfolgt. Auf die Frage, worauf ich während des Studiums achten sollte, antwortet Julia:

«Geniesse es, dass du mit so vielen gestalterischen Techniken in Berührung kommst. Und meine nicht, irgendwelche Erwartung erfüllen zu müssen, sondern mache das, was dich wirklich interessiert!»

Diesen Ratschlag werde ich mir zu Herzen nehmen. Danke Julia für das Gespräch!

 

«Das Digitale finde ich dann interessant, wenn es nicht so viele Möglichkeiten anbietet. Ich mag lieber gstabige Programme wie Brushes.»

 

Gerichtszeichnung

 

Fisch-Illustrationen für das Magazin Reportagen

 

Mehr von Julias Arbeiten könnt ihr auf ihrer Webseite anschauen: juliakuster.ch

Interview mit Frederic Siegel

Dezember 8, 2022

Interview mit Frederic Siegel (Mitglied Kollektiv Team Tumult)

Über das Zürcher Creative Kollektiv Team Tumult haben wir Frederic Siegel erreicht und freuten uns riesig, dass er sich bereiterklärt hat das Interview durchzuführen. Es fand via Teams statt, da sich Fredi zu diesem Zeitpunkt in einer Künstlerresidenz in New York aufhielt.

Dieser Ortwechsel über 4 Monate hinweg ermöglicht ihm, sich inspirieren zu lassen, die Stadt kennenzulernen, zu arbeiten und Netzwerke zu erschliessen.

Frederic Siegel ist ein schweizer Animator, Animationsregisseur, Illustrator, Lehrbeauftragter für Animation an der Fachhochschule in Graubünden und Bern. Dazu ist er Mitglied des in Zürich ansässigen Kollektivs Team Tumult. Mit seinen Animationen gewann er bereits einige Preise und Awards, die ihm in seiner Karriere viele Türen öffneten. Neben Auftragsarbeiten im Kollektiv und dem Dozieren, arbeitet er an eigenen und persönlichen Projekten.

Nach dem Gymnasium arbeitete Fredi ein Jahr, bevor er den Vorkurs in Luzern besuchte. Darauf folgte das Bachelorstudium mit dem Schwerpunkt in der 2D Animation, welches er mit dem mehrmals ausgezeichneten Film «Ruben Leaves» erfolgreich abschloss. In der Studienzeit knüpfte Fredi viele Kontakte, von denen er später profitieren konnte und diese auch bis heute noch pflegt und schätzt.

Für die Zukunft plant er einen Master zu machen, um sich zu spezialisieren und da ein Masterstudium Voraussetzung für eine Festanstellungen an Hochschulen und Unis ist.

Die Abschlussarbeit «Ruben Leaves» erntete grossen Erfolg. Dadurch gelang ihm einen organischen Übergang in die Arbeitswelt. Er wurde an diversen Filmfestivals gezeigt, wodurch einige Musikgruppen auf ihn aufmerksam wurden und Fredis Animationen für ihre Musikvideos miteinbeziehen wollten. Eine Pause nach dem Studium gab es also nicht, denn zusätzlich absolvierte er ein 6-monatiges Praktikum bei Vaudeville Studios GmbH in Zürich. Gleichzeitig arbeitete er an einem neuen Kurzfilm. In dieser Zeit entstand auch die Idee für das Kollektiv Team Tumult.

An die Aufträge ist das Kollektiv «Team Tumult» zu Beginn über das eigene Netzwerk, Freunde und Bekannte, mithilfe von Mund-zu-Mund-Propaganda und Visitenkarten gelangt. Viele Künstler wurden durch Fredis Film «Ruben Leaves» auf ihn aufmerksam. Auch durch die Teilnahme an Branchenevents wurde das Kollektiv gesehen und gehört und lernte die Zürcher Animationsszene kennen. Ein weiterer Antrieb war die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben und ein dadurch entstandenes Film-Projekt für das Museum für Kommunikation in Bern.

Von Beginn an hatte das Kollektiv Social-Media-Kanäle gepflegt. Doch am Anfang, vor etwa 7 Jahren, war das noch nicht sehr wichtig. Nach etwa zwei Jahren hatten sie eine gewisse Reichweite, doch bis heute erhalten sie die wichtigen Aufträge via E-Mail. Es ist dadurch schwierig einzuschätzen, wie viel Einfluss Social-Media effektiv hat.

Seine Arbeitsstelle als Dozent hat er über ein ähnliches Interview wie dieses erhalten. Die Studenten veröffentlichten das Interview auf ihrem internen Schul-Blog, der von der Schulleitung gesehen wurde. Sie waren auf der Suche nach einem Dozenten für Animation und waren vom Interview überzeugt, worauf sie Fredi direkt anfragten. Das ist ein Grund dafür, weshalb er sich für solche Interviews jeweils gerne Zeit nimmt, denn schliesslich ist das auch Werbung für ihn.

«Solche Interviews mache ich immer sehr gerne, da man nie weiss was daraus entstehen kann»

Einen normalen Arbeitstag gibt es bei ihm nicht. Das Kollektiv hat ein Büro in Zürich, die Mitglieder arbeiten aber auch oft ausserhalb, da viele während der Pandemie zurück in die Heimat gezogen sind. Dazu kommt, dass fast alle zusätzlich einen Arbeitsplatz in einer anderen Stadt haben. Fredi selbst ist etwa 2 Tage in der Woche in Zürich und 2 Tage in Bern, in seinem zweiten Büro. Wenn das Kollektiv einen Auftrag erhält, wird zuerst ein Projektleiter oder Projektleiterin bestimmt, welcher die Aufgaben an die jeweiligen Personen verteilt. Solche Aufgaben sind bei einer Animation das Design und die Characters, Skript und Kundenkontakt, Storyboard, die Animation selbst, das Sounddesign, dass meist von externen Personen gemacht wird, und die Musik, welche je nach Budget von Musikern gemacht oder von einer Library benutzt wird. Der Projektleiter ist meist auch der Regisseur und verteilt das Budget an die jeweiligen Personen. Manche Arbeiten werden auch nur von einer Person bearbeitet, wenn es sich beispielsweise um eine Illustration handelt.

Um die Zusammenarbeit zu verbessern, macht das Kollektiv Team Tumult einen jährlichen «Ani-Jam», bei dem sie alle zusammen für drei Tage wegfahren und an einem eigenen Projekt arbeiten. Momentan arbeiten sie an einem Game und wir sind schon gespannt auf die Veröffentlichung auf der Website und auf Instagram.

Was Fredi am meisten Freude bereitet ist, wenn er an seinen eigenen Projekten arbeiten und seinen Ideen freien Lauf lassen kann.

Die Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden während den Projekten macht ihm an seiner Arbeit am meisten Mühe. «Für eine extrovertierte Person mag das aber vielleicht ein sehr schöner Aspekt an der Arbeit sein», meint er.

Bei den Aufträgen ist es sehr oft so, dass die Voraussetzungen und Vorgaben unterschiedlich sind. Oft haben gut zahlende Kundinnen und Kunden konkretere Vorstellungen und kleinere Kunden lassen dem Team dabei mehr Freiheiten.

«Viel Geld und mehr stress, weniger Geld und weniger Stress.»

Nach seiner Erfahrung gilt, je mehr Geld der Auftrag einbringt desto schwieriger und fordernder sind die Auftraggebenden. Es ist wichtig eine Balance zwischen Geld und Stress zu finden.

Zum Schluss gibt uns Fredi einen wertvollen Tipp mit auf den Weg. Es ist wichtig, dass man Auftragsarbeiten nicht persönlich nehmen darf. Oftmals gibt es Veränderungswünsche, wodurch das Projekt nicht so umgesetzt wird, wie man es sich vorgestellt hat. Da muss man darüberstehen und seine Ideen bei den eigenen Projekten ausarbeiten.

Homepage:

fredericsiegel.ch und teamtumult.ch

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