Videobeitrag von und E-Mail-Interview mit Bitten Stetter, Leiterin der Fields of Excellence Trends sowie Ereignis im Master of Arts in Design, sowie Dozentin in der Vertiefung Stlye & Design, Bachelor Design, DDE.

Angela Witwer: Bitten Stetter, Du beschreibst auf deiner Webseite im Zusammenhang der Modekollektion Passing Luanda zwei Projekte: Das eine Projekt ist eine Ausstellung mit dem Titel Sometimes people in Luanda shine, das aus einem ethnografischen Design-Rechercheprojekt Minenopfer in Angola – Kulturelle Techniken im Umgang mit beschädigter Identität (siehe Projektbeschreibung) hervorgeht. Du beschreibst dieses Rechercheprojekt als «an intensive and intensely search of clues between land mines, disability, political subversion and creativity that encountered us in peoples everyday lifes, homes and surroundings.» Das andere Projekt ist die Kleiderkollektion Passing Luanda selbst, die im Zusammenhang mit dem Rechercheprojekt steht, aber dabei einen anderen Zugang wählt, als die einer Recherche. Wie hängen die beiden Projekte zusammen?

Bitten Stetter: Minenopfer in Angola – Kulturelle Techniken im Umgang mit beschädigter Identität ist eine ethnographische Designstudie, die im Rahmen des Projektes GloCal im Departement Design entstanden ist. Der Fokus der Untersuchung liegt auf der Synthese von Kreativität und Behinderung. Behinderungen sind wegen den zahlreichen Opfern von Tretminen, die im fast dreissigjährigen Bürgerkrieg exzessiv eingesetzt wurden, in Angola sehr verbreitet, was in verschiedenen (pop-)kulturellen Phänomenen wie Tanz, Produktdesign, Handwerk und anderen Formen des Selbst-Designs seinen Ausdruck findet.

Fotos aus dem Forschungsprojekt Minenopfer in Angola. Kulturelle Techniken im Umgang mit beschädigter Identität ©Flurina Rothenberger, Bitten Stetter

Fotos aus dem Forschungsprojekt «Minenopfer in Angola. Kulturelle Techniken im Umgang mit beschädigter Identität», ©Flurina Rothenberger, Bitten Stetter

Das Ziel unserer ethnografischen Feldforschung im Kontext Behinderung, Kreativität und Selbstdesign war es, Kreativtechniken zu entdecken und die Lebenswelt der Betroffenen deskriptiv, sensibel und verantwortungsvoll anhand neuer gestalterischer Vermittlungskonzepten zu zeigen. Das Ergebnis ist eine ethnographische Studie und eine Bewegtbild-Fotografie Ausstellung (geplant für 2015), die zwischen Bild und Film, zwischen Inszenierung und Beiläufigkeit navigiert. Die Ausstellung wird den Namen Sometimes people in Luanda shine tragen und über die von uns besuchten und untersuchten Bewohner_innen von Luanda City und Umgebung berichten. Sie beschreibt die Alltagswelten von Menschen mit Behinderung, zeigt ihr soziales Umfeld, verweist auf die Statik und Dynamik, die Unbeweglichkeit der Bewohner_innen in rasant wachsenden Stadtstrukturen. Bewegung trifft auf Bewegungseinschränkung. Geschwindigkeit auf Langsamkeit. Portraitiert werden eine beinamputierte Miss Landmine, ein subversiver Designer, behinderte und nicht behinderte Kuduristas (Kuduro = angolanischer Tanzstil), verkrüppelte Musiker und Tänzer mit Kinderlähmung und ungeklärten Krankheitsbildern, sowie einstige Krieger und Veteranen. Eine urbane Spurensuche, die sich an Hand von 23 Protagonistinnen und ihrer unterschiedlichsten Lebenswelten verzweigt und ausweitet, und so für den Besucher und die Besucherin erfahrbar wird.

Die Kollektion Passing Luanda, die kurz nach meiner Reise entstanden ist und auf beiläufigen, persönlichen Beobachtungen und Videoaufzeichnungen basiert, übersetzt die entstandenen Beobachtungen aus der angolanischen Alltagswelt in die westliche Mode – mit dem Wissen, dass ihr eine eurozentrisch gesteuerte Sichtweise inhärent ist. Die Kollektion Passing Luanda beschäftigt sich also weniger mit Behinderung und Handikapierung als mit der Alltagskultur in Angola, die geprägt ist von massiven politischen, gesellschaftlichen und historischen Umbrüchen.

AW: Die Kollektion Passing Luanda beschreibst Du als «something totally incidental in opposite to the upcoming exhibition». Wie ist es zu diesem «Nebenschauplatz» gekommen und wie steht er im Verhältnis zu einer forschenden Perspektive / Recherchepraxis?

BS: Passing Luanda ist das Ergebnis meiner Arbeitsweise und Alltagsbeobachtungen mit dem Unterschied, dass ich mich sonst eher am Zeichen-Repertoire der westlichen Welt bediene. Dinge, die ich erlebe, die mir begegnen, die mich verstören und irritieren, finden ihren Ausdruck in meinen Kollektionen oder modischen Objekten, Installationen oder Performances. Etwas zu sehen, zu entdecken und voreingenommene Annahmen gestalterisch zu hinterfragen, ist Teil meiner gestalterischen Konzeption, die sicher auch meine forschende Perspektive und Recherchepraxis prägt. Ich würde meinen Gestaltungsprozess wie auch meine Art zu forschen als abduktiven Prozess beschreiben, den Charles Sanders Peirce wie folgt beschreibt: «Deduction proves that something must be; Induction shows that something actually is operative; Abduction merely suggests that something may be.» (Charles Sanders Peirce 1934)

So bestanden unser (wir – das sind Francis Müller, Flurina Rothenberger und ich) Forschungs- und Gestaltungsziel nicht darin, Hypothesen nach einem deduktiven Verfahren zu verifizieren oder zu falsifizieren, sondern Hypothesen als Ausgangspunkt für einen abduktiven und explorativen Prozess zu verstehen. Zu diesem Prozess gehörte, neben den eindrücklichen persönlichen Gesprächen, die wir mit Behinderten, Modells, Künstlern und Musikern geführt haben, auch, dass wir uns tagtäglich durch eine der teuersten Städte der Welt bewegten: in einem Land, das sich dem hemmungslosem Wachstum, der eingeschränkten Meinungsfreiheit und der Privatisierung von Sicherheit und Gesundheit verschrieben hat. Hier begegneten uns Alltagssituationen, die trotz der prekären, sozialen und politischen Zustände eine grosse Faszination auf uns ausübten.

Daraus ist eine Sammlung von sehr persönlichen Reise-, Bild- und Filmnotizen entstanden. Unsortiert, ungefiltert, ungesteuert und sehr intuitiv habe ich Strassenszenen, Kleiderstile und Trageweise, Material-, Form- und Farbzusammenstellungen gesammelt, die mich auf Grund der Andersartigkeit, Unlesbarkeit und Fremdheit irritierten und faszinierten. Erst bei der Auswertung des Materials wurden Kategorien gebildet, die mir als eine Art Bausatz für die Kollektion dienten.

AW: Passing Luanda ist eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der 5-Millionen-Metropole Luanda, 12 Jahre nach dem 27-jährigen Bürgerkrieg in Angola. Angola stand jahrhundertelang unter portugiesischer Kolonialherrschaft. Du schreibst: «Within this collection I try to reflect and visualize these circumstances in terms of fashion.» Wie bist Du bei dieser Übersetzung und Materialisierung in Kleidung konkret vorgegangen?

BS: Wirft man einen Blick auf die Strassen Luandas, so entdeckt man einen sehr eigenständigen Umgang mit Mode, der sich stark aus der Historie des Landes nährt.
Die durch den portugiesischen Kolonialismus und die Bürgerkriegsjahre geprägte angolanische Kultur trifft heute auf die westliche Kultur, die sich momentan durch den grossen Investitionsboom durch China noch mit asiatischer Kultur vermischt. Diese drei verschiedenen kulturellen Einflüsse machen sich auch massiv in der angolanischen Mode bemerkbar. Traditionelle afrikanische Kleidermode trifft auf europäische Secondhand-Mode (da Angola über Jahrzehnte durch Kleidungsspenden von NGOs unterstützt wurde und immer noch wird), ergänzt durch Billigimporte aus China. Es entsteht ein eklektizistischer MashUp, der einen eigenwilligen Umgang mit Mode, Textilien, Farben, Mustern, Motiven und Symbolen sichtbar werden lässt. Westliche Motive mit Comicfiguren wie Micky Mouse und Super Mario treffen auf augenscheinlich traditionelle afrikanische Muster, die aber, anders als anzunehmen wäre, nicht in der afrikanischen Welt entwickelt und produziert werden, sondern aus China oder Europa importiert werden. Diese Verknüpfungen scheinen vom Träger und von der Trägerin wertfrei und hirarchiefrei, jedoch sehr bewusst und sehr bedacht hergestellt zu werden. So entstehen aus westlicher Sicht ungewöhnliche Material- Farb- und Formkombinationen, die wenig zu tun haben mit klischierten Vorstellungen von afrikanischer Mode.

Dieses Potpourri aus kulturellen Einflüssen führt, aus unserer westeuropäischen Sicht zu einer interessanten und fragwürdigen Material, Farb- und Motivkombinationen, die mir während meines gesamten Aufenthaltes, beim Beobachten der Strasse, bei dem Besuch auf Märkten und Besuchen von Protagonist_innen und ihren Familien immer und wieder aufgefallen sind. Daher spreche ich auch explizit von einem Nebenschauplatz, einer Art Randbemerkung, die ich als Gestalterin und explizit als Modedesignerin beobachtet habe.

AW: Welche Schwierigkeiten sind dir bei deiner Vorgehensweise begegnet? Worauf warst Du nicht vorbereitet?

Das grösste Problem war ich selber in meiner Doppelrolle als Forscherin und Gestalterin, die sich trotz unserer Feldzugänge immer wieder auch als einfache Touristin fühlte. Einerseits konfrontiert mit den Missständen des Landes, der Armut und der gesundheitlichen Situation der Menschen, andererseits unglaublich inspiriert und fasziniert davon, wie aus eurozentrischer und rein visueller Sicht alles perfekt zusammenpasst und fast wie eine permanente Farb- und Materialinszenierung wirkt, wie eine bewegtes zeitgeistiges Moodboard im aktuellem «Favela Style». Dieses sich-Ertappen und Wiederfinden in der Doppelrolle hat zu mehreren persönlichen Krisen und damit unweigerlich zum Hinterfragen unseres Projektes und meiner Person und meiner Rolle als Gestalterin geführt: Betreiben wir mit diesem Projekt eine Art Slumtourismus – und wenn nicht, wie grenzen wir uns davon ab? Welche Verantwortung habe ich als Designerin in Forschung und Vermittlung, aber auch welche Möglichkeiten ergeben sich für mich als Designerin im Umgang mit dem Forschungsmaterial?

AW: Im Video oben steht das Model oft vor einer Mauer. Über die Tonspurt und aufgrund und kleiner Veränderungen in der Mimik des Models bekommt man den Eindruck von einer belebten Strasse. Einmal steht das Model vor einem kleinen Spiegel, der aber keinen Anhaltspunkt über den Ort und die Umstände der Aufnahmen gibt. Das Model trägt sowohl Kleidungsstücke aus der Kollektion wie auch vermutlich vor Ort «eingekaufte» Kleidungsstücke, etwa bunte Superman-Kniestrümpfe. Du schreibst zum Projekt: «It is a struggle between european-centered perspectives and the african way of life. What I think and what I see doesn’t match with the things that I think I see.» Kannst du dazu mehr sagen?

BS: Viele Kombinationen von Kleidungsstücken und Trageweisen haben im Spannungsfeld von Mode vs. Bekleidung und Style vs. Funktionalität verschiedenste Fragen aufgeworfen. Beispielsweise wirkte der gestreifte Kniestrumpf getragen mit Flip-Flops aus westlicher Sicht wie ein modisch ausgewähltes Zeichen, wie ein reines Style-Element sowohl bei Männern wie auch bei Frauen. Bei näher Betrachtung und Kontextualisierung und nach verschiedenen Interviews stellte sich in Luanda aber heraus, dass der Kniestrumpf einzig und allein getragen wurde, weil es Winter war, und das auf mich sehr modisch wirkende Accessoires eine hauptsächlich wärmende Funktion hatte. Auch die von mir beobachtet für Angolaner_innen so typische Warterei, die aus unserer Sicht eine negativ konnotierte Handlung ist, habe ich versucht im Video zu zeigen. Die abwertende Haltung gegenüber dem Warten scheint mir ein rein westliches Konstrukt zu sein. Bei uns wird das Warten mit etwas Zukünftigem verknüpft und nicht mit der Gegenwart und dem «Im-Moment-Leben». Würden wir uns von dieser voreingenommenen Haltung lösen, würde ein völlig anderer Blick auf unzählige Alltagssituationen möglich werden.

AW: Das «Passing» im Titel kann man als Tätigkeit des flüchtigen Passierens, Vorbeigehens verstehen, aber auch im Sinne des soziologisches Phänomens Passing; die gleichsam «falsche» Zuordnung einer Person bezüglich Geschlecht, Herkunft, Klasse oder Ability. Passing ist zum Beispiel, wenn eine schwarze Person als weiss «durchgeht» und als solche behandelt wird. Insofern stellt Passing eine Menge sozialer Mechanismen auf den Kopf. Inwiefern spielte diese Dimension des Passing für Dich im Kontext Angolas eine Rolle?

BS: Das Phänomen des Passings spielt eine große Rolle für mich, da ich mit dem «falsch Zuordnen» ja auch selbst immer wieder konfrontiert war. Um klar zu machen, dass der Blick auf die Dinge, die ich beobachtet habe, ein «weisser» und damit in gewisser Weise intrinsisch fehlerhaft ist, habe ich mich für das Shooting beziehungsweise den Film auch bewusst für eine weisse Person und nicht für eine farbige Person entschieden.

AW: Ich habe den Eindruck, dass die Kollektion Passing Luanda Bezüge zu einer deiner anderen Kollektionen, nämlich Cultural Bricolage (Frühjahr/Sommer 2013, Cultural Bricolage Women, Cultural Bricolage Men), aufweist. Zu dieser schreibst Du: «Hallo. Wir sind’s. Eifrige Kolonialisten der Remixwelt, kämpfen martialisch auf dem Kreativschlachtfeld. Im Gleichschritt Misch-Marsch, rechts, links, rechts, links, im Kreis mit Fleiß. Schnappen zu und nach Luft, außer Rand, kommen schwer vorwärts, ohne Verstand, öffnen höflich bestimmt hektisch jede Tür, legitimiert, in Eile, gestalten wir Referenz-Culture. Entwickeln multikulturelle Visionen à la carte, liefern kulturelle Zeichensysteme on demand. Gestern Euroasiatisch, lecker, morgen balkanchinesisch besser, übermorgen Schwarzwaldafrikanisch, neu. Beliefern worldwide, täglich frisch, mundgerecht, an jeden Lifestyle Tisch. Hallo. Wie und warum? Kulturelle Aneignung? Klingt schlimm. Interkulturelle Kompetenzen? Im Sinn. Völkerverständigung? Warum nicht. Internationales Miteinander? Wenn es besticht. Multisoziales Design? Das klingt toll. Machen uns die Taschen mit Gutmenschsein voll. […]» Wie würdest Du den Unterschied dieser beider Projekte beschreiben?

BS: In gewisser Weise könnte man sagen, dass die Kollektion Cultural Bricolage bewusst brachial und radikal mit kulturellem Kapital umgeht, sich aber dadurch auch massgeblich von den Kreationen von Passing Luanda unterscheidet. Cultural Bricolage stellt sich bewusst gegen den Versuch verschiedene Kulturen zu verstehen, und macht damit auf unseren Umgang mit Buzzwörtern wie Multikulturalität, Transkulturalität, Referenz- und Remixkultur aufmerksam. Auf der Suche nach Inspiration – jede Saison neu – bedienen wir uns achtlos an verschiedenen kulturellen Symbolen des aktuellen Zeitgeists. Oberflächen, Muster und Trageweisen werden aus bestehenden Kontexten herausgerissen und willkürlich gemixt, ohne auch nur den Versuch der Ausdifferenzierung zu wagen. «Safari Look», «African Fever» oder «Favela Style» sind Modethemen, die in Modezeitschriften mit Wonne thematisiert werden. Es scheint egal, ob ein Zebrastoff auf Streifen trifft, Schwarzwälder Trachten mit estländischen Stricksocken aufgepeppt oder Kilts mit Tigerprints veredelt werden. Was nicht passt, wird passend gemacht. In der Kollektion Cultural Bricolage habe ich versucht, diese Haltung anzunehmen und ein geometrisches Schnittsystem entwickelt, welches es mir erlaubt, kulturell konnotierte Materialen willkürlich nach rein formalen Aspekten zu vermischen. Die Kollektion Passing Luanda ist da ganz anders. Sie startet zumindest den Versuch des Verstehens.

 

Literatur:

  • Charles Sanders Peirce: Lectures on Pragmatism (1903), in: Ders.: Collected Papers Vol. V.: Pragmatism and Pragmaticism, 1934, S. 14–212.