Fleischfrage.

(enthält Helvetismen)

 

Was macht man mit einer Frage? Aufwerfen, wegwerfen? Hinwerfen, wie einen Knochen vor den Hund. Nicht mal ins Meer, damit er nass wird, der Hund, nein die Frage da hingelegt, schön spröde, damit er sich die Zähne daran verbeissen kann, hingelegt gleich vorne hin vor die Schnauze. Da liegt sie, die Frage und wird angeknurrt und in Gedanken zerfleischt. Doch was gibt es an einem Knochen noch zu zerfleischen? Da ist nichts mehr dran, alles wurde bereits abgeschabt, alles abgenagt, abgekafelt, weggefressen, zerrissen mit den Fangzähnen, den Schneidezähnen, den reissenden, beissenden dreieckigen Weissen. Die Fasern abgezerrt und das Fett abgeleckt. Sie schmeckt gut, so eine fette Frage. Eine richtig gut genährte, fettige Frage – davon kann man lange zehren. Sie nährt und nährt und nährt. Zuerst wird die schnelle Energie daraus verbrannt, dann irgendwann geht’s an die angefressenen Fettreserven, während der Körper noch immer aus der Frage zehrt. Achtlos vor dich hingeworfen, kann die fette Frage dich durch den Winter bringen.

Doch wer wirft schon eine so fette Frage achtlos weg? Niemand, die legt jemand da hin. Jemand denkt sich, dass du dich gerne da drin vergnagen wirst, in der Frage. Dich daran zerbeissen kannst, weil du den Anschein machst, dass du schon lange keine Frage mehr zugeworfen gekriegt hast. Dass du dich schon länger nicht mehr mit einer Frage vor deiner Fresse auseinander gesetzt hast. Dass man doch diese Frage dir direkt, keine 3 Zentimeter vor dich hinstellen könnte, weil dann würdest du sie schon sehen, die Frage. Und dann, wenn du den Duft der fettigen, saftigen, sehnigweichen, lange geschmorten und dennoch in der perfekten Konsistenz aus fast zerfallend und noch aneinander haftenden Frage riechst… dann würdest du schon glustig werden. Dann würdest du schon Appetit bekommen auf die Frage. Die Frage, die vor dir auf dem Boden liegt. Vor deiner Schnauze, die auch auf dem Boden liegt. Weil du weißt, dass –wenn dann mal eine Frage kommt – dann musst du dich nicht bewegen. Die kommt immer. Die Frage wird meist irgendwann vor die hingelegt, fett und saftig.

Du hast noch nie nach einer Frage gesucht. Wieso auch, wäre viel zu anstrengend. Die Frage ergibt sich aus den Umständen. Es werden so viele Fragen geschlachtet und verteilt, da fällt schon eine für dich ab. Nur Sauce gibt’s nicht immer dazu. Aber das ist ja auch Luxus. Die Frage zählt, die Wärme der Frage, die sie noch hat. Früher hast du den Fehler gemacht, dich auf die Frage zu stürzen, sobald du sie vor deiner Nase hattest. Doch du hast gelernt. Die Frage ist auseinander zu nehmen, langsam. Fleischfaser um Fleischfaser. In ihre Einzelteile zu zerlegen. So kannst du jeden Bissen davon langsam zerkauen und es geniessen, dass du gerade eine Frage zwischen den Zähnen hast. Diese Verzehrweise verhindert, dass dir zu viel zwischen den Zähnen hängen bleibt – ja, dass wirklich alles, alles dieser Frage den Magen erreicht und dort von der Säure zerfressen wird. Weil aufliegen, im Magen, soll die Frage nicht. Nein. Sie soll runtergehen wie Butter. Sich in deinem Magen warm und wohlig anfühlen und dich nicht mitten in der Nacht aus dem Schlaf reissen. Sie soll dir nicht aufstossen. Sie soll nicht gleich nach 2 Stunden wieder aus dir rausdrängen. Sie soll dich nähren und stärken. Das macht eine gute Frage aus.

Du beisst also in die Frage und machst sie damit lebendig. Du gibst ihr Sinn. Du machst, mit deinem tötenden Biss, die Frage real. Das mag dein Hundehirn übersteigen aber in dem Moment, in welchem du die Frage anerkennst als Etwas, in das man seine Zähne reinschlagen kann und sich verbeissen kann… In dem Moment bist du eins mit der Frage. Ausser der Frage siehst du nichts mehr. Und ausser dir ist für die Frage nichts real. Alles, was die Frage spürt, das einzige, was sie wahrnimmt, sind deine spitzen Hauer. Dein Kauwerkzeug. Du machst die Frage existent, indem du ihre Existenz vor deiner Schnauze anerkennst. Und sie geniesst. Das erste und letzte also, was die Frage wahrnimmt, ist dein Genuss beim Zersetzen ihrer Existenz.

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