Im Gespräch mit dem Museum (II)

Wir wollen wissen, wie es dem «Museum für Gestaltung – Schaudepot» am neuen Ort geht. Nachdem im ersten Teil der Serie Chandra Brandenberger, Assistentin Leiterin Museumsdienste und Mitarbeiterin Museumsshop, im Gespräch war, kommt nun Bernadette Mock, Leiterin Kommunikation, zu Wort.

Wie ist aus Deiner Sicht das Museum in seiner neuen Heimat angekommen?
Ich kann natürlich nicht für das Museum reden, sondern nur für mich. Ich gebe hier meine subjektive Wahrnehmung wieder. Zunächst ist der Umzug mit über 500‘000 Designobjekten ein Kraftakt gewesen. Als wir gezügelt waren, war es ungewohnt, in den neuen Büros zu sein. Zwischendurch ist es dort so kalt gewesen, dass wir unsere Hände heiss abspülen mussten. Vieles stimmt auch jetzt klimatisch noch nicht. Aber dann hatten wir eine fulminante Eröffnung – die Leute waren begeistert. Auch der neue Zugang zu den Sammlungen kommt sehr gut an. Wir bekommen sehr viel positives Feedback! Und inzwischen ist es schon normal geworden, im Toni-Areal zu sein.

Haben sich mit dem Standort auch die Besucher verändert?
Es ist wirklich eine Freude: Wir merken die neue Nähe zur Schule nun deutlicher. Uns kommen mehr ZHdK-Angehörige besuchen – Dozierende, Mitarbeitende, Studierende, auch von anderen Schulen, vor allem aus dem Bereich Grafik und Design. Doch insgesamt lassen sich die Besucherzahlen nicht mehr mit dem alten Standort vergleichen. Mit der Ausstellung «100 Jahre Schweizer Design» hatten wir noch den Bonus des Neuen. Doch heute ist es vor allem am Wochenende manchmal sehr ruhig. Ich denke, der Standort ist nicht mehr so ideal wie zuvor an der Ausstellungsstrasse, nahe am Hauptbahnhof: Die längere Anreise ist für viele ein Hindernis – und selbst wenn der Besucher angekommen ist, findet er uns nicht gleich. Aber das geht dem Department Musik mit den Konzertsälen ja nicht anders, nehme ich an.

Wie wirkt sich die neue Wohnsituation auf Euch als Team aus?
Das Team ist nun auf drei Standorte verteilt: Hier im Toni-Areal sind die Sammlungen, die Direktion mit der Kommunikation und den Kooperationen, der Museumsbetrieb sowie die Werkstatt. Die Ausstellungsabteilung mit der Vermittlung sowie die Publikationen sind an die Hafnerstrasse gezogen. Und das Museum Bellerive im Seefeld gehört ja auch zu uns. Dass unser Team geteilt ist, ist nicht neu: Früher waren, nebst dem Museum Bellerive, die Mitarbeitenden der Sammlungen auf verschiedene Standorte verteilt. Jetzt ist die Mehrheit von uns zusammen im Toni-Areal, nah an der ZHdK, an den Ausstellungen und an den Sammlungen, aber weniger nah an der Ausstellungsabteilung. Dass die Ausstellungsmacher nicht vor Ort sind, finde ich schwierig. Sie machen Ausstellungen für einen Ort, den sie nicht miterleben können: Wer besucht uns hier, wie sind die Reaktionen? Ich hätte es schön gefunden, den Neustart mit allen gemeinsam machen zu können. Doch aus Platzgründen war das leider nicht möglich.

Dafür sind jetzt die Sammlungen geöffnet …
… die es seit 140 Jahren gibt und nie öffentlich zugänglich waren! Durch die Öffnung nach aussen etabliert sich auch intern eine neue Kultur. Man denkt plötzlich nach aussen, und unter den Sammlungsmitarbeitenden spalten sich die Geister: «Jetzt kann man den Schatz endlich einmal zeigen.» Und: «Ich will den Schatz aber pflegen, bewahren und schützen.» Mit einem Mal haben die Sammlungsmitarbeitenden andere Funktionen: sie machen mehr Führungen, leisten mehr Vermittlungsarbeit als früher. Das geht von der Zeit weg, die sie für die Sammlungs-, Konservierungs-, Restaurierungsarbeit bräuchten. Und das ruft auch Unzufriedenheit und Kritik hervor. 

Begreifen die Besucherinnen und Besucher den Unterschied zwischen «Schaudepot» und Sammlungsarchiv?
«Museum für Gestaltung – Schaudepot» ist der Name des neuen Standorts im Toni-Areal. «Schaudepot» nennen wir immer im Zusammenhang mit «Museum für Gestaltung», denn dieser Begriff ist als Marke etabliert. An diesem Ort gibt es die Ausstellungsflächen einerseits und die Sammlungen bzw. das Archiv andererseits. Letzteres kann man aus konservatorischen Gründen nur geführt besichtigen. Die Kommunikation nach aussen ist momentan herausfordernd, denn es gilt, viele Informationen zu vermitteln. Erstens: Wir haben einen neuen Standort. Zweitens: Dieser hat einen neuen Namen. Drittens: Dort kann man Ausstellungen und neuerdings – mit Reservation – die Sammlungen besuchen. Viertens: Der bisherige Standort ist bis 2017 geschlossen, weil dort umgebaut wird. Diese Menge an Informationen allein intern zu kommunizieren, war nicht einfach. Ganz lange wurde auch intern im Zusammenhang mit dem Toni-Areal nur von den Sammlungen gesprochen und nicht von Wechselausstellungen.

Auch ich finde die Struktur des Museums nicht leicht zu verstehen.
Wir probieren unser Bestes, die Dinge klarzumachen. Das Publikum tut sich mit der generellen Unterscheidung zwischen Ausstellungen und Sammlungen nicht leicht. Was ist wo, wann und wie zugänglich? Wir hegen die Hoffnung, dass es einfacher wird, wenn wir den Standort an der Ausstellungsstrasse wieder eröffnen und permanente Ausstellungen aus den Bestandteilen der Sammlungen heraus zeigen – parallel zu unseren Wechselausstellungen. Welche Arten von Ausstellungen wir ab Mitte 2017 an welchen Standorten zeigen werden, ist noch nicht festgelegt. Wir befinden uns gerade in einem längeren Prozess, diese strategischen Fragen zu klären, das Programm für die künftigen Standorte zu konzipieren.

Wie zufrieden seid Ihr mit den räumlichen Begebenheiten des neuen Museums?
Das neue Gebäude könnte unterschiedlicher nicht sein und wurde von Anfang an auf die Anforderungen eines modernen Museums ausgerichtet, räumlich wie auch klimatisch. Wir hätten theoretisch auch viel Tageslicht, müssen die Jalousien jedoch aus konservatorischen Gründen meistens geschlossen lassen, ähnlich der Situation am bisherigen Standort, wo die Räume auch mehrheitlich abgedunkelt wurden.

Was hat sich im Hinblick auf Deine tägliche Arbeit geändert?
Ich war zu Beginn sehr kritisch angesichts des grossen, unübersichtlich wirkenden Gebäudes zwischen Strassen, Hotels und teuren Wohnungen. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Mittlerweile gefällt es mir sehr, mit so vielen und verschiedenen Leuten unter einem Dach zu sein. Ich mag den Puls, der hier herrscht. Zudem haben wir ein tolles Büro. Auch wenn ich kaum gemerkt habe, dass der Sommer gekommen ist: Ich bin kein Fan von der ausgeklügelten Haustechnik, ich mag offene Fenster lieber, auch wenn es dann mal zu heiss, mal zu zugig ist. Zudem muss man am Toni für alles ein bisschen mehr Zeit einberechnen. Das Essen ist weniger gut: Früher habe ich oft im Museumscafé einen Teller Pasta gegessen. Um den Campus herum «tötelet» es. Der Park von der Ausstellungsstrasse und die Limmat fehlen mir – das kann die Dachterrasse nicht wettmachen. Und ich vermisse die Möglichkeiten, einzukaufen. Es braucht vermutlich noch 5–10 Jahre, bis da draussen mehr Leben entsteht. Doch alles in allem: Es ist sehr ok.

Wir sind am Ende des Gesprächs. Möchtest Du noch etwas hinzufügen?
Ich habe das Gefühl, dass ich nicht so gut auf den Punkt gekommen bin wie üblich. Das kenne ich gar nicht von mir. Das Thema Toni-Areal ist wohl überkomplex. Und es hat eben all diese Facetten. Zusammenfassend finde ich: Es ist jetzt so, wir haben diese neuen Begebenheiten und machen das Beste daraus. Neues hat immer Vor- und Nachteile. Es ist spannend und pulsierend, und ich bin Teil davon. Wenn ich am Wochenende in der Stadt bin, denke ich: ‹Ach, jetzt bin ich im richtigen Zürich.› Das Toni-Areal ist wie eine Parallelwelt. Und solange ich in dieser Parallelwelt bin, ist es ok. Aber sobald ich herauskomme, staune ich, dass ich es im Kontrast zur Innenstadt nicht als «das richtige Zürich» empfinde.