Category: 2022

Erzählen abseits der Schablone – Offene Erzählstrukturen in Filmausbildung und Dramaturgie

Abstract by Kathrin ResetarIts

Filmausbildung und Dramaturgie abseits der Schablone

Nach einer langen Ödnis, in der die Vormachtsstellung einer bestimmten Erzählform – propagiert von Regelwerken und Anleitungsbüchern – mit fast religiösem Eifer zementiert und verbreitet wurde, rücken filmische Erzählformen abseits dieser Strukturschablone wieder mehr in den Vordergrund. Dass hier etwas aufbricht, hat sicher damit zu tun, dass streng dramatisch bzw. plot-zentriert erzählte Filme aufgrund ihrer Berechenbarkeit und Übernormierung an Attraktivität verlieren und neue Serienformate am Markt immer wichtiger werden. Dadurch wird aber erfreulicherweise auch Diversität in den Inhalten, künstlerischer Ausdruck und die Aktivierung der sonst passiv ge-und unterhaltenen Zuschauer*innen gefördert. Diese Befreiung ist die Voraussetzung für lebendiges, Resonanz erzeugendes und gesellschaftlich relevantes Erzählen.

Für den Umgang mit thematisch gebundenen und konstellativen Strukturen, in denen der Plot keine Priorität hat, braucht es neue Ansätze. Herangehensweisen und Rezepte können nur sehr begrenzt einfach übernommen werden, da sie in vielen Fällen zu Deformationen und Beschränkungen der intendierten Inhalte führen. Unhinterfragtes muss hinterfragt werden, grundlegende narrative Techniken, die vor den Dogmen der Hollywoodproduktion ansetzen, müssen erarbeitet bzw. neu gewichtet werden.

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Auf der Suche nach dem “dritten Kino”

ABSTRACT BY RÜDIGER SUCHSLAND

Was würde Romy Schneider heute eigentlich für Filme machen (können)? Oder Jean-Paul Belmondo?

Beobachtungen eines Kinogängers

In meinem Vortrag versuche ich einige Thesen zur Lage des Kinos in der Gegenwart zu formulieren. Grob gesagt möchte ich zunächst einen bestimmten Typ Film skizzieren, den es heute viel weniger, vielleicht überhaupt nicht mehr gibt. Es ist ein Typ Film, der Anspruch mit niveauvoller Unterhaltung verbindet, Exzess mit Tiefe.

Diesen Typ Kinofilm nenne ich mangels besserer Begriffe “das dritte Kino”. Dieses “dritte Kino” ist weder ein (post)moderner, von Fantasy und Weltentranszendenz getriebener Blockbuster, noch jenes (post)moderne Kunstkino, das den Weg in die Galerie schon halb zurückgelegt hat.

Zugleich war “das dritte Kino” schon immer die Synthese zwischen Elementen dieser beiden Filmtypen.

Im Vortrag, ganz klassisch ohne Bildausschnitt, versuche ich diese Leerstelle und meine Vermutung zu deren Gründen zu benennen.

Wichtig ist: Ich richte mich nicht gegen ein Kino, dass heute vorhanden ist, sondern ich plädiere für ein Kino, das es früher gab und das ich heute vermisse.

Meinen Vortrag verstehe ich als Anstoß, um sich wieder an diese Filme und an die vielen ungenutzten Möglichkeiten des Kino zu erinnern – wenn es gut läuft, dann werden alle anwesenden Filmemacher danach ganz wehmütig und haben sofort Lust, selber wieder solche Filme zu machen.

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Collecting Real Fictions

Abstract von Anna Sofie Hartmann

Eine Fallstudie, die die Recherche- und Entwicklungsmethode des Spielfilms “Giraffe” untersucht.

Was ist, wenn die Idee für einen Film von einem bestimmten Ort, von Gefühlen oder Beobachtungen über die Welt ausgeht und nicht von einer Figur oder einer Geschichte? Wie kann eine Erzählung aus der realen Welt um Sie herum ausgegraben werden, wie findet man den Fokus? Wie bringt man gesammelte und scheinbar disparate Ideen zu einem kohärenten dramatischen Ganzen zusammen?

In Collecting Real Fictions wird Anna Sofie über den Entstehungsprozess ihres zweiten Spielfilms «Giraffe» sprechen. Angefangen bei der Entwicklung der Ideen, über die Art und Weise, wie das Fotografieren von Orten und das Treffen mit Menschen den Schreibprozess beeinflusste, bis hin zu der Art und Weise, wie das Casting und die Arbeit mit Laiendarstellern den schließlich gedrehten Film beeinflusste, und nicht zuletzt, wie der Schnittprozess den Film wieder und wieder und wieder umschrieb.

Indem sie auf einem Kino beharrt, dessen Interesse darin besteht, der Kraft des Bildes Zeit zu geben und nicht nur eine Geschichte zu illustrieren, wird Anna Sofie erörtern, wie dieses Interesse konventionelle Erzählstrukturen sowohl überschneidet als auch mit ihnen kollidiert – und wie es möglich ist, innerhalb dieser Strukturen Räume für Momente reinen cineastischen Vergnügens zu finden.

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Collecting Real Fictions

Abstract by Anna Sofie Hartmann

A case study examining the research and development method of the feature film “Giraffe”.

What if an idea for a film begins with a specific place, or from feelings or observations about the world and not with a character or a story? How do you excavate a narrative from the real world around you and find your focus? How do you bring collected and seemingly disparate ideas together to form a coherent dramatic whole?

In Collecting Real Fictions Anna Sofie will discuss the process of making her second feature film “Giraffe. Beginning with the gestation of the ideas, to how photographing places and meeting people influenced the writing process, to how casting and working with non-professional actors informed the film that was eventually shot, and not the least, how the editing process rewrote the film again and again and again.

In insisting on a cinema whose interest it is to give time to the power of the image, not merely to illustrate a story, Anna Sofie will discuss how that interest both intersects and clashes with conventional narrative structures – and how it’s possible to find spaces within those structure for moments of pure cinematic pleasure.

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Die Grenzen verschieben: Vom Alten lernen, das Neue schaffen

Abstract von Dr. Linda Seger

(aus dem Englischen übersetzt) Kreative Autor:innen arbeiten mit Grenzen und mit Balance. Es ist ein Balanceakt zwischen Kunst und Handwerk – das Handwerk zu beherrschen und die Kunst zum Ausdruck zu bringen. Ohne Handwerk droht Verwirrung und eine willkürliche Herangehensweise an die Kunst – was manchmal funktioniert, aber meistens nicht. Ohne Kunst ist das Produkt abgeleitet, offensichtlich und banal.

Es gibt ein Gleichgewicht zwischen Kunst als Ausdruck und Kunst als Kommunikation.
Es gibt ein Gleichgewicht zwischen dem Vorantreiben unserer Kunst in neue Formen und dem Festhalten an den vermeintlich “alten Regeln”, so dass wir in ihnen erstarren. Es gibt ein Gleichgewicht zwischen “immer innerhalb der Linien malen” und “tun, was man will”.

Ich glaube nicht an Regeln und Formeln, aber ich glaube an Konzepte und Ideen. Ich glaube: “Du kannst alles tun, was du willst, wenn du es kannst!” Das bedeutet, dass man jedes Mal, wenn man von dem abweicht, was andere Leute als Regeln bezeichnen, einen Ausgleich schaffen muss und sich bewusst sein muss, was man tut und warum man es tut und wie man es umgehen kann, damit es funktioniert. Wir werden also über einige dieser heimtückischen Techniken sprechen, die gut zu kennen sind und die unserer Kunst dienen können.

In diesem 30-minütigen Vortrag werden wir uns mit den folgenden Themen und Fragen befassen:
1. Momentum-Probleme: Wie hält man eine Geschichte in Gang, wenn man den Schwerpunkt auf Episoden und Entwicklung statt auf Ergebnisse und Auflösungen legt?
2. Fokus- und Orientierungsfragen: Wie hält man den Fokus aufrecht, wenn man den Schwerpunkt eher auf emotionale Momente und Transformation als auf Handlungspunkte legt?
3. Strukturelle Fragen: Welche Aspekte der Drei-Akt-Struktur sind eher hilfreich als hinderlich, und wie können diese eingebracht werden, während man scheinbar “alle Regeln bricht”? (Wenn Sie Zeit haben, sehen Sie sich den Film Luther mit Joseph Fiennes an, bei dem ich als Drehbuchberaterin fungierte und im dritten Akt zwei der wichtigsten “Regeln” beim Drehbuchschreiben brach. Ich werde kurz darauf eingehen, welche das waren und wie wir das Problem kompensiert haben, das sich daraus ergeben hat).
4. Aktionspunkte: Wie kann man Aktionspunkte reduzieren, um das Publikum nicht zu erschlagen (à la Stirb Langsam) und sie trotzdem für die Klarheit nutzen? Wie viel Abstand wollen Sie zwischen Ihrem Publikum und Ihrer Handlung?
5. Quellen und Wissen: Wie suchen Sie nach Quellen und arbeiten mit dem Wissen und den Erkenntnissen anderer Künstler, ohne sich von ihnen in ihre eigenen Formeln pressen zu lassen?

Es könnte hilfreich sein, einen Blick in mehrere meiner Bücher zu werfen, die diese Fragen auf unterschiedliche Weise behandeln: Making a Good Script Great, das sich mehr mit konventionellen Strukturen beschäftigt. Advanced Screenwriting, das sich mit unkonventionellen Strukturen befasst. Making a Good Writer Great, das sich mit dem kreativen Prozess befasst. Und das Kapitel über den Film Crash in And the Best Screenplay Goes to – Learning from the Winners.

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Politisches Erzählen in populistischen Zeiten

Abstract von Christian Schwochow

Der Ton in der Politik, aber auch in der Gesellschaft ist in den letzten Jahren lauter geworden. Wer mit seiner Meinung durchdringen will: polarisiert, vereinfacht und vergröbert. Das verändert Politik und das verändert auch den Blick auf Politik. Wie begegnen wir als Künstlerinnen und Künstler, als Filmschaffende dem sich zuspitzenden Populismus in Europa und der Welt? Wie können wir mit unseren Mitteln den antidemokratischen Kräften, die unser Verständnis von Gesellschaft ablehnen und diese versuchen zu spalten, begegnen ohne dabei didaktisch oder belehrend zu werden?

Christian Schwochow hat in den letzten Jahren versucht, mit verschiedenen Arbeiten wie: „NSU-Heute ist nicht alle Tage“, „Deutschstunde“, „Je suis Karl“ und „Munich -The Edge of War“ politisches Fernsehen und Kino zu erzählen. An der Tagung wird Christian Schwochow über seine verschiedenen Herangehensweisen berichten. Es wird darum gehen, warum es immer wichtiger wird, Schattierungen mitzuerzählen, welche Grenzen politisches Erzählen mit sich bringt und warum er es trotzdem als extrem wichtig erachtet, als Künstler*in sich politischen Themen zu stellen. Auch in Filmen.

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