Art.School.Differences und die aesthetische UrteilskraftArt.School.Differences und die aesthetische UrteilskraftArt.School.Differences und die aesthetische Urteilskraft

Art.School.Differences und die aesthetische Urteilskraft

BERICHT ZUM ART.SCHOOL.DIFFERENCES-ABSCHLUSSSYMPOSIUM ‚BECAUSE IT’S 2016‘ von Karin Hostettler*

Art.School.Differences verfolgte ein ambitioniertes Projekt: Im Zentrum stand die Studie, in deren Abschlussbericht deutlich wird, welche Prozesse von Inklusion und Exklusion an Schweizer Kunsthochschulen am Wirken sind. Dem Ansatz der partizipativen Forschung folgend wurden Beforschte selber als Ko-Forschende in diese kritische Auseinandersetzung miteinbezogen. Zudem wurde das Projekt von einem internationalen Beirat wissenschaftlich begleitet. Dadurch erschuf das Projekt einen Raum der kritischen Auseinandersetzung, der versuchte, die Prozesse des Ein- und Ausschlusses nicht nur kritisch zu reflektieren, sondern diese Grenzen auch tatsächlich ein Stück weit zu verschieben. Mit dem Projekt wurde ich genauer vertraut, da ich Teile des Abschlussberichts gegenlesen durfte. Die Abschlusskonferenz bot nun Gelegenheit, diesen Raum für ein breiteres Publikum weiter zu öffnen und zudem die Kunst selber als ein Teil des Forschungsprojekts miteinzubinden. Entstanden ist dadurch ein abwechslungsreiches Programm mit 5 Keynotes, zwei Podiumsdiskussionen und einem Parcours von 10 Stationen, in denen sich die Teilnehmenden kritisch-künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen konnten.

Als Philosophin und Gender Studies Lehrende und Lernende aus der Schweiz möchte ich im Folgenden meinen Bericht zur Konferenz der Art.School.Differences mit einem Konzept in Verbindung bringen, das auf die ästhetischen Urteilskraft von Immanuel Kant zurückgeht. Denn mir scheint, dass das Projekt Art.School.Differences versucht hat, einen alternativen und widerspruchsvollen sensus communis herauszubilden. Kant hat in den 1790er Jahren diesen Begriff aufgenommen und ihm eine leicht veränderte Bedeutung verliehen: Er versteht den sensus communis als einen gemeinschaftlichen Sinn, der mit einem konkreten Urteil verwoben ist. Erst durch diesen Bezug auf einen gemeinschaftlichen Sinn kann das Urteil eine Allgemeinheit erhalten, ohne jedoch als zwingender Schluss universalisiert zu sein, der zwischen allgemeinen vernünftigen Ideen und dem konkreten empirischen Material gezogen werden muss. In diesem Sinne sind ästhetische Urteile keine bestimmende, sondern reflexive Urteile, die einen exemplarischen Charakter haben, da sie auf allgemeinere Ideen hindeuten, die im Urteil involviert sind. Vor diesem Hintergrund ist es Kant möglich, das Urteil als zugleich subjektiv und allgemein zu charakterisieren. Diese widersprüchlich erscheinende Charakterisierung hat direkt Einfluss auf das Urteil selber: Wir überprüfen unser ästhetisches Urteil, indem wir ‚an der Stelle jedes anderen denken‘ (KdU (1790, 1793 und 1799: §40). Dieses Konzept des sensus communis als erweiterte Denkart wird in meinen Augen dann spannend, wenn zudem eine kleine Abänderung vorgenommen wird: ‚an der Stelle veranderter denken‘. Damit soll an der Stelle jener gedacht werden, die durch die Mehrheitsperspektive an den Rand gedrängt oder gar ausgeschlossen werden. Der Begriff ‚Veranderung‘ (Othering) ist sowohl in der feministischen Theorie (Beauvoir), also auch in der postkolonialen Theorie (Said, Fabian) verankert.
Im Folgenden möchte ich einen kleinen Versuch unternehmen und diese leicht veränderte Version des sensus communis anhand der Abschlusskonferenz weiter ausformulieren.

Welche Prozesse von Veranderung im Kontext von Kunsthochschulen im Vordergrund stehen – und an dessen Stelle es dann zu denken und auch handeln gilt –, gilt es zunächst zu eruieren. Dass sich jedoch Kontexte nicht immer so klar voneinander abgrenzen lassen, machte bereits der erste Tag an der Art.School.Differences deutlich. Denn in Bezug auf die Kunsthochschulen in der Schweiz hat die Präsentation des Forschungsprojekts von Sophie Vögele, Philippe Saner, Pauline Vessely und Carmen Mörsch kenntlich gemacht, wer zu ‚anderen‘ gemacht wird: So sind es insbesondere Schweizer_innen ohne Migrationshintergrund sowie Menschen, die über ihre Familie einen ‚bildungsnahen‘ (und mit Bildung ist hier die institutionalisierte Ausbildung gemeint) Hintergrund mitbringen, die den Weg an die Hochschulen finden. Wie Saner es mit Bourdieu zugespitzt hat: Statistisch lässt sich aufzeigen, dass sich hier eine kulturelle Elite über den Ausschluss anderer sozialer Positionen reproduziert. So wird also bereits im Moment der Zulassung deutlich, inwiefern Kunsthochschulen in machtvollen sozialen und kulturellen Strukturen eingebunden sind. Darüber hinaus kämpfen zugelassene Studierende mit Auswirkungen gegenwärtiger nationaler und internationaler Politik und Wirtschaft, wenn sie für Aufenthaltsbewilligungen, Visa und Wohnräume viel Zeit und Energie aufbringen müssen – wie die Interviews im Film ‚How to Survive in the Swiss Art School Jungle?‘ aufgezeigt haben. Während aus der Sicht der Studierenden klar ist, dass diese externen Studienbedingungen einen grossen Einfluss auf das Studium an einer Kunsthochschule haben können, scheint dies aus Sicht von Leitenden der drei Partnerschulen der Art.School.Differences (Lysianne Léchot Hirt (HEAD – Genève), Hartmut Wickert (ZHdK) und Xavier Bouvier (HEM Genève-Neuchâtel)) vernachlässigbar: Die Umgebung, in denen sich die Kunsthochschulen befinden, scheinen nicht nur ausserhalb ihrer Handlungsreichweite zu liegen, sondern sogar handlungsanleitend zu sein. Die Verbindung zu Gesellschaft, Staat und Wirtschaft wurde auf dem Podium vorüberwiegend verstanden als äussere Anforderung, die eine Kunsthochschule zu erfüllen hat: Sie soll nicht nur marktfähige Subjekte, sondern auch verantwortliche Bürger_innen hervorbringen. Bouvier verdeutlicht, dass Musikhochschulen unter politischem Druck stehen, Wickert erwähnt, dass Studierende professionelle Künstler_innen werden wollen und dadurch bereits während des Studiums einen bestimmten Status erreichen müssen, um später im Markt erfolgreich bestehen zu können. Verschiedene Kontexte auf diese Art zu isolieren, das eigene Feld damit deutlich ein- und abzugrenzen und als Teil eines grösseren, bestimmenden Ganzen zu sehen, kann aus der Perspektive eines Projekts wie der Art.School.Differences problematisiert und kritisiert werden: Hier wird von Gatekeepers zum grossen Teil Handlungsmacht abgestritten und kein Wille zur Veränderung bestehender und deutlich aufgezeigter Exklusionsprozesse gezeigt.

Dass es sich dabei auch um ein epistemologisches Problem handelt, hat die Intervention von Nana Adusei-Poku in der Diskussion des Panels sowie ihre Keynote am Nachmittag deutlich gemacht. Dies lässt sich mit dem von ihr eingebrachten Konzept der ‚racial times‘ erklären. Dieses findet ihre Verankerung darin, dass neue Bücher zuerst an weissen Schulen und erst später an Schwarzen Schulen zugänglich waren. Dadurch wird eine machtvolle hierarchisierende Differenzierung zwischen Gruppen über eine grundlegende Kategorie wie Zeit hergestellt. „Allgemeines Wissen“, so macht dieses Konzept deutlich, ist nicht für alle gleichermassen zugänglich. Auf der anderen Seite finden Schriften von Autor_innen wie Edward Said, Gayatri Spivak, May Ayim, Tori Morrison, Franz Fanon und vielen mehr immer noch nicht genügend Aufmerksamkeit. Denn postkoloniale Studien sowie queere Theorien, so stellt Adusei-Poku fest, werden systematisch ignoriert oder als spezielles Feld am Rande hinzugefügt, was letztlich wiederum den weiss en, eurozentrischen Mainstream konsolidiert. Solche wissenspolitischen Entscheide zeitigen ihre Auswirkungen für die Studierenden: So steht die Geschichte und Kultur von einigen Studierenden im Zentrum, die damit strukturell von weissen Privilegien profitieren. Wird versucht, innerhalb der Institution normative Setzungen durch Prozesse der Dekolonisation anzugehen, wird dies von den Institutionen als Bedrohung wahrgenommen, da zentrale Konzepte, die tief in Aufklärung und Moderne verankert sind, hinterfragt werden. Zudem verdeutlicht Adusei-Poku, dass Dekolonisierung nicht direkt mit Empowerment von Schwarzen Menschen und People of Color einhergeht. Sie sieht es deshalb als notwendig an, dass es sichere Räume für Schwarzen Menschen und People of Color ausserhalb von Institutionen geben muss. Damit wird deutlich: Bestrebungen zu einer Dekolonisierung der Institutionen sind einerseits notwendig, aber letztlich immer auch eine Überforderung, wie bereits der Titel ‚Everyone Has to Learn Everything!‘ deutlich macht.

Der Beitrag von Rubén Gaztambide-Fernández hinterfragte den Kontext der institutionalisierten Kunstproduktion, indem er den Fokus auf das grössere Feld der kulturellen Praktiken richtete. Kunstausbildungen an Hochschulen verfolgen laut Gaztambide-Fernández das Ziel, Studierende zu zivilisieren und zu europäischen/westlichen Bürger_innen zu machen. Damit ist Kunst eng verbunden mit impliziten Vorstellungen über eine europäische Vormacht. Mit dem Kunstbegriff werden also koloniale, klassenspezifische und vergeschlechtlichte Hierarchien aufrechterhalten. Mit Blick auf kulturelle Praktiken wird deutlich, dass ‚Kunst‘ einen Prozess von ’naming und framing‘ mit sich bringt: Kulturelle Praktiken können dann als Kunst erscheinen, wenn sie sich auf die europäische ästhetische Tradition bezieht. Die kulturellen Produktionen verorten sich demgegenüber aktiv in konkreten Machtverhältnissen und versuchen auf der symbolischen Ebene zu intervenieren. Es geht darin um materielle Ordnungen, Ressourcen und Verkörperungen, welche die Grundlage für kulturelle Produktion bilden und diese auch prägen. Zudem werden in der kulturellen Produktion auch relationale Ordnungen wie pädagogische Aspekte, soziale, psychische und/oder ethische Beziehungen, explizit thematisiert. Gaztambide-Fernández veranschaulichte dies mit Bildern zu einem Protest von Studierenden aus Puerto Rico, die sich auf der Demonstration als Polizisten verkleidet haben. Dadurch konnten sie die politische Ordnung unterbrechen, was sowohl einen Effekt auf die Demonstrierenden, wie auch die Ordnungshüter_innen hatte.

Eine solche Intervention in die symbolische Ordnung der Kunsthochschule bot die Performance ‚Black Notice‘ von Ntando Cele als Abschluss des ersten Tages. Ihre Freak-Performance als Bianca White brachte das wirkmächtige koloniale Archiv auf die Bühne, das durch ihre Performance bearbeitet und verschoben wurde. Als Bianca White kann sie einen eigenen Raum erschaffen, in dem u.a. rassistische Anekdoten, Bildungsprojekte und Sprachaneignungen wieder-aufgeführt werden und deren perverse, gewaltvolle und verstümmelnde Seite wird gerade durch groteske Einlagen hervorgehoben und damit die hegemoniale Referenz unterbrochen.

Der erste Tag der Abschlusskonferenz hat damit deutlich gemacht, dass ein alternativer sensus communis sich dann bilden kann, wenn institutionalisierte Grenzen als Momente der Macht aufgezeigt und hinterfragt werden. Beide Vortragenden beziehen sich dabei auf Wissen, Erfahrungen und Material, das ausserhalb des Curriculums und des Kanons der jeweiligen Disziplin liegt. So können sie aufzeigen, wie die Grenzsetzung funktioniert und wie das Eingegrenzte sich selber normalisiert.

Damit jedoch kritische Forschungsperspektiven nicht isoliert neben dem Mainstream stehen bleiben, braucht es auch eine postkolonial-dekonstruktive Analyse disziplinärer Kanons, wie dies der Beitrag von Cornelia Bartsch in Bezug auf die Musikwissenschaften unternahm. Mit Blick auf das 18. Jahrhundert fokussierte sie auf die sich damals etablierende ‚absolute Musik‘. Bartsch stellt eine Überblendung des Stammbaums der Musikerfamilie Bach mit dem Stammbaum der Musik fest. Damit wird Musikgeschichte durch drei Charakteristika definiert: einer panoptischen Sichtweise, einem evolutionären Modell sowie der Vergeschlechtlichung der Musik durch den Ausschluss der Frauen. Mit dem Aufkommen der universalen Musik werden Grenzfiguren etabliert, die vergeschlechtlicht wie auch rassifiziert sind. Bartsch kann so verdeutlichen, dass der Kanon der modernen Kunst intrinsisch mit Rassismus verbunden und zudem mit der beginnenden Kommodifizierung der Kunstproduktion verschränkt ist.
Der Beitrag von Rena Onat und Bahareh Sharifi betrachtet die kulturelle Produktion als zentrales Moment zur sozialen Integration. Dabei erkennen sie gegenwärtig eine Logik, nach der in aktuellen deutschen Programmen Geflüchtete als Kunstrezipient_innen angesprochen werden, jedoch nicht als Kunstproduzent_innen. Sie präsentierten das Jugendtheaterbüro ‚kultür auf!‘ aus Berlin als best practice alternativer Kunstproduktion. Mit dem Stück ‚Gentrifihää? GentrifiDichSelbst‘ griffen die Jugendlichen das Thema der Gentrifizierung in Berlin auf, durch den viele der Beteiligten selber direkt betroffen sind. In der Erarbeitung des Stücks wurde die Komplexität von Gentrifizierung deutlich, so bspw. dass keine soziale Gruppe als schuldige für diesen Prozess angeklagt werden kann. Als Resultat ging es vielmehr darum, sich zusammen zu tun und gemeinsam den Kampf dagegen aufzunehmen. Zudem präsentierten sie Arbeiten und Hintergründe des in Berlin lebenden Künstlers Hasan Aksaygin und problematisierten u.a. seine Erfahrungen während dessen Kunstausbildung: So musste Aksaygin den Lehrenden seine Werke erklären, da diese auch auf Referenzen auf die zypriotische Kunst beinhaltete, die den Lehrenden an der Kunsthochschule unbekannt war.

In der letzten Keynote präsentierte Melissa Steyn das Konzept der critical diversity literacy. Damit soll die vorherrschende Epistemologie der Ignoranz, die sie insbesondere mit Blick auf Südafrika ausführt, angegangen werden, die im Gesellschaftsvertrag eingeschrieben ist, der ausschliesslich zwischen weissen geschlossen wurde. Die critical diversity literacy soll aus einem soziopolitisch verorteten Standpunkt eine kritische Linse zur Verfügung stellen. Aus dieser Perspektive soll u.a. deutlich werden, wie Machtstrukturen Differenzen zwischen den Menschen herstellen, die einen Unterschied machen; wie unterschiedliche Unterdrückungssysteme zusammen interagieren, wie diese sich reproduzieren, aber auch wie gegen diese Widerstand geleistet werden kann; die Anerkennung von ‚Rasse‘ und Rassismus als aktuelle und historische soziale Probleme und nicht zuletzt ein Engagement für die Transformation dieser unterdrückenden Systeme mit dem Ziel, mehr soziale Gerechtigkeit auf allen Ebenen der sozialen Organisation umzusetzen. Damit greift Steyn den nicht unproblematischen Modebegriff ‚Diversity‘ auf, der insbesondere durch die Management-Theorie an Einfluss gewonnen hat, stattet ihn jedoch mit einem Anspruch auf soziale Gerechtigkeit aus, was dem allgemeinen Verständnis von Diversity zumeist leider abgeht.

Das Projekt Art.School.Differences hat in meinen Augen deutlich gemacht, dass ein alternativer sensus communis dringend notwendig ist, um in unterschiedlichen Gesellschaften wie auch den darin verorteten Kunsthochschulen und Universitäten Momente der Inklusion und Exklusion benennen und problematisieren zu können. Die zahlreichen Beiträge deuten jeweils exemplarisch auf Ideen von sozialer Gerechtigkeit hin, die sich vielleicht nie vollständig positiv ausformulieren lassen, die wir jedoch durch die Kritik erahnen können. Dieses Verständnis von sensus communis muss widerspruchsvoll und selbstkritisch bleiben, dies auch, weil es gilt, Institutionen hörbar zu kritisieren und auf weitere Handlungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen und zugleich eine kritische Gemeinschaft herzustellen und damit auch sich selber Sorge zu tragen und damit sozial und kulturell konstruierte Differenzen zu überwinden. Dieses sich selber Sorge tragen bleibt jedoch auch in sich spannungsvoll, gerade weil unterschiedliche Unterdrückungssysteme am Werk sind, die sich unterschiedlich zusammenschliessen können. Es gilt also auch innerhalb eines alternativen sensus communis, Spannungen auszuhalten und, wenn möglich, sie produktiv zu nutzen. Ich hoffe, dass die Teilnehmenden diesen Anspruch von Art.School.Differences weitertragen. Insgesamt hätte ich der Veranstaltung mehr Aufmerksamkeit gewünscht, denn die Vorträge, Diskussionen, Kunstperformances und Workshops haben die Tragweite des Anspruchs an mehr soziale Gerechtigkeit deutlich gemacht, der weit über den Bereich der Kunsthochschulen hinaus geht.

*Karin Hostettler hat Philosophie und Gender Studies studiert und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Assistentin für den Fachbereich Gender und Diversity an der Universität St.Gallen. In ihrer Dissertation dezentriert sie den philosophischen Kanon, indem sie eine postkoloniale Interpretation der Schriften des deutschen Aufklärers Immanuel Kant entwirft.