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Salome – Rohfassung

Ich habe entschieden, dass ich lediglich meine Beschreibungen brauche.

Casablanca

formlos an der Bar
blaue Jeans, dunkle Jacke
Daunen und Hornbrille
Blick in ein Gerät
vertieft
mit dem Zeigefinger
an den Mund fassen
mit Daumen und Zeigefinger
die Brille richten
ein Fuss steckt
versteckt im Gestell
des Barhockers
der andere tief verwurzelt
am Boden und im Leben
Mund zusammengepresst
eine O-Form erkennbar
der Reissverschluss bammelt
von links nach rechts
grosse Bewegungen gehen
in kleinere über
der Blick schweift
entschweift
der Kopf steckt
im Kragen
bis eine Spannung entsteht
entspannter
Blick in die Weite
durch die dickbeschichtete
Hornbrille und Regenstiefel
durch die schweren
Stiefel
sieht man den Zeh
in das Leder
gleiten und bohren
die Mundwinkel zucken
summt er den im Radio
laufenden Song
Gespräche in französischer
Sprache und Betonung
Mund wird spitzig
in unregelmässigen Abständen
runde volle Lippen
getönte
Haut und Hornbrille
grobe Nase
zu gewaltig
für das karge Gesicht
lange tiefe
Blicke und Gespräche

 

 

Café des Amis

die Beine
nicht ganz so lang
dass sie den Boden
berühren
das Gesicht hängt
ein wenig
müde und antriebslos
die Augenlider halb
geschlossen und schwer
wie Monde
die untergehen
das linke Augenlid
rollt auf
das rechte Augenlid
schwerer und geschlossener
Schultern nach vorne
gebäugt und schwer
beide Arme
auf dem Tisch
aufgetischt
wie marode Holzstücke
rötliches Haar
gebleicht und brüchig
leichte Tippbewegungen
der Fingerspitzen
wahlweise
Zeigefinger und Mittelfinger
schwerfällige Bewegungen
wenn sie sich schnäuzt
versammelt sich
ihr Gesicht
im Zentrum
ihre Backen
werden gross
kugelrunde Bonbons
feuerrote
Wangen und Brustkorb
blasen sich auf
kugelrunde Ballons

 

 

Migrosrestaurant

gebückt
gänzlich nach vorne
gebäugt und stumm
der Oberkörper
verdeckt die Tischplatte
vollkommen
schreibt etwas
auf
und ab
wurstige Finger
umklammern
den Stift
so nahe bei der Mine
dass die Hand
den Stift
beinahe verschlingt und versteckt
die Unterlippe
schiebt sich vor
die Oberlippe
Halbglatze und aalglatt
nur bei den Augen
wird die Haut zusammengedrückt
zusammenlaufen
von tiefen Furchen
mit dem Ärmel
über den Mund
wischen und tief
konzentriert
Lottokarten
aufgestapelt und gereiht
eine nach der anderen
Reihe für Reihe
ankreuzen und dicke
Augenbrauen
kleben an der Stirn
werden nur zusammengedrückt
wenn er konzentriert
auf den Tisch
blickt und bäugt
der Körper ist reglos
solange er schreibt
augenblicklich
dann kippt er
zur Seite
die Beine
hintereinander
als würden sie
sich gleich auf den Weg machen
immer auf der
Hut und Gehstock

die Hände scheinen
nie still und unbeholfen
er schiebt
die Lottokarten
dass sie im rechten
Winkel zur Tischkante
stehen und warten
bis er die nächste
vom Stapel nimmt
er stellt den Stift
hin
und wieder
beginnt er von neuem
hastige Bewegungen
beim Ausatmen
beim Einatmen
eher nicht

 

 

Bibliothek

die Hand
an der rechten Wange
die Hand
zu einer Faust geformt
die Füsse
wippen
nervöse und rasante
Wippbewegungen
die Augen blinkern
immer wieder
die Hände wandern
immer wieder
übers Gesicht
halten kurz inne
bevor sie wieder
immer wieder
übers Gesicht wandern
der Mund
halb geöffnet
findet keine Ruhe
die Innenseite
des kleinen Fingers
berührt die Lippe
an ihrer vollsten Stelle
sie tippt und drückt
die rote Farbe
in die gelbe Lippe
immer wieder
fährt über die Nase
und kneift
die Nasenlöcher
zu feinen Fäden
zusammen
die Füsse
übereinandergeschlagen
die Füsse
auseinandergestreckt
die Füsse
angewinkelt
die Füsse
parallel
auf dem Boden
Winkel schlagend
die Füsse
wippen und schlagen
an das metallige
Stuhlbein
leises Klirren
immer wieder
mit dem Stuhl
hin und her
das Gewicht auf der linken
das Gewicht auf der rechten
Gesässseite
rücken und drücken
die Hand
im Nacken und kalt
zupft Härchen
einzel und flink
die Hand
zur Faust geformt
hallendes Husten
immer wieder
das rechte Auge
verschwindet
im Wangenknochen
aufrechte Haltung
der Stuhl
nach hinten rücken
quietschendes Geräusch
entschuldigender und flüchtiger
Blick
immer wieder

Salome – Konzept

Fremdwahrnehmung – Eigenwahrnehmung

Ich finde es äusserst interessant, wartende Menschen zu beobachten. Da ich seit neustem im Kreis 4 wohne, besuchte ich oft das Kreisbüro bei der Langstrasse. Die Wartezeit bis man endlich an den Schalter gerufen wird, ist extrem lang. Daher habe ich mich für diesen Ort als Ausgangslage für meine Beobachtungen entschieden.

Ich halte mich im Wartesaal auf, studiere die wartenden Menschen und mache mir zu ausgewählten Personen Notizen.

Auf folgende drei Punkte achte ich mich besonders:

  1. Körperhaltung
  2. Hände
  3. Blick / Mimik

Nun geschieht ein Perspektivenwechsel. Ich schreibe aus der Sicht dieser beobachteten Person. Aufgrund meiner Beobachtungen stecke ich sie in ein gewisses Umfeld und überlege mir, wie sich die Person selber sieht. Wie wäre ich gerne als Person? Wie nehme ich mich selber wahr? Wie würde ich mich selber beschreiben? Dabei konzentriere ich mich vor allem auf folgende Themen:

  1. Was übt diese Person beruflich aus?
  2. In welchem Umfeld bewegt sie sich?
  3. Was beschäftigt sie?
  4. Auf was wartet sie im Moment?

In einem dritten Teil stelle ich der beobachteten Person folgende Fragen:

  1. Was üben Sie beruflich aus?
  2. Was wollten Sie werden, als sie noch klein waren?
  3. Was beschäftigt Sie?
  4. Über was haben Sie während der Wartezeit nachgedacht?
  5. Auf was warten Sie?
  6. Gibt es ein Vorurteil über Sie, welches Sie immer wieder hören?

 

Mein Text beinhaltet zwei bis drei Personenbeschreibungen. Zuerst werde ich eine Person auf Grund meiner vorgenommenen Einschränkungen sachlich analysieren. Danach verfasse ich eine fiktive Beschreibung zu dieser Person aus ihrer eigenen Sichtweise. Eventuell erzähle ich eine Kurzgeschichte aus ihrem Leben, oder was die Person im Moment beschäftigt. Zum Schluss zähle ich einige reale Fakten zu dieser Person auf.

 

Im ersten Teil stehe ich als Beobachter im Zentrum. Ich beobachte sachlich und neutral. Im zweiten Teil schreibe ich aus dem Standpunkt, der Person die ich beobachte. Wie wäre ich gerne? Was habe ich für ein Idealbild von mir? Eine Art Selbstdarstellung der beobachteten Person aus meinen Augen. Hier werde ich die Person aus einer viel persönlicheren Sichtweise beschreiben, nämlich aus der Sichtweise des Beobachteten. Ich interpretiere auf Grund der Beobachtungen, und versuche eine Geschichte zu dieser Person zu kreieren. Im letzten Teil lasse ich die Person selber sprechen. Hier wird die Sichtweise des Beobachteten über die von mir geäusserten Fragen beschrieben.

Salome

Ich beobachte gerne fremde Menschen. Ich sitze mich etwas abseits und sehe ihnen zu wie sie sich bewegen, sich kleiden, über was für Themen sie sich unterhalten, und überlege mir dabei, was für Menschen sie sind und was ihre Wünsche und Hoffnungen sein könnten.

Meine Idee besteht darin, in einem öffentlichen Raum wie z.B. in einem Wartesaal, im Zug oder in einer Poststelle etc. fremde Menschen zu beobachten. Ich beschreibe die Beobachteten, schreibe mir auf, wie sie auf mich wirken, wie sie sich kleiden und sich bewegen. Ich versuche mir zu überlegen, was sie beschäftigt, woher sie stammen und was für ein Leben sie führen. Ich erfinde zu diesen mir fremden Personen eine Geschichte, lediglich aufgrund vom Beobachten.

Eventuell könnte ich in einem zweiten Schritt mit diesen Personen ins Gespräch kommen. Ich teile ihnen meine Beobachtungen und meine Einschätzungen mit. Danach befrage ich die Personen und versuche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten meiner Einschätzung bzw. meiner fiktiven Geschichte mit der Realität herauszufinden. Diese beiden Ebenen könnte ich miteinander verbinden.