Wozu eigentlich twittern? Wozu aus Veranstaltungen twittern?

Für die nächsten zwei Wochen (also vom 5. bis zum 18. Oktober) werde ich via Twitter aus Lehrveranstaltungen der ZHdK berichten. Was Twitter ist und wozu es gut sein könnte, habe ich 2012 für einen Vortrag mit dem Titel „Die Zwitschermaschine“ etwas ausführlicher aufgeschrieben.

Zu Beginn der ersten Veranstaltung:

Ich weiss nicht, warum das an der ZHdK so ist. Schliesslich hat Kunst doch oft mit Publikum zu tun, und in letzter Zeit auch immer öfter mit dem Einwerben von Crowdfunding-Geldern. Da läge es doch nahe, mit der Öffentlichkeit zu sprechen und nicht nur mit geschlossenen Facebook- oder Whatsapp-Gruppen. Ich möchte, was Twitter angeht, nicht denselben Fehler machen wie Jack Griffin, CEO der Tribune-Publishing-Gruppe, der Ende September in einem Interview ankündigte, die Jugend werde schon bald wieder mit dem Zeitunglesen anfangen. Vielleicht ist Twitter für mich viel überzeugender als für 20-Jährige. Aber bei Instagram und YouTube kommen mir die ZHdK-Studierenden kaum weniger zurückhaltend vor.

Der oben erwähnte Zwitschermaschinentext enthält einen Abschnitt über das Veranstaltungstwittern:

    • Durch 4., 5. und 6. [die vorher dargelegten Twittereigenschaften Mobilität, Schnelligkeit und Öffentlichkeit] etablierte sich ein Einsatzzweck, für den Twitter heute eine Art Monopol hat: das Veranstaltungstwittern.
    • Vor Twitter war diese Nische durch Liveblogging besetzt. Aber Liveblogging hat höhere Teilnahmehürden und erreicht weniger Leser.
    • Veranstaltungstwittern hat zwei Funktionen. Zum einen öffnet es die Veranstaltung nach aussen. Abwesende können das Geschehen verfolgen.
    • Die Anwesenden sind dann etwas abwesender, weil sie nebenbei twittern, aber dafür sind die Abwesenden etwas anwesender.
    • Zweitens haben auch die Abwesenden die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen …

Auch seitens der Dozierenden und der Verwaltung wird, finde ich, zu sorgsam getrennt zwischen 1. Informationen für die Öffentlichkeit, 2. Innenleben der ZHdK  und 3. Veranstaltungen, die zwar im Haus für eine Öffentlichkeit aus physisch Anwesenden zugänglich sind, aber keine Anbindung an eine abwesende Öffentlichkeit vorsehen und oft auch nicht für eine zeitversetzte Beschäftigung archiviert werden. Auf mich wirkt das so, als traue man den eigenen Veranstaltungen nicht zu, die Öffentlichkeit zu überzeugen, und der Öffentlichkeit nicht, diese Veranstaltungen auch dann richtig einzuschätzen, wenn sie provisorisch, inoffiziell, flüchtig, unfertig oder hochspezialisiert sind. Das ist schade, weil im Haus so viel Interessantes passiert.

Vielleicht fällt mir eines Tages eine Erklärung für diese Abneigung gegen öffentlich sichtbare Betätigung in sozialen Netzwerken ein, oder ich begegne jemandem, der sie kennt. Bis dahin ist es ja schon mal erfreulich, dass das Z+ mich hin und wieder als Twitterhilfe einlädt.

Zwar habe ich mir schon vor Monaten vorgenommen, nicht mehr aus Veranstaltungen zu twittern, auf denen ich die Einzige bin, die das tut. Wer meine Tweets liest, bekommt ein unausgewogenes Bild der Veranstaltung, nämlich meines, abzüglich dessen, was ich alles verpasst habe. Wenn mehrere Anwesende gleichzeitig berichten würden, könnten sich deren Vorlieben, Abneigungen und Unaufmerksamkeiten besser ausgleichen. Twitter-Erfahrene wissen das einzuschätzen, aber Veranstaltenden ist Twitter oft fremd, sie finden ihre Veranstaltung in der Öffentlichkeit verkürzt und einseitig dargestellt und haben das Gefühl, sich gegen diese Darstellung nicht wehren zu können. Letzeres ist mir immer ein bisschen rätselhaft – das Internet ist ja keine Zeitung. Wer findet, dass dort Unzutreffendes geschrieben wird, kann die Sache selbst richtigstellen oder noch besser: aktiv dazu beitragen, dass mehr als nur eine Person die Veranstaltung sichtbar macht.

Diesmal aber habe ich einen ausdrücklichen Twitterauftrag, und ich bin nur in Veranstaltungen zu Besuch, deren Verantwortliche sich diesen Besuch gewünscht haben. Da ich fürs Twittern bezahlt werde und Werbung für diesen Informationskanal machen möchte, werde ich mich auf haltlose Schmeicheleien und unkritische Begeisterung beschränken. Wie ich inzwischen weiss, entspricht das deutsche Konzept der unkritischen Begeisterung etwa dem Schweizer Konzept der mittelscharfen Kritik, die ausgewogene Berichterstattung bleibt also gewährleistet.

 

 

Diplomausstellung revisited

2014 hatte man mich in Vorbereitung meiner Observertätigkeit mehrfach und energisch eingeladen, mir die Diplomausstellung anzusehen, damals noch im alten Gebäude. Ich wusste noch gar nichts über die ZHdK und ging widerwillig hinein in der Erwartung, glorifizierte Bastelarbeiten vorzufinden. Gebildet und geläutert kam ich wieder heraus. Ich hatte für die ganze Ausstellung eine Stunde gebraucht, mehr Zeit war auch gar nicht, ich musste zum Zug.

2015 laufe ich seit fünf Tagen in der Ausstellung herum, und es gibt immer noch ganze Departemente, die ich noch nicht gesehen habe. (Das hat auch damit zu tun, dass die gelben Klebestreifen, wie ich erst am Donnerstag herausfand, gar nicht zu allen Teilen der Ausstellung führen.) Ich habe grössten Respekt vor allen Besuchern, denen es gelingt, an einem Tag auch nur einen flüchtigen Blick auf alles zu werfen. Man versichert mir, dass die Ausstellung nicht gewachsen ist*, aber wie ein kleiner Fisch, den man in ein grosses Aquarium setzt, hat sie sich trotzdem ausgedehnt. Vielleicht ist es auch wie in „House of Leaves„, und dem Toni-Areal spriessen heimlich neue Räume mit ungesehenen Exponaten darin, so dass man in Wirklichkeit nie fertig wird mit dem Besichtigen der Diplomausstellung.

Ich muss weiter, es gibt noch so viel anzuschauen, und ich habe nur noch zwei Tage Zeit.

* Update: Katharina Tietze macht mich darauf aufmerksam, dass die ZHdK letztes Jahr ja auch noch über 38 Gebäude verteilt war und ich nur die Ausstellung in einem davon besichtigt habe. Das könnte es, ähem, erklären.

Kein Titel, zu müde

An den meisten Spielen der Diplomausstellung Game Design habe ich nur die Beschreibung gelesen, weil mir schon die Vorschau auf das Spielgeschehen zu anstrengend war. Schliesslich bin ich zum Arbeiten hier, da wollte ich nicht auch noch in Galaxien herumfliegen und die Geliebte des Pandas suchen (Panda Lost in Space) mich mit halluzinierten Monstern auseinandersetzen (Finsterlinge), eine kranke Inselwelt von einer verhängnisvollen Seuche befreien (Panakeia), gegen unzählige Gegner kämpfen, um das Böse zu verbannen (Tesylia), das Energieproblem der Mulkins lösen (Mulkin) oder Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten (This World Ends). Far von Don Schmocker sah vergleichsweise erholsam aus, ein bisschen nach Myst, ein bisschen nach Machinarium.

Die nächste halbe Stunde (gefühlt ungefähr zwei Wochen) brachte ich damit zu, die Segel auf meiner Dampflokomotive zu hissen und zu bergen, Knöpfe zu drücken, hin- und herzulaufen und Brennmaterial zu schleppen, noch mehr Knöpfe zu drücken, Brände im Maschinenraum zu löschen und wieder Brennmaterial zu schleppen. Bei jedem Problem blieb meine Lokomotive liegen und ich musste schuften, um sie wieder zu befreien, bevor sie komplett im Sand versank. Wenn alles gut ging, kam ich ein Stück voran, die Wüste sah am neuen Ort aber genau wie am alten aus. Don Schmocker hatte hart und unablässig gearbeitet, um meinen Arbeitstag mit einer Simulation harter, unablässiger Arbeit zu verschönern.

Wenn ich heute nicht schon so viel Brennmaterial geschleppt und Knöpfe gedrückt hätte, würde ich an dieser Stelle darüber schreiben, dass die Arbeit immer unbestimmter, den-Eltern-nicht-mehr-erklärbarer wird, so dass man Geld für Spiele ausgibt, in denen man eine Farm bewirtschaften, eine Stadt verwalten oder Kohle durch die Wüste tragen muss. Aber das ist ja wahrscheinlich auch Blödsinn, in Wirklichkeit wird alles ganz anders zusammenhängen, und sobald ein anderer Game-Design-Absolvent ein Spiel entwickelt, in dem man ohne Unterlass Feuilletonartikel schreiben muss, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren, werde ich mich gründlich mit dem Thema befassen.

Ein Designwürdigungsautomat für die ZHdK

Vor knapp vier Wochen hat das Museum für Gestaltung einen von John Emerson geschriebenen Twitterbot namens MuseumGestaltungBot bekommen, der mehrmals täglich ein Foto eines Objekts aus dem Museumsarchiv twittert und zu einer Seite mit Detailinformationen verlinkt. Ich habe dem Museumsbot einen Fanbot namens MuseumGestaltungFan zur Seite gestellt, dessen Aufgabe es ist, alles zu loben, was MuseumGestaltungBot twittert.

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Vorbilder für diese Idee sind @MuseumBot und @AppreciationBot des Metropolitan Museum of Art, auf die ich durch einen Beitrag im Blog #algopop aufmerksam geworden bin.

Das Twitter-Icon von MuseumGestaltungFan ist nur eine Notlösung, weil ich nichts von Grafik verstehe. Wie man hört, gibt es in der ZHdK aber Menschen, die sich damit auskennen. Falls sich jemand berufen fühlt, den Fanbot mit einem schöneren Logo zu versehen, würde ich mich freuen.

Ich ziehe mich jetzt erst mal in die Bibliothek zurück, um dort aus der Fachliteratur die Kunst des Lobens von Design zu erlernen.

Die visuelle Kommunikation der visuellen Kommunikation

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Viele vergebliche Bilder gemacht. Wie meistens ist das versehentlich aufgenommene nicht das schlechteste.

Beim Wandern durch die Ausstellungen mit Abschlussarbeiten* denke ich anlässlich meines eigenen Verhaltens als Ausstellungsbesucherin darüber nach, ob wohl alle Leute vor den meisten Präsentationen nur sekundenlang verharren, kurz die dicke gedruckte Erklärung zur Hand nehmen, eine beliebige Seite aufschlagen, das Buch angesichts von viel Text wieder zuklappen und weitergehen. Ich versuche bei Twitter als Abschlussarbeit eine Studie anzuregen, in der man empirisch das Verhalten der Besucher der Abschlussarbeits-Ausstellungen erfasst: Wie viele Sekunden Verweildauer am Stand? Werden Exponate oder gedruckte Erklärungen in die Hand genommen, wenn ja, welche und wie lange? Und so weiter. Im Rahmen einer solchen Arbeit wäre der Diebstahl von Exponaten als grosser Erfolg zu werten.

In der schließlich doch noch gefundenen Ausstellung der Visuellen Kommunikation befrage ich Jalscha Römer dazu, die gerade Aufsicht hat. Leider führen alle Absolventen nur zwei Stunden lang Aufsicht, so dass ich weder heute noch nächste Woche jemanden ausfragen kann, der viel Zeit hatte, das Gästeverhalten zu beobachten. Zum Trost erklärt Jalscha mir einige Projekte, und dabei stellt sich heraus, dass ich in meinem eigenen, unbetreuten Rundgang fast jedes davon komplett falsch interpretiert habe. Eventuell ist es ohne persönliche Betreuung aussichtslos? Die Videoplätze mit den Kopfhörern helfen, sagt Jalscha, sie seien die zweitbeste Lösung gleich nach der persönlichen Erklärung.

Aber die Projekte werden ja auch nicht im Hinblick auf ihre gute Ausstellbarkeit gewählt. Auch die Note sei egal, sagt Jalscha, man nehme das Projekt einfach mit zum Vorstellungsgespräch und erkläre es dort. Wer an die Zukunft denkt, optimiert vermutlich am besten den Titel, den nur den sehen die Leute ja später im Lebenslauf: „How to Avoid ‚Roasted Husband‘“ wird sich dort ein Leben lang gut machen, „Talsperren der Schweiz“ oder „Norm braucht Vielfalt“ nicht so sehr. (Obwohl zumindest das Talsperrenprojekt ebenfalls großartig ist, wenn ich nicht wieder alles falsch verstanden habe. Das zweite wahrscheinlich auch, ich habe es nur noch nicht gesehen.)

Ich hege in letzter Zeit öfter den Verdacht, dass man eigentlich alles nur persönlich erklären kann, und zwar insbesondere dann, wenn die Personen, die etwas verstehen sollen, noch gar keine konkrete Frage haben. Selbst bei konkreten Fragen funktioniert die individuelle Antwort unangenehm viel besser. Mit dieser These spiele ich aus zwei Gründen: Zum einen sind das die Klagen der IT- und Verwaltungsmitarbeitenden der ZHdK über die Unwilligkeit ihrer Klientel, sich zum Beispiel bei technischen Problemen auf der ZHdK-Website zu informieren, anstatt sich an zufällig Anwesende zu wenden, die dann falsche Auskünfte gäben. Zum anderen die Angewohnheit praktisch aller Autorinnen und Autoren des Techniktagebuch-Blogs, niemals die vorhandene Anleitung zu lesen, sondern immer erst mal im Chat zu fragen. Nachlesen im Internet wäre dann nur ein Hilfsmittel für Situationen, in denen es vor Ort gerade niemanden zum Fragen gibt.

Aber vielleicht stimmt das auch alles gar nicht. Vielleicht sind die Anleitungen des Techniktagebuchs und der ZHdK nur zu schlecht formuliert und zu gut versteckt. Vielleicht wäre es möglich, die überwiegend ziemlich großartigen Abschlussprojekte so zu präsentieren, dass man ihre Großartigkeit auch ohne Erklärperson versteht. Jemand müsste mal eine Abschlussarbeit darüber schreiben.

 

* Formulierung absichtlich vage gehalten, denn ich kann mir nur schwer von einer Minute bis zur nächsten merken, ob ich gerade im Departement für Industrielle Interaktionsvisualisierung oder Game-Typografie die Bachelor-, die Master- oder die Diplomarbeiten betrachte.

Im Hospiz der Faulheit

Ich suche die Faulheitsberatung im Hospiz der Faulheit auf, das leider nur während der Nachhaltigkeitswoche existiert. Vorher habe ich länger mit F. darüber geredet, in welcher Frage ich mich faulheitsberaten lassen soll, und mich schließlich für „Wie viel arbeite ich eigentlich, und wie soll ich das wissen?“ entschieden. Die Behauptung „ich arbeite ständig“ kommt mir genauso glaubhaft vor wie „ich arbeite nie“. Es ist früher Nachmittag, und ich war bis gerade eben mit F. in der Sauna im Seebad Enge, eventuell habe ich also noch gar nicht gearbeitet. Andererseits haben wir einen Großteil der Zeit über die Arbeit geredet, und Blogbeiträge für Toniblog und Techniktagebuch habe ich vorher auch schon geschrieben. Vielleicht war ich also auch die ganze Zeit im Dienst. Andererseits ist Bloggen ja eigentlich keine richtige Arbeit. Wiederum andererseits kann Bloggen aber ganz schön mühsam sein. Allein schon das schlechte Gewissen, weil die Schweiz mir so viel Geld dafür bezahlt, macht mich ganz müde. F. redet auf mich ein: Das sei ein ganz normales Schweizer Honorar, und als Gewerkschafterin ist sie der Meinung, dass man allen dasselbe bezahlen muss, sogar dann, wenn sie aus Berlin kommen.

Ich brauche die Faulheitsberatung also dringend. Im Hospiz (Raum 7D04) ist es sehr gemütlich, es läuft leise Musik, es gibt einen Kühlschrank mit Bier, Teppiche auf dem Boden, Matratzen und Kissen. Erst will ich den Beraterinnen meine Frage gar nicht stellen, denn dann müssten sie ja arbeiten, anstatt faul herumzuliegen. Versehentlich kommen wir doch ins Gespräch. Ich gebe zu, dass ich eigentlich zum Arbeiten gekommen bin, weil das Beobachten des Faulheitshospizes zu meinen Observeraufgaben gehört. Das macht nichts, sagt die Faulheitsberaterin, für sie sei es ja auch Teil ihrer Arbeit, so als Kunstprojekt.

Im Hintergrund wird geschlafen. Meine Faulheitsberaterin und ihre Kollegin sind auch müde, sie haben zu wenig geschlafen, der Betrieb des Hospizes scheint anstrengend zu sein. Andere Gäste kommen, diskutieren eine Weile mit und gehen wieder. Damit es nicht zu sehr nach Arbeit aussieht, habe ich das Gespräch weder aufgezeichnet noch Notizen gemacht. Eine Teilnehmerin stellt die These auf, dass es keine Arbeit ist, wenn man das macht, was man will. Ich protestiere, denn ich habe fast mein ganzes Berufsleben lang gemacht, was ich wollte, und Arbeit war es trotzdem. Ich ärgere mich immer, wenn ich eins der vielen Poster mit der Aufschrift „Do what you love and you’ll never work a day in your life“ sehe, weil das nämlich einfach nicht stimmt. Ich glaube, diese Poster werden von Grafikdesignerinnen gemacht, die eigentlich lieber Staatsanwältinnen wären oder Aquaristik-Fachverkäuferinnen. Sobald man den neuen Beruf dann ergreift, wird er zur Arbeit, und ab sofort ist Grafikdesign ein Freizeitvergnügen, nach dem man sich sehnt.

Außerdem sprechen wir über Denkfaulheit: Ob man weniger denkfaul sein solle oder nicht doch eher auch die Denkfaulheit zu rehabilitieren versuchen, so wie die körperliche Faulheit. Wir entwickeln unter diesem Aspekt ideale Kunstprojekte, die weder beim Ausdenken noch beim Betrachten oder Rezensieren geistige Anstrengung erforderlich machen, kommen aber bald zu dem Schluss, dass diese Kunstprojekte bereits von anderen, fleißigeren Menschen als uns umgesetzt worden sind.

Schließlich scheitern wir an der Frage, ob es überhaupt ein Nichtstun gibt und man nicht doch gerade beim Nichts-Tun und Nichts-Denken versehentlich buddhistisch erleuchtet werden kann und damit sehr viel geleistet hat. Mein Vorschlag, es sei sicherer, zu sterben, denn alles Leben sei ja doch nur mehr oder weniger beschönigtes Arbeiten, stößt auf keine Zustimmung, der Massenselbstmord im Faulheitshospiz muss für heute entfallen.

Abends gehe ich noch mal hin, um Christoph Brunner und Gerald Raunig über „Problematiken des Nachhaltigkeits- und Sharingdiskurses und möglichen Gegenaktualisierungen in der Faulheit“ reden zu hören.

Meine Hoffnung, dass dort Kritik am Programm der Nachhaltigkeitswoche geübt wird, erfüllt sich nicht. Es geht unter anderem um die Frage, welches Tier das faulste ist (der Koala), und ob Tiere überhaupt faul sein können oder das Verdauen von Eukalyptusblättern nicht eigentlich ganz schön anstrengend ist. Wir sehen ein Video mit zwei sehr trägen Musikern, werden aber darauf hingewiesen, dass dieser Anschein der Trägheit durch harte Arbeit und eine Wiener-Sängerknaben-Ausbildung erkauft ist. Den Rest der Diskussion verstehe ich nicht, denn die beiden Redner sind zu faul, ihre Gedanken so auszuführen, dass man sie auch dann verstehen kann, wenn man weder Christoph Brunner noch Gerald Raunig ist. Ich bin mit dieser Faulheit ganz einverstanden, denn im Gegenzug darf das Publikum auf Kissen und Matratzen ruhen, und nicht nur ich schlafe zwischendurch ein bisschen. Anlässlich des Videos geht es am Rande immer wieder um Drogenkonsum. Wie zuverlässig sich Veranstaltungen im Zusammenhang mit Konsumkritik und Nachhaltigkeit um den dazu erst mal nötigen Kauf von Produkten (Cannabis, Bücher über Faulheit, wiederverwendbare Wasserflaschen, Sugru) drehen.

Die Qualität der Faulheitsberatung war ausgezeichnet, ich würde sie jedem weiterempfehlen, aber leider ist es schon bald wieder vorbei mit dem Hospiz, und dann wird sich die Faulheit ein anderes Zuhause suchen müssen.

In der Bibliothek 3: Ärger mit Architekten

Noch einmal die Bibliothekarin, die mich über Tresen fortgebildet hat. Hier frage ich sie, warum Bibliotheksneubauten anderswo – also jetzt nicht im Toni-Areal – oft leicht daran zu erkennen sind, dass sie der größte und bunkerartigste Betonklotz der Stadt sind:

A: Erst mal haben Architekten ein fest gemeißeltes Bild davon, wie eine Bibliothek auszusehen hat. Also eine Art Wissensschatz, Wissensbunker, Ort der geheimen Wissensschätze, auf jeden Fall was, was bewahrt werden muss. Auf jeden Fall groß und bewacht und schwer, in vielen Fällen.

Ach so, und du meinst, da kommt diese Bunkerarchitektur her?

A: Ich weiß es auch nicht. Aber Architekten neigen zu so Sachen wie „Wissenstürmen“ oder all solchen Merkwürdigkeiten. Sie haben jedenfalls ein ziemlich festgefahrenes Bild von Bibliothek, oft nicht dadurch gespeist, dass sie selbst Bibliotheksnutzer wären. Und dem unterwirft sich dann das, was da halt rauskommt.

In der Bibliothek im Toni-Areal gibt es einen ganz fensterlosen Raum, der hinter dem Rückgabeautomaten liegt, und irgendwelche armen Bibliothekare müssen da den ganzen Tag drin arbeiten. Ich glaube, ursprünglich waren mal Fenster geplant, aber am Ende gab es halt keine.

(Die attraktiven, japanisch wirkenden Lampen sind Neonröhrenkästen mit angeklebten A4-Blättern. Das sieht nicht nur gut aus, die Lampen blenden dann auch weniger.)

A: Die Architekten schaffen Kunstwerke und Denkmäler fürs Leben, wenn sie Bibliotheken bauen. Das ist nicht ein Haus, sondern das ist ein Lebensdenkmal, das sie da bauen. Und da sie von Bibliotheken und Bibliotheksarbeit nicht den geringsten Schimmer haben, ist es hinterher oft kein Vergnügen, darin zu arbeiten. Ich glaube, es war die TU Delft, die nach fünf Jahren bei einem Neubau durchgekämpft hat, das Ding komplett innen neu bauen zu dürfen, weil es vollkommen unbrauchbar war für die Arbeit. Und auch für das Konzept Bibliothek. Architekten gehen von ihrem Bild aus, das sie da haben, von der „Wissens-Schatzkammer“, haben aber von der Funktion einer Bibliothek einfach in der Regel zu wenig verstanden, um einen Bau zu fabrizieren, der hinterher praktikabel ist.

Und als Architekten bestehen sie auch drauf, dass man nie wieder etwas daran ändern darf. Wir durften in unserer neu gebauten Bibliothek nicht mal eine Pflanze an eine Stelle stellen. Und das ist für einen lebendigen Raum wie eine Bibliothek … das ist so, als würdest du ein Jugendzentrum so bauen und sagen: Keiner darf eine Gardine verrücken. Das ist absolut unglücklich. An ganz vielen Stellen wirst du solche unglücklichen Bibliothekare finden in Neubauten.

Und sie finden merkwürdigerweise immer wieder Architekten, die noch nie eine Bibliothek gebaut haben. Also zum Beispiel eine Bibliothek, mit der ich mal beruflich zu tun hatte,  da gab es einen Eingangsbereich, der völlig kahl und leer war, mit einer zehn Meter langen schwarzen, brusthohen Theke und sonst nichts, außer Beton. Und dann gab es einen ersten Stock, da standen die Bücher. In schwarzen Regalen. Und es gab bis zu diesem Stockwerk einen Fahrstuhl. Ein Großteil der Büros zur Bearbeitung der Bücher war aber oberhalb. Der Lastenaufzug führte da aber nicht hin, nur der Personenaufzug. Wenn du große Bücherwagen hast, die du brauchst, um diese ganzen Massen zu bewegen, dann wiegen die einiges. Und sie brauchen Platz. Und es war zum Beispiel schon beim Umzug so, dass der gesamte Umzug für alle Büros in den oberen Etagen über den Personenaufzug gemacht werden musste, woraufhin der alle fünf Minuten ausfiel und irgendwann der Fahrstuhlmonteur entnervt sagte, der sei ja auch nicht dafür da, den ganzen Tag rauf und runter zu fahren! Woraufhin ich ihn anguckte und fragte: Ja, aber wofür dann? Er war halt für die Lasten nicht ausgelegt. Aber die Architekten haben den Lastenaufzug eben nicht bis in die oberen Etagen gebaut, weil sie nur bis zu den Bücherregalen denken konnten, aber nicht verstanden haben, was in dem Haus passiert. Das ist klassisch. Und deshalb kommt es zu fensterlosen Räumen für Mitarbeiter und lauter solchen Sachen.

 

Mit diesem neuen Wissen ausgerüstet, befrage ich einen MIZ-Mitarbeiter, warum es den Empfangstresen gibt, obwohl Tresen in Bibliotheken offenbar überholt sind:

B: Wir haben auch lange diskutiert: Braucht’s noch eine Theke? Was sagt die Theke aus? Aber die Architekten wollten natürlich einen dezidierten Empfangspunkt setzen, und wir konnten die Dimensionen besprechen, aber das Design nicht. Also, wir haben einige Anforderungen genannt, dass wir gewisse Fächer brauchen, auch die Höhe definiert, dass wir eine Taschenablage haben wollen und so weiter. Das war uns wichtig. Wir wussten natürlich aus den Erfahrungen aus den anderen Standorten auch noch nicht, wie viele Kundenkontakte sind da? Wir wollten die Doppelbildschirme, und wenn man diesen Kabelsalat sieht, dann sieht man, dass das dann nicht weitergedacht wurde. Wobei man natürlich trotzdem auch möglichst schlicht bleiben wollte.

Warum war das den Architekten wichtig, diesen Empfangspunkt zu haben?

B: Es gehört doch zu einer Bibliothek. Also, Architekten denken eben an Theke, Bücherregale und einen Lesesaal. Das sind die architektonischen Statements. Sehr, sehr konventionell. Rückgabeautomaten und so, das hat sie nicht interessiert. Die ganzen Neuerungen waren nicht wichtig.

Und wie ist das mit den Kundenkontakten an der Theke? Ich seh hier selten jemand stehen.

B: Wir erheben das statistisch, und es sind doch ziemlich viele. Am Tag sind es über hundert. Wir erheben statistisch auch nach Inhalten. Doch, es sind viele Fragen einfach der Verkehrsregelung: Wo ist was? Wir müssen Konti freischalten, erklären, wie das funktioniert.

 

Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit verdächtige ich einen Architekten, an allem schuld zu sein. Der Architekt wehrt sich:

C: Das ist eigentlich total normal, dass Architekten irgendwas zum ersten Mal bauen. Dann versucht man sich das Wissen der Vorgängergeneration anzueignen und der Benutzer. Darum schaut man halt Bibliotheken an und fragt dann die Bibliothekare: Wie macht man das denn heute? Und dann sagen sie dir: Wir machen heute so Terminals, und dann machst du ihnen halt so ein Terminal.

Und wenn diese Bibliothekare schon so lange im Beruf sind, dass sie vielleicht selber gar nicht wissen, wie man irgendwas inzwischen macht? Oder es zwar wissen, aber blöd finden?

C: Das ist aber dann nicht der Fehler des Architekten, der die Bestellung ausführt.

Das stimmt, andererseits müsste man aber doch in einem Bereich, der im Moment starken Änderungen unterworfen ist, vielleicht doch auch drauf achten, jemanden zu finden, der halt nicht seine Ausbildung vor dreißig Jahren abgeschlossen hat.

C: Ja, aber die Vorgesetzten von denen – beziehungsweise die Baukommission, die zuständig ist für das, was beim Architekten bestellt wird –, die sagen dir ja: Wir brauchen das und das. Oder halt die Normen, wenn es welche gibt, wie beim Kindergarten. Aber ich kenn das nicht anders als so: Du hast eine Aufgabe. Du hast eine vage Vorstellung, wie das abläuft. Dann sprichst du mit den Nutzern. Dann hast du eine Baukommission, die deine Vorgesetzten sind und die Bestellung definieren, die sagen dir dann, was sie wollen. Dann gibt es meistens auch Normen: Soundso viele Quadratmeter hast du, so viele Nischen brauchst du. Mit dem Projekt gehst du dann noch dreimal zu den Kindergärtnerinnen, und zum Schluss kommt irgendwas raus.

Ich erzähle C. die Lastenaufzugsgeschichte von Bibliothekarin A.

C: Ja, Bibliotheken sind da vielleicht schwierig, weil es sehr selten welche gibt, die neu gebaut werden. Da gibt es vielleicht keine Normen und keine spezialisierten Planer. Zum Beispiel bei Spitalbauten, wo so was wie das mit dem Lastenaufzug relevant ist, da gibt es spezialisierte Planer. Die bewerten schon im Wettbewerb dein Projekt, und danach planen sie das mit dir. Bei Mehrzweckturnhallen gibt es spezialisierte Bühnenplaner. Die sagen dir: Die Lüftung muss so breit sein, die Höhe kann maximal 1,10 und mindestens 90 … Da gibt es dann das gesammelte Wissen über ein Spezialgebiet in einem Fachplaner. Aber Bibliotheken könnten da zwischen Stuhl und Bank fallen. Da gibt’s vielleicht zu wenig Normen und zu wenig alltägliche Erfahrung und zu wenig Spezialwissen, das könnte sein.

Ja, und dann hat sich da eben in den letzten Jahren auch viel geändert. Möglich, dass da die Normen nicht schnell genug nachziehen, falls es welche gibt.

C: Stimmt, ja. Hätten wir das abgeschlossen.

 

In der Bibliothek 2: Thesen über Tresen

Ich habe wieder den Fehler gemacht, die Leute – in diesem Fall mehrere MIZ-Mitarbeitende – zu ausführlich zu interviewen, und kann mich jetzt kaum überwinden, die langen Gespräche auch nur anzuhören, geschweige denn zu transkribieren. Deshalb vorab noch was anderes, nämlich ein kurzes Gespräch mit einer Bibliothekarin, die das MIZ nur aus meinen Erzählungen kennt. Hier habe ich ihr beschrieben, dass es mir ein bisschen unangenehm ist, an den MIZ-Auskunftstresen zu treten, weil die Leute dort ja offensichtlich immer an etwas anderem arbeiten und sich dabei auch nicht besonders begeistert stören lassen, klar, würde mir ja genauso gehen.

„Das ist so eine Unsitte, die sich eingebürgert hat, aus verschiedenen Gründen – Kostendruck, aber auch Missverständnis des eigenen Jobs – dass man, während man Auskunft gibt, noch andere Dinge tut: ‚Ich nehm mal die Bücher noch mit zum Katalogisieren oder, ach, während ich da sitze, gucke ich mal nach den Fernleihen‘, oder so. Und dadurch so eine Art Beschäftigung dort praktiziert, die schon jeden, der kommt, als Bittsteller hinstellt, weil er dich stört. Das ist im Grunde komplett falsch. Das ist das eine. Der Tresen ist das andere. Erst mal muss man als Bittsteller davortreten, das hat genau diesen Effekt. Das Zweite ist, wenn ich dann auch noch Arbeit dahin mitnehme, obwohl ich eigentlich gerade Kundendienst habe, und mitnichten katalogisiere oder sonst was, vermittle ich den Eindruck: Ich werde gestört. So ist das nicht gedacht, weil es offiziell ganz klar Auskunftsdienst ist und ich nur für den Kunden da sitze.“

Aber was ist, wenn nur jede halbe Stunde mal jemand kommt? Und du dir eben keine andere Arbeit mitgebracht hast?

„Dann mache ich Dinge, die etwas mit dem Publikum zu tun haben. Aber ich schotte mich nicht ab. Also in einer modernen Bibliothek hast du diese Tresen nicht mehr, sondern du hast Stehplätze, oder auch Tische, in ganz gut situierten Bibliotheken hoch- und runterfahrbare Tresen. Und du trittst gemeinsam vor den Bildschirm. Also nicht: Du guckst auf die Rückseite des Bildschirms als Kunde, und der Bibliothekar guckt rein und weist dir den Weg. Sondern es wird partnerschaftlich gemacht. Es ist auch nicht mehr „Ich habe das Wissen, und du Bittsteller kannst davon partizipieren, wenn ich dich lasse, aber nur so viel, wie ich dir geben will.“ Diese merkwürdige Einstellung, die über die Jahre entstanden ist, die gibt es dann nicht mehr. Das heißt, man hat eine Kommunikation auf Augenhöhe, man tritt gemeinsam vor den Bildschirm, und man löst gemeinsam die Rechercheaufgabe.

Das hat mehrere Effekte. Erstens: Eine Sache, die sich auch eingebürgert hat, ist, dass die Bibliothekare ständig das interne Betriebssystem der Bibliothek nutzen, in dem sie viel mehr Features haben als die Kunden, und immer sagen „Das ist ganz einfach, da geben Sie das und das ein, und dann finden Sie das!“ Und dann versuchen die Kunden das an dem öffentlichen, web-basierten Tool, wo das alles nicht geht. Da sind schon mal zwei völlig verschiedene Welten entstanden. In dem Augenblick, wo man diese Theken abschafft, hat man nicht mehr diese Bittstellerposition. Die Leute sitzen nicht mehr da und arbeiten, sondern machen das, was wir Floorwalking nennen, also das, was Verkäufer in Geschäften tun: Gucken, ob man jemandem behilflich sein kann. Das führt dazu, dass die viel eher angesprochen werden. Die tragen eindeutige Kleidung, die sie als Bibliotheksmitarbeiter kennzeichnet, so dass ich weiß: Ah, der geht hier grade rum, den frag ich mal. Das tun die Nutzer viel eher, als dass sie zum Auskunftsplatz gehen und dort als Bittsteller eine Frage stellen. Dadurch hab ich viel mehr Chancen, als Bibliothekar wirklich hilfreich zu sein. Und vielleicht auch an dem Ort, wo der grade steht und sucht, direkt die richtige Antwort geben zu können. Also nicht, er rennt wieder fünf Regale rückwärts, fragt jemand, rennt wieder fünf Regale vorwärts und sagt: ah da steht das Buch, sondern direkt vor Ort. Und wenn es eine Katalogfrage, eine Recherchefrage ist, gibt es im Raum verteilt diese Stehpulte, wo man in gut situierten Bibliotheken das auch runterfahren kann für eine Sitzsituation, wenn’s länger dauert, wo man dann gemeinsam vor dem PC sitzt und recherchiert. Was dann auch den Vorteil hat, dass derjenige gleich lernt, wie man’s richtig macht. Man macht also gleich die Wissensvermittlung auch mit. Und das ist das moderne Konzept.

Das mit der Theke ist so ein bisschen historisch gewachsen, das ist halt geerbt. Die ersten Leihbibliotheken, die es gab, waren Erziehungsanstalten, das heißt, der Bibliothekar hat hinter einem Tresen die Bücher gehabt. Das war nicht so wie heute frei zugänglich, wo man sich einfach was aussuchen konnte, sondern man trat an diesen Tresen, und der Bibliothekar oder die Bibliothekarin entschied dann darüber, was man lesen dürfte. Wie weit man denn schon so sei und was man jetzt als Nächstes bekäme. Das heißt, dieser Ausleihtresen ist einfach historisch, und ist irgendwie über die ganze Zeit erhalten geblieben. Bis man jetzt zu der Erkenntnis gekommen ist, dass das an vielen Stellen auch ein großer Verhinderer ist.“

Wer an dieser Stelle findet, das sei eine zu einseitige Darstellung: Morgen werden Bibliothekare erklären, dass Architekten nicht genug von Bibliotheken verstehen, ein Architekt wird seinen Berufsstand verteidigen, und am Ende wird einem nichts anderes übrigbleiben, als das Universum zu beschuldigen. Oder eben alle Unvollkommenheiten von Bibliotheken mit buddhistischer Milde hinzunehmen, je nach Tagesform.

In der Bibliothek 1: Arbeitsplätze

Ich sitze im Medien- und Informationszentrum MIZ, also der Bibliothek, um endlich mal alles aufzuschreiben, was ich seit November über Bibliotheken herausgefunden habe. Von den ungefähr 150 Arbeitsplätzen sind 30 besetzt, aber es ist auch gerade Mittagszeit. Gestern Nachmittag waren 80 Plätze besetzt, das klingt immer noch nach wenig, aber ab etwa 100 Leuten würde es hier lange vor der kompletten Auslastung voll wirken.

Der Leerstand überrascht mich, weil es hier einige der schönsten Arbeitsplätze im Haus gibt. Und falls man beim Arbeiten dringend etwas über Hühnerfußleder herausfinden muss, ist man schon mal am richtigen Ort. Meine Aussicht:

(Ok, die Fenster könnten mal wieder geputzt werden. Aber das ist ja vermutlich zuletzt kurz vor dem Einzug letztes Jahr passiert, während ich meine Fenster zu Hause irgendwann im 20. Jahrhundert das letzte Mal geputzt habe. Ich erinnere mich noch, weil der Hauswart im Sommer fragte, was das für brauner Schmutz auf dem Fensterbrett sei, und ich sagte, das sei noch vom Silvesterfeuerwerk. Ich verschwieg, dass es nicht das Silvesterfeuerwerk desselben Jahres gewesen war.)

Ein Drittel bis die Hälfte der Anwesenden arbeitet auch tatsächlich mit Büchern. Das heißt, sie haben zumindest Bücher neben dem Laptop liegen. Auch das überrascht mich, ich hatte mit weniger gerechnet. Soweit ich das feststellen kann, ohne allzu unhöflich die Observernase in fremder Leute Studien zu stecken, gehören die Buchverwenderinnen überwiegend der ZHAW an.

 

Die ungeschriebenen Beiträge

„Viel ist schon getan, mehr bleibt noch zu tun, sprach der Wasserhahn zu dem Wasserhuhn.“
Robert Gernhardt

„Die fertigen gotischen Dome sind nicht vollendet, und die vollendeten sind nicht fertig.“
Theodor Fontane

  1. Ich besitze mehrere weitgehend ungelesene Magazine, die vom Toni-Areal handeln und voll interessanter Bilder und Interviews sind. Eigentlich wollte ich sie alle gleich zu Anfang lesen und auswerten.
  2. Das Scheitern der Toni-Molkerei, gibt es da Parallelen zur neuen Zentralisierungsidee der ZHdK? Oder bei näherer Betrachtung: Woran ist die Toni-Molkerei überhaupt gescheitert? Die Zentralisierung scheint es nicht gewesen zu sein, das haben die Konkurrenten genauso gemacht, und die gibt es noch. Der googlebaren Berichterstattung von damals kann man die Scheiternsgründe bestenfalls zwischen den Zeilen entnehmen.
  3. Ein richtiger Beitrag, nicht immer nur Tweets zum Thema „Ist es noch Baustelle oder ist es schon Kunst?“ Mit meiner Audioaufnahme des melodischsten Baustellenlärms der Welt (Eingangshalle im Juni 2014).
  4. Ein Beitrag über die Wohnungen oben im Toni-Areal. Keine Ahnung, ob es schwer ist, da hineinzukommen. Ich habe es nicht mal versucht.
  5. Ein Fotobeitrag über die schönen Leitern der Schweiz (Bilder sind schon gesammelt). Na gut, das hätte vermutlich sowieso niemanden ausser mir interessiert, die Einheimischen finden diese Leitern ja normal.
  6. Ich wollte mit Carolin Namevergessen darüber sprechen, wie die Verteilung der Departemente auf die Räume im Gebäude eigentlich zustandegekommen ist.
  7. Ich wollte „Immo-Dorado Züri West“ und die Toni-Areal-Projektbroschüre lesen und darüber nachdenken.
  8. Ein Beitrag über die absichtliche Verzahnung der Departemente und ihre Ausdehnung über mehrere Stockwerke. Auf der Basis dessen, was Christopher Alexander in „A Pattern Language“ darüber schreibt, hätte man eine Online-Umfrage machen können.
  9. Überhaupt Onlineumfragen! Was man damit alles hätte herausfinden können.
  10. Oder wenigstens nachfragen, was das SturZ mit seinen papierenen Umfragen herausgefunden hat.
  11. Ich wollte über den hier erwähnten Geilinger-Pilz schreiben, schon wegen des Namens.
  12. Ich habe versprochen, einem bei Twitter geäusserten Wunsch nachzugehen: „Liebe @z_observer, nehmen Sie Rechercheaufträge entgegen? Mich interessierte, wieso der Projektionsraum (4.K19) so gut videoüberwacht ist.“, und es dann nicht getan.
  13. Wie funktioniert die Mensaplanung eigentlich? Wieso gibt es auch am Ende noch alle Gerichte? Wie plant man das?
  14. ZHAW und ZHdK: Gibt es wirklich, wie es mir in einigen Gesprächen schien, nicht nur keinen Kontakt, sondern geradezu eine Abneigung dagegen, diesen Kontakt aufzunehmen? Wenn ja, liegt das an der Unterschiedlichkeit der Kulturen oder woran sonst? Wenn nein, wo finden irgendwelche Kooperationen oder wenigstens informelle Begegnungen statt?
  15. Und warum dürfen die Eltern der Kinder in der Kindertagesstätte nicht den ursprünglich dafür vorgesehenen Eingang benutzen, sondern müssen raus aufs Dach und von dort wieder nach drinnen? Ist es wahr, dass die Abteilung „Soziale Arbeit“ der ZHAW die Eltern nicht ihr Territorium durchqueren lassen will, wie es gerüchtehalber heisst, oder ist alles ganz anders?
  16. Ich wollte mit einem der Entwickler des Stammtischs reden. Die Überlegungen dahinter, der Entwurfsprozess, der Bau.
  17. Die Abschüssigkeit der Böden speziell auf der 3. Etage: Wurde da früher einfach der Schmutz der Milchverarbeitung aus dem Gebäude gespült?
  18. Sex im Toni: hat jemand schon mal welchen gehabt, und wenn ja, wo?
  19. Ich wollte ein zweites Mal an einem Montag bei kaltem Wetter die Sitzplatzsituation in der Mensa durchzählen, damit man sieht, ob der Wegfall der Dachterrasse schlimme Folgen hat.
  20. Hahnenwasser vs. Flaschenwasser: Sind die Wasserspender in der Mensa und in den Teeküchen an die Wasserleitung angeschlossen, oder werden sie beliefert?
  21. Servicebeitrag „Der kürzeste Weg zu allen beliebten Fotomotiven im Toni-Areal (für Fotografen, die es eilig haben)“.
  22. Ich wollte das Buch von Alexa Geisthövel „Orte der Moderne“ lesen, vielleicht hätte sich auf der Basis irgendwas machen lassen.
  23. An den Haaren herbeigezogener Behauptungsbeitrag, das Vitra-Alkovensofa sei ein enges Gebirgstal als Polstermöbel nachgebaut, garniert mit steilen Thesen über eine Schweizer Liebe zum Eingekastelten und zur Bunkerarchitektur.
  24. Ich wollte mehr Nachher-Bilder machen und neben die Vorher-Bilder aus dem Medienarchiv stellen. Oder noch besser: Rausfinden, wie diese elegante Technik mit dem Vorher-Nachher-Slider auf dem Bild funktioniert.
  25. Wie entwickelt sich die Sache mit den Sportgelegenheiten im Toni-Areal?
  26. Und verwandt damit: Sind die beiden Hochschulen nicht kantonale Einrichtungen und hätten der Strategie zur Veloförderung folgen müssen („… Ausstattung aller kantonalen Betriebsimmobilien und sonstigen Einrichtungen in kantonaler
    Verantwortung mit bedarfsgerechten Veloparkierungsanlagen inkl. Duschen, Umkleidemöglichkeiten,
    Spinden.„)
  27. Ich war in der Präsentation der Apps zur Navigation im Toni-Areal (manche davon hier verlinkt) aus dem Interaction Design, und habe immer noch nichts darüber geschrieben, auch nichts über die Präsentationen selbst, die sehr gut waren.
  28. Welche Überlegung steckt dahinter, dass die Seminarräume so wenige Steckdosen haben? Dass Studierende viele strombedürftige mobile Geräte haben, ist ja kein ganz neues Phänomen.
  29. Wie verwaltet das Facility Management eigentlich die Mängelliste? Also rein technisch / organisatorisch? Überhaupt war ich nur ein einziges Mal fünf Minuten beim Facility Management, dabei wäre das vermutlich einer der interessantesten Orte im Gebäude.
  30. Gibt es Strategien ranghöherer Mitarbeiter zur heimlichen Verteidigung besserer / privaterer Arbeitsplätze trotz fehlender fester Schreibtische?  Wie äussert sich Dominanzverhalten im Grossraumbüro?
  31. Verwandt damit: Braucht man in einem Grossraumbüro andere Manieren als früher? Welche?
  32. Ich war nie im ITZ, obwohl ich es angekündigt habe und mich die Lage dort sehr interessiert hätte.
  33. Das Benehmen der Gäste im MIZ, Schwerpunkt Füssehochlegen, mit einem Video des Medienrückgabeautomaten. Gespräch geführt, nie transkribiert.
  34. Verwandt damit: Der Umgang mit Externen, die keine Badges haben und weder kopieren noch drucken können. Es sieht so aus, als wäre an manchen Stellen planerisch nicht so richtig berücksichtigt worden, dass auch Gäste ins Haus kommen.
  35. Ein weiteres nie transkribiertes oder sonst irgendwie ausgewertetes Gespräch über die Arbeitsplätze im MIZ.
  36. Ich wollte gern mal eine Schicht oder wenigstens eine halbe hinter dem Café-Tresen stehen und sehen, was man dort so herausfindet.
  37. Auch das Reinigungs- und Entsorgungspersonal blieb völlig unbeobachtet. Unter anderem hätte mich die uralte Menschheitsfrage interessiert, welche Toiletten eigentlich die unbenutztesten sind (das müsste das Reinigungspersonal wegen des Toilettenpapier-Nachfüllbedarfs wissen, stelle ich mir vor): a) die, die der Tür am nächsten liegen? b) die am weitesten entfernten, wegen der Vermutung, sie seien am unbenutztesten? Oder c) die mittleren, weil alle denken, die anderen richteten sich nach a) oder b)?
  38. Die häufig sehr schlecht funktionierenden Abendveranstaltungen in ungemütlichen, fensterlosen Räumen mit müden Gästen. Unter welchen Bedingungen funktionieren sie doch?
  39. Irgendwas wollte ich Aracely Uzeda über die Forschung an der ZHdK oder ihre Räume fragen. Nur was?
  40. Bei flickr gibt es viele schöne und noch vollständig unausgewertete Fotos vom Toni-Areal.
  41. Die vermissten Archivschachteln der ZHAW – sind sie wieder aufgetaucht? Wo?
  42. Irgendwas mit Tanizakis „Lob des Schattens“ im Zusammenhang mit den Kontrasten im Gebäude (Beton und Neonlicht vs. Mehrspurklub, etc.)
  43. Die Zimmerpflanzen des Toni-Areals: Wer hat welche, warum, und was sind es für welche? Es muss ja so was wie eine Soziologie der Büropflanzen geben.
  44. Psychogeografie! Kein einziger Beitrag, der irgendwas mit Psychogeografie zu tun hat, wie konnte das passieren?
  45. Die Idee der „Internationalisierung“ der Hochschule, was steckt dahinter? Und müsste man nicht als Allererstes mal die Mohrenköpfe in den Cafés umbenennen?
  46. Diesem Vorschlag folgen: „… unterhalte dich doch mal mit Thomas Tobler, Leiter Modellwerkstatt, oder mit Industrial Design Studis (Atelier im 4. Stock zwischen Sektor C und E). Traditionell (= seit mind. 30 Jahren 🙂 organisiert das 1. Semester Industrial Design legendäre Werkstattparties. Früher befand sich die Werkstatt in einem Nebengebäude am Sihlquai, mehr oder weniger ausserhalb der Kontrolle des Hausdienstes, autonomes Territorium quasi. Beim Umzug ins Toni sahen alle das Ende dieser Tradition kommen. Nun hat letzten Freitag offenbar die erste solche Party im Toni stattgefunden, vom Hausdienst bewilligt (Triet soll überglücklich gewesen sein), rauschend bis in die Samstagmorgenstunden. Heute schienen mir alle leicht verkatert und sehr zufrieden. ‚Dass sowas im Toni geht, hätten wir nicht gedacht.'“
  47. Eine Sammlung aller @z_observer-Tweets, die auch für Leute interessant oder unterhaltsam sein könnten, die das Toni-Areal überhaupt nicht kennen.
  48. Überhaupt die Tweets noch mal thematisch zu Blogbeiträgen zusammenfassen; bei Twitter sind sie später nur noch schwer zu finden.
  49. Ich bin sicher fünfmal Roman Jurt begegnet und habe angekündigt, mal im Tec Lab vorbeizuschauen, aber es wurde nichts draus.
  50. Ich habe selten mit Musikern gesprochen, ein einziges Mal mit einem Tänzer, nie mit jemandem vom Theater.
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